Reederei unter Druck
Auf 246 Fahrten, nahezu allen in den vergangenen 13 Monaten, soll die vor knapp drei Wochen gesunkene südkoreanische Fähre „Sewol“ überladen gewesen sein. Das zeigen Dokumente der Ermittlungen, aus denen die Nachrichtenagentur AP und die südkoreanische Zeitung „Kukmin Daily“ zitieren. Diese Berichte zeigen drastische Kontrollmängel und Sicherheitslücken der Behörden auf.
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So habe etwa eine private, mit der Industrie verbundene Dienststelle der maritimen Verwaltung die Ladung erfasst, eine andere Dienststelle hatte aber das Gewichtslimit gesetzt. Keiner schien gewusst zu haben, was der andere tat, berichtet AP. Zum Teil seien demnach die Sicherheitsbedingungen für Lasttransporte strenger als für Personenfähren. Die Behörden hätten jedenfalls ausreichend Hinweise gehabt, dass die Fähre routinemäßig überladen gewesen sei. Da diese Informationen aber nicht weitergegeben wurden, weil es auch kein Gesetz vorsieht, war dieses Wissen sinnlos.
Limit herabgesetzt
Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass ein Kapitän, der in der Vergangenheit ebenfalls auf der „Sewol“ Dienst hatte, mehrmals auf eine zu schwere Beladung verwiesen habe. Diese Warnungen seien von der Reederei Chonghaejin allerdings ignoriert worden. Das Unternehmen ließ im vergangenen Jahr das 20 Jahre alte Schiff umbauen, um mehr Passagiere aufnehmen zu können. Zwei Chonghaejin-Mitarbeiter wurden offenbar verhaftet. Sie sollen von dem Risiko gewusst haben, dass das Schiff durch den Umbau weniger stabil gewesen sei.
Das koreanische Schiffsregister, zuständig für die Grenzen bei Ladungen, untersuchte die umgebaute „Sewol“ und reduzierte den Dokumenten zufolge die Ladungskapazität auf mehr als die Hälfte, auf 987 Tonnen, um die Balance halten zu können. Diese Information wurde aber nur an den Schiffseigner Chonghaejin weitergegeben. Weder die Küstenwache noch die koreanische Schiffsvereinigung, die Ankünfte und Abfahrten von Passagierschiffen reguliert und überwacht, wussten über das neu gesetzte Limit Bescheid.
Reederei meldete höhere Ladekapazität
Chonghaejin meldete im Gegenzug der Schiffsvereinigung eine wesentlich höhere Ladekapazität von 3.963 Tonnen, wie ein Beamter der Küstenwache unter Berufung auf die Dokumente berichtete. Die Fährladung überschritt demnach seit dem Umbau im März 2013 246-mal das Gewichtslimit von 987 Tonnen. In mehr als der Hälfte der Fälle erreichte die Ladung mehr als 2.000 Tonnen.
Es könnten noch mehr Fälle sein, doch bei fast 150 Fahrten wurde keine Ladung gemeldet. Bei der letzten Fahrt, als sich das Unglück mit Hunderten Toten ereignete, soll die „Sewol“ über 3.600 Tonnen geladen haben. Nach wie vor wird nach der Ursache für das Unglück gesucht, doch Experten betonen, dass bei einem vielfach überladenen Schiff selbst eine kleine Kehrtwende die Balance stören kann. Das Unglück begann im Anschluss an eine 45-Grad-Drehung der Fähre.
Unter dem vom Schiffregister vorgegebenen Limit von 987 Tonnen hätte der Schiffseigner keinen Profit gemacht. Das Unternehmen „versuchte, Profit aus überladener Fracht zu schlagen“, betonte der Experte Kim Gil Soo im AP-Gespräch. Und Behörden, „die das kontrollieren sollten, taten es nicht“.
Kritik an Krisenmanagement
Unter Druck ist nun nicht nur der Schiffsbetreiber, sondern auch die südkoreanische Regierung. Erst am Dienstag entschuldigte sich Staatspräsidentin Park Geun Hye bei der Bevölkerung für das fehlerhafte Krisenmanagement. Die Regierung habe das Unglück nicht verhindert und zudem unzulänglich auf die Katastrophe reagiert, so Park.
Park versprach zudem eine komplette Überprüfung des staatlichen Sicherheitssystems. Eine neue Behörde solle geschaffen werden, die künftig für den Umgang mit Katastrophen vom Ausmaß der schweren Havarie verantwortlich sein soll. Von den Angehörigen wurde von Anfang an nicht nur die Reaktion der Besatzung, sondern auch die Regierung dafür kritisiert, nicht alle verfügbaren Mittel zur Rettung der Insassen eingesetzt zu haben. Erst vor einer Woche hatte Ministerpräsident Chung Hong Won seinen Rücktritt erklärt. Er soll aber auf Anweisung Parks noch so lange die Amtsgeschäfte führen, bis die Situation unter Kontrolle ist.
Bei einem Treffen mit Angehörigen der Opfer in der Nähe der Unglücksstelle kündigte Park am Sonntag schwerwiegende Konsequenzen für alle Beamte an, denen Mitverantwortung für die Katastrophe nachgewiesen werden könne.
Über 240 Tote bestätigt
Die Suche nach Leichen im Inneren des Schiffswracks geht nach wie vor weiter. Die Arbeiten der Taucher werden durch starke Strömungen und hohe Wellen erschwert. Viele persönliche Gegenstände und am Freitag auch eine Leiche wurden kilometerweit vom Wrack abgetrieben. Am Sonntag wurden nun 242 Tote bestätigt. 60 Passagiere werden weiterhin vermisst. Die Einsatzkräfte versuchten nun, die Türen zu den Schiffskabinen aufzubrechen, sagte der Sprecher der Küstenwache, Ko Myeong Suk.
Die „Sewol“ war am 16. April vor der Südwestküste Südkoreas mit 476 Menschen an Bord gekentert und gesunken. Die meisten Passagiere waren Schüler, die zur südlichen Urlaubsinsel Jeju unterwegs waren. Nur 174 Menschen konnten bei dem Unglück gerettet werden. Der Kapitän und die anderen 14 leitenden Besatzungsmitglieder sitzen in Untersuchungshaft.
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