Kino: Jakarta im Widerstand
In seinem einfühlsamen Dokumentarfilm „Jakarta Disorder“ beschreibt Ascan Breuer zivilgesellschaftlichen Widerstand am Beispiel von Slum-Bewohnern am Rande der indonesischen Metropole. Menschen, die sich zäh und gewaltlos dagegen wehren, dass ihre Behausungen teuren Hochhausblöcken weichen sollen. Der Film läuft nun in heimischen Kinos an.
Weg mit den Slums - die informellen Siedlungen am Rande Jakartas, in denen Tausende Menschen mehr schlecht als recht leben, stören doch nur. Das neue Jakarta, so wie es sich die Regierung wünscht, soll aussehen wie die Hochhaussiedlungen in Singapore oder Bangkok. 300 Dollar wird eine Wohnung darin einmal monatlich kosten, 2.000 sind als Sicherheit zu hinterlegen – unbezahlbar für die Bewohner der so genannten „Kampungs“ in Jakarta, die mit Tageslöhnen von 2,50 bis fünf Dollar sich und ihre Familie durchbringen müssen. Und obwohl es offiziell heißt, die neuen schönen Wohnblöcke, die sogar durch Grünflächen verbunden sind, seien für die ehemaligen Bewohner der Kampungs gebaut, sind sich alle im Klaren: Die Kampungs werden abgerissen, und was mit ihren Bewohnern passiert, interessiert niemanden, denn sie haben keine Lobby.
Oder etwa doch? „Jakarta Disorder“ beschäftigt sich mit zivilem Widerstand gegen die staatliche Bauwut zu Gunsten der Besserverdienenden. Ein so genanntes „Urban Poor Consortium“ ist entstanden, ein Gremium, das die Kräfte der Kampung-Bewohner bündelt, ihre Forderungen sammelt und den Verantwortlichen zu Gehör bringt. Dass die Worte der Armen dort nicht sofort wieder verhallen, dafür sorgt die Koordinatorin des Consortiums, Wardah Hafidz, eine kleine energische Frau mit kurzem Haar. Zusammen mit Oma Dela, die ihr ganzes Leben in einem Kampung verbracht hat, das immer wieder von Räumung bedroht war, kämpft sie den mühsamen Kampf gegen die Bürokratie – und das in einem Land wie Indonesien, wo die Tätigkeit von Bürgerinitiativen noch nicht zum selbstverständlichen Bestandteil der Gesellschaft gehört.
Wasserknappheit, kein Rückzugsraum
Regisseur Ascan Breuer nimmt den Zuschauer mit in die Behausungen der Kampungs mit ihren typischen Problemen: Überbelegung, fehlender Rückzugsraum, Trinkwasserknappheit, mangelnde Hygienestandards. Der gebürtige Hamburger verfolgt Wardah Hafidz bei ihren Bemühungen, den Kampung-Bewohnern Mut zu machen und sie zu mobilisieren, selbst die Initiative zu ergreifen, Unterschriften zu sammeln, solidarisch zu sein.
Ein, zwei Dutzend Menschen versammeln sich regelmäßig im Treffpunkt des Consortiums, in dem Wardah Hafidz eines Tages beschließt, bei der offiziellen Volksvertretung, einer Art Behörde für Bürgerbelange, mit allen Betroffenen zusammen vorzusprechen. Es ist eine der gelungensten Passagen im Film, zu sehen, wie es der hartnäckig-freundlichen Wardah Hafidz schließlich gelingt, sich nach Überwindung von Wachpersonal und sonstigen staatlich bezahlten Abwimmlern Einlass zu verschaffen in die Amtstuben - ein kleiner Triumph für die Dame und die indonesische Gesellschaft, möchte man meinen, auch wenn das Ergebnis der Anhörung bescheiden bleibt.
Jakarta wird aussehen wie Singapore
Genau so folgenlos bleiben die kritischen Lieder einer Straßenmusikerband, die die Kamera als strukturierendes Element des Films immer wieder einfängt bei ihren Konzerten in den ohnehin schon überfüllten Eisenbahnzügen Jakartas. Ein echtes Schlagzeug und Gitarren im Großraumwagen? In Indonesien scheinbar kein Problem, zeigt der Film.
Der Alltag der Musiker, Tagelöhner, Schafhirten und all der anderen Kampung-Bewohner steht in schroffem Gegensatz zu den glitzernden mannshohen Modellen der schönen neuen Wohnwelt, die auch in der indonesischen Metropole Tag für Tag in Stahl und Beton umgesetzt werden allmählich Kampung für Kampung dem Erdbeben gleich machen, so wie in vielen anderen boomenden asiatischen Metropolen. Eine Entwicklung, die dazu führt, dass Jakarta wie Singapore oder Peking aussieht. Und vor allem zu immer mehr auf die Straße gedrängten Menschen.
Einer von ihnen ärgert sich darüber, dass Regisseur Breuer ihn und seine Schicksalsgenossen filmt. Gleich am Anfang sagt er in die Kamera, dass mit diesem Film doch niemandem geholfen sei, er solle lieber Geld geben, als den Europäern arme Leute vorzuführen. Das mag schon stimmen, doch Ascan Breuer hat ein sehr persönliches Motiv, weswegen er der sozialen Realität Jakartas – und der aufkeimenden Zivilgesellschaft - auf die Spur kommen will: Seine Mutter stammt von dort.
Alexander Musik, ORF.at