Riesige Waffenarsenale erbeutet
Die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS) bewegt sich unaufhaltsam auf die irakische Hauptstadt Bagdad zu. ISIS-Kämpfer haben bereits große Teile der Provinzen Ninive, al-Anbar und Salaheddin in ihrer Kontrolle. Am Mittwoch rückten die Kämpfer weiter auf Tikrit zwei Stunden von Bagdad entfernt vor.
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Bei der Erstürmung von Tikrit gingen ISIS-Kämpfer nach bekanntem Muster vor. Sie setzten Polizeistationen in Brand und ließen Hunderte Gefängnisinsassen frei. Auf ihrem Weg Richtung Süden nahmen die schwer bewaffneten Kämpfer auch den strategisch wichtigen Ort Baidschi rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad ein.

Reuters
Riesige Rauchwolken über Mossul
Raffinerie kampflos eingenommen
Die ISIS-Kämpfer hatten sich zuvor per Handy bei den Stammesältesten von Baidschi gemeldet und ihnen angekündigt, sie würden kommen, um „die Kontrolle zu gewinnen oder um zu sterben. Also raten wir euch, sagt Euren Söhnen in der Polizei und der Armee, sie sollen ihre Waffen niederlegen und abziehen“,
berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Offenbar konnten sie so auch die Ölraffinerie kampflos einnehmen. Von Stammesführern kommandierte Milizen hätten die Islamisten jedoch vom Elektrizitätswerk, das auch die Hauptstadt versorgt, vertreiben können, berichtete Reuters.

APA/ORF.at
Die Ölraffinerie in Baidschi ist die größte des Landes und kann 300.000 Barrel Öl pro Tag verarbeiten. Sie beliefert fast alle irakischen Provinzen und auch die wichtigsten Kraftwerke der Hauptstadt Bagdad mit Treibstoff. Ein Arbeiter sagte gegenüber Reuters, dass die Kämpfer den Arbeitern der Frühschicht den Zutritt verweigert hätten. Die Produktion laufe jedoch noch weiter.
Hoffen auf kurdische Hilfe
Der irakische Außenminister Hoschjar Sebari sprach bei einem Treffen in Athen von einer „ernsten und tödlichen“ Bedrohung für sein Land. Alle Anführer im Irak müssten sich gemeinsam gegen die Aufständischen stellen, forderte Sebari. „Die Antwort auf das, was geschehen ist, muss rasch kommen.“ Die Zentralregierung hofft auch auf Hilfe der autonomen kurdischen Regionalregierung. „Es wird eine engere Kooperation zwischen Bagdad und der Regionalregierung in Kurdistan geben, um gemeinsam die ausländischen Kämpfer zu verjagen“, sagte der Minister am Rande eines Treffens zwischen Vertretern der Arabischen Liga und der EU.
Der für Notstandsmaßnahmen zuständige Direktor bei Human Rights Watch, Peter Bouckaert, sagte, die ISIS-Kämpfer hätten auf ihrem Feldzug große Waffenarsenale der irakischen Armee erbeutet. Die Waffen könne ISIS nun in das Bürgerkriegsland Syrien einschleusen.
500.000 Menschen auf der Flucht
Bereits am Dienstag hatte ISIS mit Mossul die zweitgrößte Stadt des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. Während des Angriffs flohen nach Angaben internationaler Helfer rund 500.000 Menschen der Drei-Millionen-Einwohner-Stadt. Sie hätten ihre Wohnhäuser aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen verlassen, berichtete die Internationale Organisation für Migration (IOM) am Mittwoch in Genf.

Reuters
ISIS zieht eine Spur der Verwüstung
Türkische Diplomaten als Geiseln
Kämpfer der ISIS hatten die Millionenstadt nach mehrtägigen Kämpfen eingenommen. Die Regierung in Bagdad räumte den Abzug der Armee aus der nördlichen Metropole ein. Es gebe eine „bedeutende Zahl an Opfern unter den Zivilisten“, erklärte die IOM. Die vier großen Krankenhäuser der Stadt seien unerreichbar, weil sie in der Kampfzone lägen. Mehrere Moscheen seien zu Lazaretten umfunktioniert worden, um die Verletzten zu versorgen.
Kämpfer stürmten auch die türkische Botschaft in Mossul und nahmen 48 Geiseln, wie türkische Medien berichteten. Seit Dienstag werden zudem 30 Lkw-Fahrer vermisst, die Diesel zum Kraftwerk von Mossul liefern sollten. Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan berief am Mittwoch eine Sondersitzung zur Lage im Irak ein.
Auf ihrem Vormarsch Richtung Süden töteten die Kämpfer auch 15 Sicherheitskräfte. Das gaben ein Polizeioffizier und Mitarbeiter der örtlichen Behörden bekannt. Demnach wurden in Ridschad sechs, in Raschad vier und am Kontrollposten Talkija fünf Sicherheitskräfte getötet.
Entscheidung über Notstand am Donnerstag
Am Donnerstag soll das irakische Parlament über die Forderung von Ministerpräsident Nuri al-Maliki beraten, den Notstand zu verhängen. Damit hätte der umstrittene schiitische Regierungschef mehr Befugnisse, um in den Konflikt mit den sunnitischen Aufständischen einzugreifen. Viele Sunniten fühlen sich benachteiligt durch die schiitisch dominierte Regierung.
US-Außenamtssprecherin Jen Psaki appellierte an die irakischen Politiker, als Einheit gegen die „regionale Gefahr“ ISIS vorzugehen. Es müsse mehr für die Sicherheit des irakischen Volkes getan werden. „Und wenn ich sage, dass die Politiker an Ort und Stelle mehr leisten können, dann schließt das natürlich auch Maliki ein.“
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