Richtungsstreit unter Ökonomen
Die Diskussion über Deflation teilt die Ökonomen in zwei Lager: Während die einen meinen, ein dauerhafter Rückgang des Preisniveaus kann Krisenstaaten einen Schub verleihen, sehen andere für das betroffene Land den Beginn einer bedrohlichen Spirale nach unten. Neuester Fall ist Spanien, wo erstmals seit 2009 die Preise fallen. Doch was ist eigentlich so schlecht daran?
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Das grundsätzliche Problem ist, dass die Preise nicht nur vorübergehend sinken, sondern über eine längere Zeit. Und das hat Folgewirkungen. Die Ursachen sind verschiedener Art: So platzt etwa eine Immobilienblase, wodurch Häuser auf einen Schlag billiger werden, oder ein Staat beschließt, stark zu sparen - er investiert folglich auch weniger, Unternehmen sind dadurch zu Preissenkungen gezwungen, was diesen wiederum weniger Einnahmen zur Folge hat.
Kollektive Verunsicherung
Für Konsumenten sind billige Preise natürlich gut, wenn sie nur von den Folgewirkungen verschont blieben - das passiert jedoch bei anhaltender Deflation nicht. Denn Unternehmen investieren weniger, kürzen Löhne und kündigen im schlimmsten Fall Mitarbeiter. Das führt zu kollektiver Verunsicherung, wodurch Konsumenten weniger investieren. Das unsichere Umfeld veranlasst Banken zur Reduktion von Kreditvergaben, und generell ist weniger Geld im Umlauf.
Nun tauchte am Freitag der Fall Spaniens - immerhin die viertgrößte Euro-Volkswirtschaft - auf, wo die nationale Statistikbehörde INE per erster Schätzung meldete, dass die Verbraucherpreise im März (auf Jahressicht, Anm.) erstmals seit Oktober 2009 sanken. Die für europäische Vergleichszwecke harmonisierte Teuerungsrate fiel auf minus 0,2 Prozent. Im Vormonat hatte die Rate mit plus 0,1 Prozent immerhin noch knapp über der Nulllinie gelegen.
Wie handelt die EZB?
Die spanischen Statistiker nennen als Hauptursache für den Preisverfall, dass sich die Kosten für Nahrungsmittel und Getränke verringert haben. Zudem fiel das zumeist mit Preissteigerungen im Touristikgeschäft verbundene Osterfest voriges Jahr in den März, was zu statistischen Verzerrungen führt. Dennoch dürfte Spanien bei der Europäischen Zentralbank (EZB) Sorge auslösen - sie kommt am Donnerstag zu ihrer Ratssitzung zusammen. Experten erwarten allerdings keine weitere Senkung des historisch niedrigen Leitzinsniveaus von 0,25 Prozent.
Erst vor wenigen Tagen konnte EZB-Chef Mario Draghi zumindest in Bezug auf die Entwicklungen in der Euro-Zone nicht erkennen, dass Unternehmen und Verbraucher auf fallende Preise spekulieren und Kauf- und Investitionsentscheidungen auf die lange Bank schieben. „Haben wir Beweise dafür, dass die Leute gegenwärtig ihre Ausgaben verschieben? Wir sehen dafür keine Beweise“, so Draghi im Vorfeld der Deflationsmeldung aus Madrid.
„Risiko der Deflation besteht definitiv“
Doch es wurden zuletzt innerhalb des EZB-Rats und seitens einiger Ökonomen Stimmen laut, die sich eine weitere Lockerung der Zinsen und zusätzliche Instrumente wie etwa massive Wertpapierkäufe vorstellen können. Nur durch das Aufblähen der Geldmenge könne die EZB ein Abgleiten in eine deflationäre Spirale bereits von vornherein abwehren, so der Tenor.
So warnte zuletzt etwa der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard, vor einem Preisverfall auf breiter Front in Europa. „Das Risiko der Deflation, insbesondere in der Euro-Zone, besteht definitiv“, sagte Blanchard dem „Handelsblatt“ und widersprach damit der Einschätzung Draghis. Das Argument europäischer Ökonomen, dass Deflation den Krisenstaaten in Europa helfen würde, um wieder wettbewerbsfähiger zu werden, sieht Blanchard kritisch.
„Deflation in Ländern wie Spanien oder Portugal ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite würde es sicherlich die Wettbewerbsfähigkeit verbessern und dem Export helfen. Aber auf der anderen Seite würde es die Realzinsen und den Realwert der Schulden erhöhen und damit die Binnennachfrage verringern“, so der IWF-Chefvolkswirt. „Die Gefahr ist, dass der zweite Effekt den ersten dominiert, was zu niedrigerer Wirtschaftsleistung führt und weiterer Deflation“, so Blanchard.
Gespannter Blick auf Inflationszahlen
Ein Rückgang der Investitionen ist mehr als nur ein Indiz dafür, dass die Wirtschaft in der Euro-Zone auf eine gefährliche Deflationsspirale zusteuern würde. Schließlich waren Ende 2013 auch andere Euro-Krisenländer wie Griechenland und Portugal in die Deflation gerutscht - mit Spanien hat es nun aber eine große Volkswirtschaft erwischt. Unabhängig davon ist der Preisauftrieb in der Euro-Zone weit niedriger, als der EZB lieb sein kann. Die am Montag anstehenden neuen Inflationszahlen für den Euro-Raum könnten die Alarmglocken bei der EZB schrillen lassen.
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