Persönlicher Triumph über Janukowitsch
Julia Timoschenko sitzt in einem Gefängniskrankenhaus im ostukrainischen Charkiw, als sich die Ereignisse in Kiew überschlagen: Das Parlament der Ukraine beschließt an diesem dramatischen Samstag, an dem sich die Sicherheitskräfte auf die Seite der Opposition schlagen und Präsident Viktor Janukowitsch die Hauptstadt verlässt, die „sofortige“ Freilassung der einstigen Regierungschefin.
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Wenige Stunden später ist sie tatsächlich frei. Die Entwicklung ist ein persönlicher Triumph Timoschenkos über ihren Erzfeind Janukowitsch. Inmitten von Meldungen über Straßenschlachten, getötete Demonstranten und Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition geriet Timoschenko in den vergangenen Tagen beinahe in Vergessenheit.
Hauptfigur der Orange Revolution
Dabei verlor die 53-Jährige während ihrer Zeit im Gefängnis nichts von dem Kampfgeist, der sie zu einer der Hauptfiguren der Orange Revolution in der Ukraine im Jahr 2004 gemacht hatte. Mit Hungerstreiks protestierte sie gegen ihre Haftbedingungen, und auch chronische Rückenschmerzen konnten sie nicht davon abhalten, ihre Meinung zu vertreten.
Die Ironie der Geschichte wollte es an diesem Samstag, dass sich Janukowitsch ebenfalls in Charkiw aufhielt. Er setzte sich in seine Hochburg ab, weil er in Kiew politisch keinen Rückhalt mehr hat. Timoschenko könnte hingegen schon bald wieder in der Hauptstadt mitmischen und machte sich am Samstag umgehend nach ihrer Freilassung auf den Weg dorthin - wenngleich ihr Kollege von der Vaterlandspartei, Arseni Jazenjuk und Ex-Boxer Witali Klitschko, inzwischen die Führungsrollen in der Opposition innehaben.
Timoschenko polarisiert
Doch die im Westen als Ikone dargestellte Frau mit dem markanten blonden Haarkranz polarisiert in ihrer Heimat. Kritiker sehen in ihr eine skrupellose Opportunistin ohne klare Positionen. Sie lasten ihr zudem an, dass sie in den von Korruption geprägten 1990er Jahren als Chefin eines Energieunternehmens zu enormem Reichtum kam. Andere sehen in ihr eine bewundernswerte Verfechterin der ukrainischen Souveränität und der Ausrichtung des Landes in Richtung Europa.
Timoschenko selbst orientiert sich an starken Frauen, die Geschichte machten: Im Kiewer Büro, in dem sie vor ihrer Inhaftierung arbeitete, hingen Porträts von Jeanne d’Arc, Madeleine Albright und Margaret Thatcher. Wie die einstige britische Premierministerin wird auch Timoschenko oft als „Eiserne Lady“ bezeichnet. In der Ukraine heißt sie auch einfach „vona“ - „sie“.
Zerwürfnis mit Juschtschenko
Die am 27. November 1960 in der zentralukrainischen Industriestadt Dnepropetrowsk geborene Timoschenko zog erstmals im Jahr 1997 als Abgeordnete ins Parlament ein. Als Stellvertreterin von Regierungschef Viktor Juschtschenko wurde die gelernte Wirtschaftsingenieurin im Jahr 2004 zur Wortführerin der Orange Revolution, die zur Annullierung von Janukowitschs Wahlsieg bei der Präsidentschaftswahl führte. Der neue Präsident Juschtschenko machte sie zur Regierungschefin - doch rasch kam es zum Zerwürfnis.
Timoschenko verließ die Regierung, kehrte aber im Jahr 2007 als Ministerpräsidentin zurück und blieb bis zum Jahr 2010 im Amt. Kurz darauf unterlag sie bei der Präsidentschaftswahl ihrem Rivalen Janukowitsch. Schon bald fand sich Timoschenko auf der Anklagebank wieder: Die Justiz warf ihr in einem vom Westen kritisierten Prozess Machtmissbrauch bei einem Gasabkommen mit Russland im Jahr 2009 vor und verurteilte sie zu sieben Jahren Haft.
Streitfall zwischen Ukraine und EU
Die Inhaftierung der Oppositionsführerin führte zur Verschlechterung der Beziehungen zwischen der EU und der Ukraine. Deutschland bot die medizinische Behandlung der Politikerin an, die nach einem Bandscheibenvorfall unter chronischen Schmerzen litt. Mit Auftritten in vielen Ländern setzte sich auch Timoschenkos Tochter Jewgenija für ihre Mutter ein. Ihr Ehemann Alexander erhielt politisches Asyl in Tschechien.
Olga Nedbaeva, AFP.
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