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Großeinsatz im Norden der Stadt

Zweieinhalb Monate vor Beginn der Fußball-WM hat die brasilianische Armee zusammen mit der Militärpolizei eine Armensiedlung nahe dem internationalen Flughafen von Rio de Janeiro besetzt. 15 der 16 Favelas des Mare-Komplexes würden seit Sonntag kontrolliert, erklärten die Sicherheitsbehörden des Bundesstaates Rio.

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Laut den Sicherheitsbehörden waren 1.180 Militärpolizisten, 132 Zivilpolizisten, vier Helikopter und 15 gepanzerte Fahrzeuge an der seit Wochen angekündigten Aktion beteiligt, Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachteten, wie bei Tagesanbruch Sondereinheiten mit gepanzerten Fahrzeugen in die Siedlung vorrückten. Bei dem Einsatz kam es zu keinen größeren Zusammenstößen, wie lokale Medien berichteten. Sechs Menschen wurden wegen Drogenbesitzes festgenommen und mehrere Kilogramm Rauschgift beschlagnahmt. In Mare sollen Rauschgift- und Waffenhändler Unterschlupf gefunden haben, die aus anderen Favelas verjagt wurden.

Panzer in der Straßen von Rio de Janeiro

Reuters/Ricardo Moraes

Sondereinheiten rückten in die Siedlung vor

Nahe dem Flughafen

Die Mare-Favelas mit ihren rund 130.000 Einwohnern gehören zu den gefährlichsten Orten Rios. Zudem befinden sie sich im Norden der Stadt, an einem strategischen Kreuzungspunkt auf dem Weg zum internationalen Flughafen „Tom Jobim“. Von dort werden auch die Zigtausenden Touristen anreisen, die für die Spiele der nächsten Fußball-WM in Rio erwartet werden.

Daher wird vermutet, dass der Einsatz des Militärs direkt im Zusammenhang mit der WM steht. Dagegen betont der Sekretär der Nationalen Sicherheit von Rio de Janeiro, Jose Mariano Beltrame, dass die geplante Aktion dem Schutz der brasilianischen Bevölkerung und der lokalen Polizei in ihrem Kampf gegen die Drogenkriminalität diene.

Zuerst Militär, dann Polizei

Die Besetzung des Mare-Komplexes ist jedenfalls eine weitere Etappe der Sicherheitskräfte beim Versuch, die Brennpunkte der Gewalt zu beruhigen. Geplant sei eine erste Phase der „Befriedung“ der Favelas durch das Militär. Anschließend folgt eine zweite durch die „Befriedungspolizei“ (UPP) mit rund 1.500 Mann.

Panzer in der Straßen von Rio de Janeiro

Reuters/Ricardo Moraes

Militär mit schwerem Gerät

Seit 2008 wurden in 174 Favelas 38 Einheiten der UPP stationiert. Seit Jahresbeginn gerieten Mitglieder der UPP aber zunehmend ins Visier von Kriminellen. Insgesamt acht Polizisten wurden in den vergangenen drei Monaten von mutmaßlichen Mitgliedern des organisierten Verbrechens getötet - vier in „befriedeten“ Distrikten.

Vorstöße zur Erkundung

Die Eliteeinheit BOPE war bereits vor einer Woche in verschiedenen Siedlungen der Großfavela im Einsatz und wurde dabei von Hubschraubern und Hundestaffeln unterstützt. Mit der Operation sollte auch die Ankunft zusätzlicher Sicherheitskräfte vorbereitet werden, die Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff dem Gouverneur des Bundesstaates Rio, Sergio Cabral, zugesagt hatte. Am Mittwoch folgte der nächste eintägige Vorstoß der Sicherheitskräfte, der zunächst nur der Erkundung des Complexo da Mare diente.

Kurz davor hatte Justizminister Eduard Cardozo nach einem Treffen mit dem Gouverneur Cabral und Generalstabschef Jose Carlos de Nardi zugesagt, auch die Streitkräfte würden der Metropole bei ihrem Kampf gegen die organisierte Kriminalität helfen.

Probleme nur kaschiert?

Kritische Stimmen sehen diesen Einsatz als eine Bankrotterklärung der Landesregierung von Rio de Janeiro. Nach sechs Jahren des laufenden Programms der „Befriedungspolizei“, scheine sich die Stadt nicht mehr auf ihre eigene Polizei verlassen zu wollen, sagt die Sozialwissenschaftlerin Silvia Ramos. Die Bevölkerung sei enttäuscht, die Präsenz des Militärs diene bloß einem subjektiven Sicherheitsgefühl, das nach einiger Zeit schwinden werde - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Den Behörden wird zudem vorgeworfen, mit ihren Aktionen die Probleme nur kaschieren, aber nicht lösen zu wollen. So gebe es in Rio de Janeiro mittlerweile tatsächlich weniger Straßenkinder als früher. Die meisten seien aber nur „weggesperrt“ worden, bemängelten in den Armenviertel tätige NGOs. Manche sprachen sogar von systematischen Ermordungen.

„Krieg in der Stadt“ angezettelt

Und viele Kritiker meinen sogar, Polizei und Militär würden mit ihren Einsätzen Öl ins Feuer gießen. Seit vergangenen Sommer hatten die Behörden vor allem in der Favela Nova Holanda, die zum Mare-Komplex gehört, ihre Einsätze verschärft. Die Favela gilt als das Territorium der ältesten und brutalsten Drogenbanden Rio de Janeiros. Im Juni 2013 kamen bei einer Schießerei zwischen Polizisten und mutmaßlichen Mitgliedern von Drogenbanden rund ein Dutzend Menschen ums Leben.

Die Polizei hätte einen „Krieg mitten in der Stadt“ ausgelöst, hieß es damals. Und der hat viele Fronten. Denn nicht nur gegen die Sicherheitskräfte, sondern auch gegeneinander kämpfen die Banden. Dass der Mare-Komplex bis zur WM „befriedet“ werden kann, glaubt kaum jemand. Befürchtet wird im Gegenteil eine weitere Eskalation der Situation. Lokale Medien berichten, dass heuer bei Polizeieinsätzen in den Favelas von Rio schon über 40 Menschen ihr Leben verloren haben.

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