Athens vergessener Wohnpark
Die Wirtschaftskrise in Griechenland hat die Zahl der Obdachlosen in Athen in den letzten sechs Jahren auf über 20.000 ansteigen lassen. Viele von ihnen finden in einem heruntergekommenen Wohnblockkomplex im Herzen der Millionenstadt Zuflucht. Der Prosfygika-Block ist mittlerweile zum Schmelztiegel aller sozialen Schichten geworden. Was sie vereint, ist ihre unsichere Zukunft.
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Touristen, die auf der belebten Alexandra-Straße auf halber Strecke zwischen dem Polizeihauptquartier und dem Höchstgericht an den acht Häusern des Prosfygika-Blocks (griechisch für Flüchtling) vorbeieilen, würdigen das halb verfallene Areal kaum eines Blickes. Dabei ist der Komplex nicht nur architektonisch interessant, sondern kann auf eine wechselvolle Geschichte verweisen. Heute sind die Häuser, an denen noch die Einschusslöcher aus dem Bürgerkrieg zu sehen sind, Symbolbild für das soziale Dilemma, in dem Griechenland seit der Wirtschaftskrise steckt.

Reuters/Yorgos Karahalis
Der Wohnblock wurde in den Jahren 1933 bis 1935 im signifikanten Bauhausstil errichtet. Er diente als Notunterkunft für die vielen griechischen Flüchtlinge, die nach dem ersten Weltkrieg die Türkei verlassen mussten und zu Hunderttausenden das griechische Festland überschwemmten.

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Viele der ursprünglichen Bewohner und deren Kinder sind mittlerweile verstorben oder ausgezogen. Die Stadt hat fast alle der 228 Wohnungen aufgekauft, doch 51 Bewohner weigern sich beharrlich, ihre kleinen Wohnungen aufzugeben. Ihrer Beharrlichkeit ist es auch zu verdanken, dass 2008 das griechische Höchstgericht einen Abrissbescheid stoppen ließ.

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Doch die Stadtverwaltung hat seit Jahrzehnten kein Geld mehr für Renovierungsarbeiten in die Hand genommen. Es gibt keine Zentralheizung, die Menschen versuchen im Winter, mit kleinen Holzöfen ihre Bleibe mühsam warm zu halten.

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Zwischen den parallel ausgerichteten Blöcken verlaufen für Athen untypisch ruhige, von Bäumen gesäumte Seitenstraßen. In den 1940er Jahren bekämpften einander Armee und Kommunisten auf dem Areal. Die Spuren sind heute noch anhand von Schusslöchern zu sehen. Heute ist jeder Zentimeter mit Autos zugeparkt, und immer wieder sorgen gebrochene Abwasserleitungen für Überschwemmungen.

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Seit 20 Jahren wird über die Zukunft des Prosfygika-Blocks debattiert. Die Stadt wollte das mittlerweile fast völlig leerstehende Gebäude zunächst ganz abreißen und einen Park auf dem Areal errichten, später sollten zwei der acht Blöcke als Gästehaus für ein Krankenhaus für Krebskranke erhalten bleiben. Doch das Höchstgericht stellte den gesamten Komplex im Bauhausstil schließlich unter Denkmalschutz. Durch die Wirtschaftskrise wurden vorerst alle Pläne für eine Revitalisierung auf Eis gelegt.

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Der Bau im Herzen Athens wurde zu einem Anziehungspunkt für Hausbesetzer, Drogensüchtige und Asylwerber, die das Land möglichst rasch in Richtung Nordeuropa verlassen wollen. In Einzimmerwohnungen drängen sich bis zu zehn, zwölf Menschen. War das Haus lange Zeit die letzte Station für die Ärmsten der Armen und Menschen am äußersten Rand der Gesellschaft, machen diesen nun Opfer der aktuellen Wirtschaftskrise den Platz streitig.

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Griechische Familien - mit und ohne Migrationshintergrund -, die ihre Arbeit verloren haben und ihre Mieten nicht mehr zahlen konnten, suchen nun in den leerstehenden Wohnungen Unterschlupf - sehr zum Missfallen der Alteingesessenen. Vor allem die wenigen Wohnungsbesitzer, die noch Gebühren für Strom und Wasser zahlen, fühlen sich durch die wachsende Zahl an Neuankömmlingen bedroht.

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Gleichzeitig gibt es immer mehr Athener, die gegen den „Schandfleck“ mitten in ihrer Stadt mobilmachen. Während der Olympischen Spiele 2004 wurde der Wohnblock hinter riesigen Folien vor den Blicken der internationalen Gäste versteckt.

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Doch es gibt auch Menschen, die den Prosfygika-Block in ihr Herz geschlossen haben und alles daran setzen, dass die Stadt sich endlich des Areals annimmt. Mit Demonstrationen, Hausbesetzungen und Hungerstreiks hat eine Gruppe von Altbewohnern in den vergangenen Jahren immer wieder auf ihre Situation aufmerksam gemacht - ohne Erfolg. Die Behörden weigern sich beharrlich, die unerwünschten „Neuankömmlinge“ wegzuschicken oder die Graffiti zu entfernen.

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Doch nun könnte Bewegung in die Sache kommen. Ein Mitarbeiter des staatlichen Unternehmens, dem der Großteil der Wohnungen gehört, sagte gegenüber Reuters, man habe bereits einen Plan für die zukünftige Nutzung des Geländes in der Schublade. Doch ob sie sich gegen die kampflustigen Altbewohner tatsächlich durchsetzen können, wird sich wohl erst zeigen.