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Rezession wird immer wahrscheinlicher

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat Argentinien noch zu den reichsten Nationen der Welt gehört. Doch mit dem Wohlstand, der noch bis in die Vorkriegszeit hinein andauerte, war es dann infolge mehrerer Militärputsche nachhaltig vorbei. Eine Zäsur gab es 1983, als das Land erstmals wieder unter ziviler Führung stand. Mit der Demokratie kam jedoch bis in die Gegenwart kein Ende des politischen Missmanagements.

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Der britische „Economist“ beschrieb zuletzt im Zusammenhang mit Argentinien ein „Jahrhundert des Niedergangs“. Denn was das südamerikanische Land insbesondere in den letzten Jahren durchlebt, wird von vielen Kommentatoren als Rückfall in längst vergangen geglaubte Zeiten beschrieben. Eine Annäherung an die Dramatik zwischen 1998 und 2002 etwa, als Argentinien die schwerste ökonomische Krise seiner Geschichte durchlebte, in der die Wirtschaftskraft um 20 Prozent zurückging und das Land in einen Staatsbankrott schlitterte. Schwere Unruhen und Plünderungen waren die Folge tiefer Unzufriedenheit - Millionen Menschen zog es aus der Mittelschicht in die Armut.

Zweifelhafter Kurs der Regierung

Bis zum heutigen Tag wirkt der Bankrott von 2001/2002 nach. Argentinien bekommt seit seinem Zahlungsstopp auf die Auslandsschulden vor zwölf Jahren keine Kredite mehr im Ausland. Der Staat ist bei Gläubigern wie Japan und Deutschland hoch verschuldet. Die Devisenbestände betragen nur noch 27 Mrd. Dollar, vor nur zweieinhalb Jahren war es noch doppelt so viel. Die Maßnahmen der politischen Führung unter Präsidentin Cristina Kirchner waren und sind äußerst umstritten.

Um einen weiteren Devisenverlust zu verhindern, führte Kirchner 2011 eine Kontrolle des Devisenhandels ein - ein tiefer Eingriff in die Wirtschaft des Landes mit Konsequenzen für alle Argentinier. Unternehmen mussten fortan jeden Import von Produkten einzeln genehmigen lassen. Beschränkungen gibt es auch für Private, die Güter im Ausland bestellen und per Kreditkarte bezahlen. Argentinier, die ins Ausland reisen wollen, müssen im Vorhinein offiziell US-Dollar beantragen - unter Vorlage ihrer Steuererklärung. Die Folge der Importbeschränkungen: Ware aus dem Ausland wird langsam, aber sicher knapp.

Kein Wachstum mehr, Inflation steigt

Setzt sich diese Entwicklung fort und fließen gleichzeitig immer mehr Dollar aus dem Devisenpool ab, kann die Regierung nichts mehr importieren, weder lebenswichtige Medizin noch Treibstoff oder Lebensmittel. Wenngleich die ausbleibenden Importe durch nationale Unternehmen teilweise mehr schlecht als recht kompensiert werden konnten, kann es mit dieser Entwicklung in absehbarer Zeit vorbei sein, meinen Experten. Die Lücken können dann nicht mehr gefüllt werden. Das hätte laut Experten immense Folgen: Das Land würde in eine Rezession rutschen.

Während die Wirtschaft des Landes faktisch brachliegt, stellt sich die Realität rund um die eigene Währung als boomendes Schattengeschäft dar - Wechselstuben haben im ganzen Land Hochkonjunktur. Immer mehr sogenannte Cuevas (Höhlen, Anm.) schießen aus dem Boden, dort tummeln sich immer mehr Menschen, die Pesos gegen US-Dollar tauschen wollen. Dieser Handel blüht, offenbar ist es ein lohnendes Geschäft - schließlich sinkt der Wert des Peso stetig. Immer mehr Landeswährung müssen die Händler in der Hand haben, um einen gleichbleibenden Dollar-Betrag zu erhalten.

Spiel mit geschönten Zahlen

Argentinien ist von den internationalen Handelsmärkten faktisch ausgeschlossen und ist mit einer Teuerungsrate konfrontiert, die 2013 nach Schätzungen privater Experten bei 28,3 Prozent lag. Offizielle Statistiken hatten die Inflation in der drittgrößten Volkswirtschaft Lateinamerikas 2013 dagegen auf 10,9 Prozent beziffert. Hintergrund: In der Vergangenheit wurden die offiziellen Zahlen zur Inflation allesamt von der Regierung geschönt, um Investoren nicht abzuschrecken. Dafür setzte es vom Internationalen Währungsfonds (IWF) eine Rüge.

Dass Zahlen frisiert wurden, war spätestens Anfang Februar klar, als das Statistikamt INDEC einen „aktualisierten“ Warenkorb für die Berechnungen vorstellte. Die Zahl 10,9 war im Zusammenhang mit der Inflation auf einen Schlag verschwunden. Die Rede war auf einmal von 3,7 Prozent - allerdings nur für den Jänner. Für den Jänner und den Februar ist nun von 7,2 Prozent die Rede. Darauf gründen die Prognosen für das Gesamtjahr 2014, in denen von 30 bis 50 Prozent Jahresinflation die Rede ist. Dramatische Zahlen hin oder her: Politische Beobachter sprechen schon angesichts des neuen Spiels mit offeneren Karten von einem ersten Fortschritt.

In der Not zur Aufrichtigkeit?

Doch es gibt auch andere Kennzeichen für eine leichte Kurskorrektur der Politik: Zuletzt lockerte die Regierung im Jänner die Devisenkontrollen und wertete den Peso um 23 Prozent ab. Das hat den Wechselkurs auf dem Schwarzmarkt stabilisiert und den Abfluss der Devisen zumindest verlangsamt. Zudem wurde ein langer Streit beigelegt: Mit dem spanischen Erdölkonzern Repsol konnte sich die Regierung auf eine Summe für die Entschädigung für die Verstaatlichung der einstigen Argentinien-Tochter YPF verständigen.

Und auch gegenüber dem Pariser Club - also staatlichen und öffentlichen Gläubigern des Landes - hatte man sich zuletzt (rück-)zahlungswillig gegeben, nachdem die Forderungen von acht Mrd. Dollar von Buenos Aires lange einfach ignoriert worden waren. Doch als nächsten Schritt müsse die Regierung - so sie es ernst meine - die überbordenden Staatsausgaben kürzen, meinen Experten. Dabei geht es um nichts Geringeres als die vielen Sozialleistungen. Dieser Schritt wird, so meinen Beobachter, die Ernsthaftigkeit der Regierung gegenüber dem Ausland bzw. den Finanzmärken unter Beweis stellen - schließlich würde erst damit der zentrale Nerv der Wirtschaft in Argentinien getroffen.

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