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„Es gibt keine Hoffnung mehr“

Die Zahl der Toten bei dem verheerenden Unglück in einem Kohlebergwerk in Soma im Westen der Türkei ist in der Nacht auf Mittwoch nach Angaben von Energieminister Taner Yildiz auf mindestens 205 gestiegen. Hunderte Kumpel dürften noch in dem Bergwerk eingeschlossen sein. Zum Unglückszeitpunkt seien 787 Kumpel unter Tage gewesen, teilte der Minister mit.

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Die Rettungsmaßnahmen gestalten sich zu einem „Rennen gegen die Zeit“. Durch die Explosion einer Stromanlage in der Nähe des Ausgangs und das dadurch ausgelöste Feuer funktionieren weder Aufzüge noch die Luftzufuhr. Die bisher tot geborgenen Bergleute seien an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben, heißt es von den Rettern.

Minenarbeiter, Angehörige und Rettungskräfte warten vor Mineneingang

APA/EPA/Tolga Bozoglu

Banges Warten vor dem Zugang zum Bergwerk

Unter dem Jubel der wartenden Kumpel wurden Mittwochvormittag, mehr als 18 Stunden nach dem Grubenunglück, sechs weitere Überlebende geborgen. Unklar sei, ob die Männer verletzt sind, berichtete die Zeitung „Hürriyet“ (Onlineausgabe). Damit steigt die Zahl der geretteten Bergmänner auf 369, 88 davon sind zum Teil schwer verletzt. Unter den Verletzten sind auch einige Rettungsmänner. Vier befinden sich noch in kritischem Zustand. Eine Lagerhalle wurde kurzfristig zu einem Krankenhaus umfunktioniert. Regelmäßig veröffentlichen die Ärzte Namenslisten von den Überlebenden, die an die wartenden Angehörigen und Freunde weitergegeben werden.

Rauch behinderte Rettungsarbeiten

Ursache war ersten Untersuchungen zufolge offenbar ein Defekt in der Elektrik eines Umspannwerkes. Dichter Rauch breitete sich in den Stollen aus. Durch die Explosion brach auch unter Tage Feuer aus, wie Bergleute berichteten, was die Rettungsmaßnahmen zusätzlich erschwerte. Der Brand sei auch 18 Stunden nach dem Unglück noch nicht unter Kontrolle, bestätigte Energieminister Yildiz. Helfer pumpen Sauerstoff in die Stollen, um die Überlebenschance der vermissten Kumpel zu erhöhen.

Minenarbeiter umarmt Angehörige

Reuters/Osman Orsal

Die Hoffnung auf Überlebende schwindet mit jeder Stunde

Die meisten Bergleute steckten rund einen Kilometer vom Eingang der Grube entfernt fest, konnten jedoch wegen defekter Aufzüge nicht nach oben fahren, wie Überlebende berichteten. Aus Sicherheitskreisen hieß es, es hätten sich zwei Luftblasen gebildet. Zu der einen hätten die Bergungskräfte Zugang. In der anderen seien die Kumpel aber von jeder Hilfe abgeschnitten. Weil das Unglück während des Schichtwechsels passierte, gab es während des gesamten Dienstags keinen Überblick über die Zahl der Verschütteten.

Eine Grafik zeigt den Ort des Minenunglücks in der Türkei

APA/ORF.at

Soma liegt 250 km südlich von Istanbul

Erst in der Nacht wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe bekannt. Vor dem Krankenhaus der Stadt versammelten sich Angehörige der Verletzten sowie Mitarbeiter des Bergwerks. Die Polizei hielt die Menschenmenge zurück. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sagte nach Angaben von Insidern eine für Mittwoch geplante Albanien-Reise ab. Er werde stattdessen zum Unglücksort reisen, hieß es aus seinem Büro.

Hoffnung schwindet zusehends

Während die Rettungsarbeiten weiter auf Hochtouren laufen, schindet die Hoffnung auf Überlebende von Stunde zu Stunde. „Was die Rettungsmaßnahmen betrifft, muss ich sagen, dass unsere Hoffnungen schwinden“, gestand Yildiz Mittwochfrüh ein. „Die Zeit arbeitet gegen uns. Wir befürchten, dass die Totenzahl weiter steigt.“ Auch aus den umliegenden Minen wurden Arbeiter abgezogen, um bei der Rettung zu helfen. Einer der Kumpel berichtete der Agentur AP, er sei auf der Suche nach seinem Bruder in die Mine gegangen, habe aber nach 150 Metern wieder umdrehen müssen. „Es gibt keine Hoffnung mehr.“

Gewerkschaft spricht von „Massaker“

Die Bergwerksgesellschaft erklärte, das Unglück sei „trotz höchster Sicherheitsstandards und ständiger Kontrollen“ passiert, und kündigte eine Untersuchung an. Das Arbeitsministerium erklärte, die Mine sei seit 2012 fünfmal kontrolliert worden, zuletzt im März 2014. Es habe keinen Anlass zur Beanstandung gegeben. Türkische Medien berichteten, die Regierungspartei AKP habe in den vergangenen Monaten eine Forderung der Opposition nach Überprüfung der Grube zurückgewiesen. Ein Bergmann sagte indes der Nachrichtenagentur AFP: „Es gibt in diesem Bergwerk keine Sicherheit. Die Gewerkschaften sind Marionetten, und die Geschäftsführung kümmert sich nur ums Geld.“

Für den linken Gewerkschaftsbund DISK ist das Unglück von Soma deshalb ein „Massaker“, wie der Vorsitzende Kani Beko sagte. In Gruben wie in der von Soma seien ganze Ketten von Subunternehmern am Werk, die nicht vernünftig kontrolliert würden. Sicherheitsvorschriften würden außer Acht gelassen: „Es geht nur um den Gewinn.“

Dreitägige Staatstrauer ausgerufen

In der Türkei kommt es immer wieder zu tödlichen Grubenunfällen. Mehrfach gab es in den vergangenen Jahren Verstöße gegen Sicherheitsbestimmungen, oder es wurden veraltete Arbeitsgeräte eingesetzt. Das bisher folgenschwerste Unglück der vergangenen Jahrzehnte ereignete sich 1992 in einem Bergwerk in der Provinz Zonguldak. Dort starben bei einer Gasexplosion 263 Menschen. Das Grubenunglück in Soma könnte jedoch laut Yildiz das schlimmste in der Geschichte des Landes werden. Die Regierung hat eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen.

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