„Hastiges Verschleiern“
Nach dem vermutlichen Abschuss der malaysischen Passagiermaschine mit der Flugnummer MH17 hat die ukrainische Regierung am Samstag schwere Vorwürfe erhoben: Die prorussischen Separatisten sollen Beweismaterial vom Absturzort weggeschafft und zerstört haben. Mit Hilfe Russlands wollen die Rebellen Beweise für „internationale Verbrechen“ vernichten, erklärte die Regierung in Kiew.
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So hätten die Rebellen etwa 38 Leichen nach Donezk geschafft, um offenbar selbst Autopsien vorzunehmen. Die Separatisten bestätigten am Abend den Abtransport sterblicher Überreste von der Absturzstelle. „Einige Dutzend Leichen“, die mitten in der Ortschaft Grabowo gelegen seien, seien „in Anwesenheit von OSZE-Beobachtern“ nach Donezk gebracht worden, sagte der Rebellensprecher Sergej Kawtaradse. „Es war aus hygienischen Gründen unmöglich, sie weiter dort liegen zu lassen“, sagte Kawtaradse. Die Leichen würden in Donezk ausländischen Experten übergeben.
Noch kurz zuvor hatten die ukrainischen Sicherheitsbehörden erklärt, sich mit Russland, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und den prorussischen Separatisten auf eine Sicherheitszone am Absturzort geeinigt zu haben. So solle die Identifizierung der Opfer ermöglicht werden.
Expertenteams treffen ein
In der ukrainischen Hauptstadt Kiew traf unterdessen ein Team aus Malaysia ein. Die insgesamt 132 Experten, darunter Ärzte und Militärs, wollen am Sonntag zum Absturzort fahren. Auch der niederländische Außenminister Frans Timmermans kam mit einer Gruppe von 15 Experten in Kiew an.
Es besteht die große Sorge, dass es den beteiligten Kräften in der Ostukraine gelingen könnte, eine Aufklärung der Katastrophe zu verhindern und Täter ihrer Strafe entgehen könnten. „Das Problem ist, dass es keine Absperrung des Ortes gibt, wie sonst üblich. Jeder kann da rein und womöglich mit Beweisstücken herumhantieren“, kritisierte OSZE-Sprecher Michael Bociurkiw. Zudem gebe es keinen echten Ansprechpartner aufseiten der Rebellen. Das erschwere die Suche nach den beiden Flugschreibern der Boeing.
Rebellen blockierten Absturzstelle
Das Flugzeug wurde am Donnerstag vermutlich abgeschossen. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die genauen Hintergründe sind unklar. Der britische „Guardian“ berichtete am Samstag, eine „Einheit schwer bewaffneter Rebellen“ hätte ein 30-köpfiges OSZE-Team daran gehindert, sich an der Absturzstelle frei zu bewegen. Ein großer Teil davon sei „abgesperrt“ worden. Schließlich seien die Inspektoren nach einem „stundenlangen Patt“ wieder abgezogen. Ein Kommandant der Separatisten habe Warnschüsse abgefeuert. Am Samstag konnten sich die Inspektoren zu Fuß und mehrere Stunden lang am Unglücksort bewegen.

Reuters/Maxim Zmeyev
Die Trümmer sind kilometerweit verteilt
Zuvor hatten die Separatisten nicht nur versichert, dass sie einer Untersuchung des Absturzortes nicht im Wege stehen würden, sondern auch eine Feuerpause angekündigt, damit Spezialisten das Wrack untersuchen und die Toten bergen könnten. An den Leichen habe bereits die Verwesung eingesetzt, sagte OSZE-Sprecher Michael Bociurkiw. „Es braucht unbedingt ein Expertenteam. Es gibt in kurzer Zeit sehr viel zu tun.“ Es werde angesichts der Lage in dem Gebiet und der über Kilometer verteilten Trümmer des Flugzeuges ohnehin schwierig, die etwaige Absturzursache festzustellen.
Unterdessen schickte Großbritannien Spezialisten für Flugzeugabstürze in die Ostukraine, um bei der Untersuchung der Wrackteile der malaysischen Passagiermaschine zu helfen. Das sechsköpfige Team solle am Samstag in Kiew eintreffen, teilte die Regierung mit. Das Außenministerium entsandte zusätzliches Konsulatspersonal in die Ukraine, außerdem sollen britische Polizisten bei der Bergung, Identifizierung und dem Heimtransport der getöteten Passagiere helfen.
Kreditkarten von Passagieren gestohlen?
Niederländische Banken leiteten unterdessen Vorsichtsmaßnahmen gegen möglichen Kreditkartenbetrug ein. Es gebe Berichte, wonach Kreditkarten von Absturzopfern vom Trümmerfeld „gestohlen“ worden seien, teilte der niederländische Bankenverband am Samstag mit. Mögliche illegale Abbuchungen würden den Angehörigen ersetzt, hieß es in der Erklärung.
Kommentare im Internet wieder gelöscht
Laut einem weiteren Bericht des „Guardian“ würden die Separatisten derzeit außerdem „hastig“ daran arbeiten, alle Verbindungen zu der Luftabwehrbatterie vom Typ Buk M1, mit dem die Boeing 777 der Malaysia Airlines laut US-Geheimdiensterkenntnissen abgeschossen worden sein soll, „zu verschleiern“. Das sei auch das Motiv, weshalb sie der OSZE den Zugang zum Flugzeugwrack verwehrt hätten.
Unmittelbar nach dem Absturz des Passagierjets an Bord hätten die Rebellen noch damit geprahlt, einen - so die falsche Annahme - ukrainischen Militärtransporter vom Typ Antonov abgeschossen zu haben. Entsprechende Kommentare im Internet seien inzwischen allerdings verschwunden.
Die meisten Opfer sind Niederländer
Die Boeing 777 war am Donnerstag nach einem mutmaßlichen Raketenbeschuss in dem von Rebellen kontrollierten Gebiet nahe der Stadt Donezk abgestürzt. Nach Angaben des malaysischen Transportministers Liow Tiong Lai vom Freitag kamen 193 Niederländer ums Leben. Außerdem starben 44 Malaysier, 27 Australier, zwölf Indonesier, neun Briten, vier Deutsche, vier Belgier, drei Philippiner, ein Kanadier und ein Neuseeländer. Noch sei nicht bei allen Getöteten die Nationalität festgestellt worden. Österreicher waren laut Außenministerium keine an Bord.

APA/AP/Dmitry Lovetsky
Das Gepäck der Passagiere auf einer Wiese
Ukrainische Rettungskräfte haben nach dem Absturz der malaysischen Passagiermaschine bisher 186 Leichen entdeckt. Ein Großteil der rund 25 Quadratkilometer großen Absturzfläche sei bereits abgesucht worden, teilte ein Sprecher des Katastrophenschutzministeriums in Kiew am Samstag mit. Die prorussischen Rebellen hätten den Rettungskräften erlaubt, nach den Opfern zu suchen. „Aber sie haben nicht gestattet, dass irgendetwas aus dem Gebiet weggebracht wurde“, sagte der Sprecher. „Die Rebellen haben alles weggebracht, was sie gefunden haben.“
Aus dem Innenministerium in Kiew hieß es, dass die sterblichen Überreste der Passagiere nach Charkow gebracht werden sollen. In der etwa 300 Kilometer von der Absturzstelle entfernten Stadt werde ein Labor zur Identifizierung eingerichtet.
Kiew zeigt mit dem Finger auf Moskau
Die Regierung in Kiew sieht in dem mutmaßlichen Abschuss einen „Terrorakt“ der prorussischen Separatisten. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko rief außerdem die internationale Gemeinschaft zum Schutz vor dem „Aggressor“ Russland auf. „Die ganze Welt hat das wahre Gesicht des Aggressors gesehen“, sagte Poroschenko. „Der Abschuss eines zivilen Flugzeuges ist ein Akt des internationalen Terrorismus, der sich gegen die ganze Welt richtet.“
Von russischer Seite aus würden ukrainisches Gebiet und Flugzeuge beschossen sowie Kriegstechnik und Söldner geschickt. Poroschenko berichtete auch von abgehörten Gesprächen, bei dem ein Separatistenführer mit dem Abschuss des Passagierflugzeuges geprahlt habe - in einer Unterhaltung mit seinem „russischen Kurator“ Wassili Geranin vom Militärgeheimdienst GRU beim Generalstab in Moskau.
Abstruse Verschwörungstheorien
Das Verteidigungsministerium in Moskau will zum Zeitpunkt des Absturzes Radaraktivitäten ukrainischer Luftabwehrbasen registriert haben. Nach Darstellung des ukrainischen Verteidigungsministeriums hatte die Luftwaffe dagegen am Tag des Absturzes keine Abwehrsysteme vom Typ Buk im Einsatz. Die Waffensysteme würden während der „Anti-Terror-Operation“ gegen die prorussischen Kräfte in der Ostukraine nicht eingesetzt. Es habe keinen einzigen Start einer Rakete gegeben, teilte das Ministerium mit.
Eine weitere Verschwörungstheorie, die in russischen Medien kursiert: Die ukrainische Armee habe die Boeing versehentlich abgeschossen, weil sie sie für die Maschine des russischen Präsidenten Wladimir Putin gehalten habe. Die Rebellen sollen außerdem behauptet haben, die Menschen an der Absturzstelle seien „bereits lange Zeit tot“, so der „Guardian“, bei dem Flugzeug handle es sich um jene Boeing 777 der Malaysia Airlines, die seit Monaten vermisst wird. Flug MH370 von Kuala Lumpur nach Peking war Anfang März über dem Indischen Ozean von den Radarschirmen verschwunden, seitdem fehlt von der Maschine mit 239 Menschen an Bord jede Spur.
Weiter heftige Kämpfe
In der ostukrainischen Rebellenhochburg Luhansk tobten unterdessen nach Angaben von Anwohnern weiter heftige Kämpfe. Prorussische Separatisten schossen demnach im südöstlichen Teil der Stadt am Samstag im Minutentakt wild um sich. Am Freitag hatte Verteidigungsminister Waleri Heletej erklärt, die Armee habe in diesen Vierteln die Kontrolle übernommen. Die Regierung in Kiew hat ihre Militäroffensive gegen die Rebellen in den vergangenen Wochen verschärft.
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