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Ein „Vogelhäuschen“ setzt sich durch

Die Kreuzung East 105th Street und Euclid Avenue in Cleveland (US-Bundesstaat Ohio) hat nicht viel von einer Sehenswürdigkeit: gesichtslose Kommunalbauten und Büros, dazwischen übrig gebliebene Einfamilienhäuser und breite Straßen. Sonst nicht viel. Trotzdem ist der Platz von historischer Bedeutung - als älteste ampelgeregelte Kreuzung der Welt, und das seit genau hundert Jahren.

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An der Kreuzung der Stadt mit heute knapp 400.000 Einwohnern nahm die American Traffic Signal Company am 5. August 1914 die erste elektrische Verkehrsampel der Welt in Betrieb. Das Design von damals hat sich gehalten: rote und grüne Signale auf vier Seiten und über jedem einzelnen Lichtsignal ein kleines Dach als Schutz. Und das Design war nicht einmal der American Traffic Design Corporation selbst eingefallen, sondern eine schamlose Kopie der Idee eines US-Verkehrspolizisten.

Ein Verkehrspolizist an einer Ampel, 1924

Corbis/Schenectady Museum/Hall of Electrical History

Eine der ersten Ampeln, fotografiert 1924 im Bundesstaat New York

Bastelarbeit eines genervten Polizisten

Als unbedankter Urvater der modernen Verkehrsampel muss Lester Wire aus Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah gelten. Der Verkehrspolizist war schon 1912 vom zunehmenden Verkehr an seiner Kreuzung genervt genug, um aus einer Holzkiste und Lampen eine improvisierte Ampel zu basteln. Anfangs in der Stadt als „beleuchtetes Vogelhäuschen“ und „Wires Taubenschlag“ verlacht, erkannte Utah bald den Vorteil einer Anlage, die das Aufeinandertreffen von zwei Verkehrsteilnehmern nicht mehr zum Duell mit ungewissem Ausgang machte.

Dass die Erfindung der Ampel und ihre erste professionelle Umsetzung abseits der Metropolen geschah, ist kein Zufall: Gerade dort sorgte die Mischung aus Pferdefuhrwerken, Fußgängern und den neuen Automobilen für Gefahren. Großstädte hatten zuvor mit Verkehrssignalen experimentiert - und die Idee wieder verworfen. Der überhaupt erste Versuch, Straßenverkehr mit Signalen zu regeln, wurde in London im Jahr 1869 schnell wieder verworfen: Die Gasampel war drei Wochen nach ihrer Inbetriebnahme explodiert.

Billig oder gut?

Die Notlösung aus Salt Lake City setzte sich aber schnell durch: Sie war einfach, billig und verbreitete sich auch durch aggressives Lobbying und Marketing der American Traffic Signal Company, die nie wirklich erklären konnte, woher sie ihr Design eigentlich hatte. Die bestmögliche Lösung war sie nur bedingt. Denn schon damals gab es Verkehrssignale, die weit mehr anzeigen konnten als nur „freie Fahrt“ oder „Halt“ - etwa die nach ihrem Erfinder Josef Heuer benannten Heuer-Ampeln, die die heutigen Wartezeitampeln mit Countdown alt aussehen lassen.

Verkehrsturm am Potsdamer Platz in Berlin, 1924

picturedesk.com/akg-images

Ab den 20er Jahren breitete sich die Ampel in Europa aus, hier 1924 in Berlin. Die Opernkreuzung in Wien folgte 1926 als erste Österreichs

In der Heuer-Ampel lief ein Zeiger zwischen Rot und Grün im Kreis. Man konnte auf einen Blick erkennen, wann die Ampel umschaltet. Der grüne Bereich war auf beiden Seiten der Ampel kleiner: Eine Zeit lang hatten damit alle „Rot“, weshalb es keine dritte Übergangsphase brauchte. Durch die unterschiedliche Größe von Rot und Grün hatten auch Farbenblinde kein Problem, die Ampel richtig lesen zu können. Gerade in Österreich war die deutsche Erfindung noch bis in die 60er Jahre verbreitet, in Australien gab es mit „Marshalite“ ein ähnliches Modell.

Wenn die Ampel auf halbmast steht

Es ging aber noch besser, nämlich mit der 1922 patentierten Anlage des Afroamerikaners Garrett Morgan. Sie glich einem „T“ mit beweglichen Armen und konnte eine Vielzahl von Verkehrssituationen anzeigen: neben „Stop“, „Go“, „Alle Stop“ auch eine Warnstellung auf „Halbmast“, die das Signal zudem automatisch bei unterbrochener Stromversorgung einnahm. Rassismus mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass sich das „T“ nicht durchsetzte. Auch mit der Gasmaske, der selbst verlöschenden Zigarette und weiteren seiner Ideen machten statt Morgan andere das große Geld.

Mann reinigt Ampel im Jahr 1939

AP

Ampel wird gereinigt, USA 1939

Das Grün von gestern ist das Orange von heute

Schon zeitgenössische Tests ergaben dabei, dass Morgans „T“-Signal bei Verkehrsteilnehmern viel besser wirkte als das bloße Rot-Grün-Signal, von der Sichtbarkeit bis zur Sicherheit. Ohnehin war die Rot-Grün-Kombination aus der Not geboren - und sorgte anfangs für einige Verwirrung: Die Signalfarben waren dem Bahnverkehr entlehnt, dort stand allerdings Grün für „Achtung“, was dem heutigen Gelb/Orange entspräche. Das „Freie Fahrt“-Signal war wiederum ursprünglich weiß.

Dass das weiße Licht aus dem Straßenverkehr verbannt und „grünes Licht“ zum Synonym für freie Fahrt werden konnte, war dem nicht bruchsicheren Glas von damals zu verdanken: Auch eine rote Ampel, deren eingefärbtes Glas gebrochen war, schien freie Fahrt anzuzeigen, mit entsprechend fatalen Konsequenzen. Wie bei der Heuer-Ampel zeigte sich Österreich auch in dieser Hinsicht speziell stur: Erst im Jahr 1931, als überall sonst schon das grüne Licht selbstverständlich war, schloss man sich dem Trend an und schaffte das weiße Ampellicht ab.

Fußgängerampel am Times Square

Reuters/Lucas Jackson

Die Hand soll Fußgänger eher zum Stoppen animieren als bloßes rotes Licht

Abgesehen von der historischen Farbverwirrung zwischen Grün, Weiß und Orange waren die Ampelsysteme von damals allerdings allesamt den heutigen voraus: Sie hatten von Anfang an Ton- oder sogar aufgezeichnete Stimmsignale, die den Farbwechsel begleiteten. Nur wegen eines roten Lichts allein werde keiner der oft rücksichtslosen Automobilisten stehen bleiben, lautete die damalige Überlegung.

Lukas Zimmer, ORF.at

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