Riesenwohnblock kommt zur Ruhe
Kaum ein anderes Gebäude sticht so aus dem Stadtbild von Johannesburg: Die Werbung an der Spitze des 173 Meter hohen, runden Hauses ist kilometerweit zu sehen. Luxuswohnungen sollte der Wolkenkratzer beherbergen. Doch die politische Geschichte Südafrikas machte auch vor Ponte City nicht halt.
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Das Architektenteam Mannie Feldman, Manfred Hermer und Rodney Grosskopff wollten etwas ganz Besonderes bauen, ein Wahrzeichen für Johannesburg. 54 Stockwerke hat der Turm. Sechs der 470 Wohnungen wurden ganz besonders spektakulär: Über drei Stockwerke ziehen sich die Penthouses, mit Sauna, Weinkeller und Terrassen. Selbst ein Tennisplatz, eine Konzerthalle, eine Bowlingbahn und etliche Restaurants und Geschäfte fanden in dem Haus Platz. Aufgrund der damaligen Bauordnung, wonach Küchen und Badezimmer ein Fenster haben mussten, bekam der Turm einen breiten Lichthof, ist also quasi innen hohl.
Luxus für die weiße Oberschicht
In Zeiten der Apartheid waren Angehörige der weißen Oberschicht die ersten Mieter des 1976 fertiggestellten Turms. Das Viertel Hillbrow galt als eine der schicksten Gegenden von Johannesburg, mit teuren Geschäften, noblen Staßencafes und Nachtclubs - alles nur für Weiße. Doch schon bald änderte sich einiges. Anfang der 80er Jahre wurde es modern, aus der City Richtung Stadtrand zu ziehen.

AP/Peter Dejong
Der Innenhof des Turms, hier bei Renovierungsarbeiten
Schon zuvor begannen Einwanderer aus Europa und dem Nahen Osten, sich in Hillbrow anzusiedeln, das Viertel bekam internationales Flair. Für die Politik war das schon zu viel, bald war von einem „Skandal“ und einem „Slum“ die Rede. Wie konservativ die südafrikanische Führung war, zeigt eindrucksvoll das Beispiel Fernsehen, das erst 1976 eingeführt wurde. In den 50er und 60er Jahren verglichen Regierungsmitglieder Fernsehen mit Giftgas und der Atombombe.
Herz des Verbrechens
Als der Group Areas Act, der die räumliche Trennung von Schwarzen und Weißen regelte, in den 80er Jahren langsam aufgeweicht wurde, zogen auch erste schwarze Südafrikaner in die Gegend, schließlich standen viele Wohnungen leer, und Hausbesitzer wollten freilich weiter an ihren Immobilien verdienen. Doch es sollte bis 1990 dauern, bis der Group Areas Act endgültig Geschichte war und die Schwarzen die Townships verlassen durften.
Hunderttausende strömten in die Stadtzentren, später auch noch Zehntausende Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern. Mindestens zwei Millionen Migranten kamen binnen weniger Jahre ins Land, andere Quellen sprechen sogar von sechs Millionen. Wirtschaftliche Perspektiven gab es kaum. Damit standen Gewalt und Verbrechen auf der Tagesordnung - und Ponte City galt als das dunkle Herz der gefährlichen No-go-Area von Johannesburg.
Müll drei Stockwerke hoch
Zahlreiche Mythen kreisten um den Turm, teils wohl tatsächlich wahr, teils gut erfunden. Drogen- und Prostitutionsringe würden in Ponte City betrieben, hieß es, vor allem von nigerianischen Mafia-Bossen. Bordelle hätten sich über ganze Stockwerke gezogen. Nigerianer galten zu dieser Zeit überhaupt als Inbegriff des Bösen, heißt es in einem Artikel das US-Magazin „n+1“ zu Ponte City. Egal, woher die Menschen wirklich stammten, bei Verbrechen waren es am Schluss immer „die Nigerianer“.
Auch die Polizei habe sich praktisch nur in Hundertschaften ins Gebäude getraut, hieß es lange. Und der Turm habe Selbstmörder wie ein Magnet angezogen, lautet ein weiterer Mythos. Tatsächlich sind nur einige wenige Fälle belegt. Müll und Sperrmüll seien einfach in den Lichthof gekippt worden, zwischen drei bis fünf Stockwerke hoch habe sich der Dreck getürmt.
Umbau in Gefängnis geplant
Mit der explodieren Kriminalität sahen sich die Behörden Ende der 90er Jahre mit dem Problem konfrontiert, zu wenige Gefängnisse zu haben. Der beauftragte US-Architekt Paul Silver schlug vor, Ponte City einfach umzubauen. „Es ist absolut perfekt“, meinte er damals: „Es ist ein lausiges Wohnhaus, aber ein perfektes Gefängnis“.
Die Behörden signalisierten bereits grünes Licht, in der Bevölkerung macht der Scherz die Runde, das man nur an die Eingangstüre ein großes Schloss anbringen müsste, und fertig sei das Gefängnis. Irgendwann setzte sich dann doch die Erkenntnis durch, dass es für das Image der Stadt und des Landes eher abträglich sei, wenn ein Gefängnis das Stadtbild so dominiere wie Ponte City in Johannesburg. Das Projekt wurde abgeblasen.
Wirtschaftskrise stoppte Revitalisierung
Angesichts der nahenden Fußball-WM in Südafrika 2010 wollten zwei Immobilienentwickler Ponte City zu neuem Glanz verhelfen - und freilich auch viel Geld damit machen. David Selvan and Nour Ayyoub wollten um rund 110 Millionen Rand (heute rund 8,4 Mio. Euro) das Gebäude kaufen und begannen es 2007 zu renovieren.

AP/Peter Dejong
Warten auf den Lift im Erdgeschoß
Mit thematisch gestalteten Wohnungen wollte man die Mittelschicht ansprechen, die Bewohner in den Stockwerken elf bis 34 mussten ausziehen. Doch mitten in der Bauphase erfasste die Wirtschaftskrise das Unternehmen, mitten in den Bauarbeiten wurde das Projekt abgebrochen. Der Turm ging an den alten Eigentümer zurück, an die Kempston Group, die ausgesiedelten Mieter kehrten wieder zurück.
Bis 2011 renoviert
Das Haus wurde dann dennoch weiter saniert, Stockwerk für Stockwerk. Acht neue Lifte wurden eingebaut, bei den alten funktionierte früher manchmal nur ein einziger. Die Wohnung zu verlassen oder in sie zurückzukehren, wurde da zum Geduldspiel. 2011 erstrahlte das Gebäude dann im neuen Glanz, mit Sicherheitspersonal rund um die Uhr und Zugang nur nach Fingerprintkontrollen, berichtete die Zeitung „Mail & Guardian“ 2012. Tatsächlich ist dann beinahe so etwas wie Normalität in Ponte City eingekehrt. So wie sich die Kriminalitätsrate in ganz Südafrika verbesserte, ging es auch in Hillbrow bergauf. Heute ist Ponte City fast ein gewöhnliches Wohnhaus.
Anziehungskraft auf Künstler
Über Jahre hinweg widmeten sich auch immer wieder Künstler dem Turm: Der deutsche Autor Norman Ohler ließ die Protagonisten seines Romans „Stadt des Goldes“ darin wohnen. Der britische Regisseur Danny Boyle kündigte an, den Stoff zu verfilmen, eine Umsetzung fand aber nie statt. Dafür gibt es gleich einige Dokumentarfilmer, die den Turm ins Zentrum eines Filmes setzten. Der Brite Philip Bloom drehte 2012 die Kurzdoku „Ponte Tower“, die Journalistin Ingrid Martens widmete sich in „Africa Shafted: Under One Roof“ der Frage des Zusammenlebens von Migranten aus verschiedenen Teilen Afrikas in dem Gebäude.
2002 drehte die Produktionsfirma Rapid Blue „Guardians of Midnight“ und dokumentierte den Wahnsinn einer Silvesternacht in dem Haus aus der Sicht von Sanitätern. Das renommierteste Kunstprojekt lieferten aber die Fotografen Mikhael Subotzky und Patrick Waterhouse ab. Drei Jahre, von 2008 bis 2010, fotografierten die beiden den Blick auf jede Tür und jedes Fenster des Turms.
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