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Identifizierung in Niederlanden „schneller“

Ukrainische Helfer haben die Bergungsarbeiten am Wrack des vermutlich abgeschossenen Passagierflugzeugs MH17 im Osten des Landes beendet. Die Helfer hätten 282 Leichen und 87 Leichenteile der übrigen 16 Todesopfer gefunden, sagte Vizeregierungschef Wladimir Groisman in Kiew.

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Die Fläche war zuletzt von 35 auf 50 Quadratkilometer erweitert worden. Rund 200 Helfer und etwa 800 Freiwillige aus der früheren Sowjetrepublik waren im Einsatz. Die sterblichen Überreste der Opfer seien in Eisenbahnkühlwaggons gebracht worden, sagte Groisman. Der Zug in der Ortschaft Tores startete Montagabend - es wird erwartet, dass er in die rund 300 Kilometer entfernte Stadt Charkiw fährt. Dort warte bereits eine internationale Gruppe von 31 Experten unter anderem aus den Niederlanden und Deutschland, sagte der Vizeregierungschef.

Rutte will Leichen ausfliegen lassen

Unklar ist, ob die Leichen in Charkiw identifiziert werden oder in die Niederlande ausgeflogen werden. Die ukrainische Regierung hatte sich bereit erklärt, die Leitung der Ermittlungen zum Absturz niederländischen Experten zu überlassen. Die weitaus meisten Opfer stammten aus den Niederlanden. „Die Identifizierung geht in den Niederlanden viel schneller“, sagte Ministerpräsident Mark Rutte im Parlament in Den Haag.

OSZE-Mitarbeiter untersuchen Zug

APA/EPA/Robert Ghement

Die Leichen werden in Kühlwaggons gelagert

Opfer von internationalen Experten inspiziert

Fachleute aus den Niederlanden und Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) haben am Montag nach OSZE-Angaben Zugang zu den drei Waggons in Tores bekommen. Nach Auffassung der Experten sind die Leichen fachgerecht gelagert. Davor hatte es geheißen, dass es sich bei den Waggons nicht um gekühlte Wagen handle. Die Ermittler erhoffen sich nicht nur eine Identifikation der Opfer, sondern auch Rückschlüsse auf die Ursache des Absturzes von MH17 über der Ostukraine.

Malaysischer Premier: Rebellen übergeben Blackbox

Am Montagabend erklärte der malaysissche Premierminister Najib Razak, dass die prorussischen Separatisten zugestimmt hätten, die beiden Blackboxes der abgestürzten Maschine an malaysische Ermittler zu übergeben. Die Flugschreiber sollen noch am Montag ausgehändigt werden. Darüber hinaus habe der Rebellenführer Alexander Borodai zugesichert, dass den internationalen Ermittlern ein „sicherer Zugang“ zur Unglücksstelle ermöglicht werde, so Razak.

Bisher konnten ausländische Luftfahrtexperten den Absturz nur via Ferndiagnose untersuchen. 14 Experten wurden am Montag mit einem Flugzeug des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in die Großstadt Charkiw geflogen, wie dessen Pressedienst in Kiew mitteilte. Zunächst verschafften sie sich von Charkiw aus anhand von Fotos der 300 Kilometer entfernten Unglücksstelle bei Grabowo einen Überblick. Dann gaben sie Fachleuten an der Absturzstelle die Order, weitere Panoramabilder zu erstellen. Auch Teile des Rumpfes und des Cockpits wurden genauer fotografiert.

Obama nimmt Putin in die Pflicht

Dass den Experten der Zugang zur Unfallstelle derart erschwert wird, kritisierte am Montag US-Präsident Barack Obama in einer Rede scharf. Er forderte eine schnelle und umfassende Untersuchung. „Wir müssen sicherstellen, dass die Wahrheit herauskommt“, sagte Obama in Washington. Die Experten müssten ungehindert ihrer Arbeit nachgehen können, doch die von Russland unterstützten Separatisten würden Beweise von der Absturzstelle entfernen. „Was genau wollen sie verbergen?“, fragte Obama. Die zum Teil sorglose Entfernung von Leichen sei eine Beleidigung der Angehörigen.

Russlands Präsidenten Wladimir Putin rief er dazu auf, die Separatisten davon abzuhalten, die Untersuchung zu behindern. Putin habe einen „direkten Einfluss“ auf die Separatisten, die von russischer Seite trainiert und bewaffnet worden seien. „Die Bürde liegt bei Russland“, sagte Obama. „Die Separatisten und die russischen Sponsoren sind verantwortlich für die Sicherheit der Ermittler.“

Moskau: Ukrainischer Kampfjet war nahe der Boeing

Moskau seinerseits warf der Ukraine vor, dass vor dem Absturz der Maschine ein ukrainischer Kampfjet in der Nähe gewesen sein soll. Der Abfangjäger vom Typ Suchoi-25 sei auf die Boeing 777 zugeflogen, sagte Generalleutnant Andrej Kartopolow vom russischen Generalstab in Moskau. „Die Entfernung der Su-25 zur Boeing lag zwischen drei und fünf Kilometern.“ Das ergebe sich aus Aufzeichnungen der russischen Flugüberwachung. So ein Kampfjet sei mit Luft-Luft-Raketen bewaffnet, der auf diese Entfernung ein Ziel hundertprozentig zerstören könne. Die Ukraine solle Auskunft über dieses Flugzeug geben, forderte er. Tatsächlich liegt die Dienstgipfelhöhe der Su-25 bei 7.000 Metern.

Kämpfe und eingeschränkte Infrastruktur in Donezk

Die ukrainische Armee und prorussische Separatisten liefern sich auch nach dem Absturz der malaysischen Boeing schwere Gefechte. Dabei schienen Kiew-treue Kräfte am Montag Geländegewinne zu machen. Für eine Zone von 40 Kilometer im Umkreis um die Absturzstelle bei dem Ort Grabowo verkündete der ukrainische Präsident aber eine Feuerpause.

Besonders heftig tobten nach übereinstimmenden Berichten die Gefechte in der Großstadt Donezk. Nach intensivem Artilleriebeschuss stand schwarzer Rauch über dem Bahnhof. Auch am stillgelegten internationalen Flughafen kam es zu Schusswechseln. „Rund um Donezk gibt es Kämpfe. Die Situation ist sehr schwierig“, sagte Andrej Purgin, der Vizeregierungschef der nicht anerkannten Volksrepublik Donezk, in russischen Medien. Er sprach von Dutzenden Toten unter der Zivilbevölkerung. Dafür gab es allerdings keine Bestätigung.

Pro-russische Rebellen stehen an der Absturzstelle, einer von ihnen hält ein Plüschtier hoch

APA/AP/Dmitry Lovetsky

Ein Separatist hält das Stofftier eines Opfers hoch

Die Wasserversorgung der Stadt wurde wegen Leitungsschäden auf drei Stunden am Tag beschränkt. Selbst damit reiche der Trinkwasservorrat nur noch für fünf Tage, teilte der städtische Versorger mit.

Putin warnt vor politischem „Missbrauch“

Kreml-Chef Putin wies am Montag in einer Videobotschaft eine Verantwortung Russlands zurück und warnte vor einem „Missbrauch“ der Katastrophe. „Russland unternimmt alles, damit der Konflikt zu Gesprächen mit friedlichen und ausschließlich diplomatischen Mitteln übergeht“, sagte Putin. Niemand dürfe die Tragödie für eigennützige politische Ziele ausnutzen. „Solche Ereignisse sollten Menschen nicht trennen, sondern zusammenführen“, unterstrich der russische Präsident.

Russland mit eigenem Resolutionsentwurf

Noch am Montagabend stimmte der UNO-Sicherheitsrat für eine Resolution zum Absturz der Passagiermaschine. Dem Gremium lagen vor der Abstimumung zwei Resolutionsentwürfe vor. Russland hatte in der Nacht einen eigenen Vorschlag vorgelegt, der sich an einem Entwurf Australiens orientiert. Unterschiede gab es jedoch bei der Rolle der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO).

Trümmerteile der abgestürzten Boeing

Reuters/Maxim Zmeyev

Die Trümmer sind kilometerweit verteilt

Der australische Entwurf fordert von allen Beteiligten, insbesondere den prorussischen Separatisten, eine uneingeschränkte Zusammenarbeit mit den internationalen Behörden. Gleichzeitig wird jede Manipulation an der Absturzstelle untersagt. In dem Papier wird gefordert, dass Flugschreiber und andere Beweise sofort ausgehändigt werden.

Dem Papier nach soll die ICAO zwar helfen und alle Dokumente auswerten, geleitet werden sollen die Ermittlungen aber von den nationalen Behörden - wie bei Abstürzen üblich. Die Russen wollen hingegen nicht, dass die ukrainischen Behörden die Verantwortung haben, sondern die ICAO. Diplomaten zufolge gibt es im Rat kaum Unterstützung für die Russen. Da Moskau die Resolution aber per Veto verhindern kann, ist der Ausgang völlig offen.

Westen erhöht Druck auf Putin

Um eine bedingungslose Kooperation der Separatisten zu erzwingen, verstärkt die internationale Gemeinschaft den Druck auf Russland. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident Francois Hollande und der britische Premierminister David Cameron drohten Moskau mit einer Ausweitung der EU-Sanktionen. Putin müsse umgehend auf die Moskau-treuen Rebellen einwirken, um den ungehinderten Zugang der Ermittler zum Absturzgebiet zu gewährleisten, hieß es in Paris und London.

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