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„In den Vorstädten geht etwas vor“

Es scheint, als gäbe es über den Februar 1934 heute nicht mehr viel Neues zu sagen: über 300 Tote in drei Tagen, die Ausschaltung letzter demokratischer Reste in Österreichs politischer Landschaft durch Ständestaatskanzler Engelbert Dollfuß und damit ungewollte Vorarbeit für den „Anschluss“ 1938. Neue Erkenntnisse sind tatsächlich rar - umso mehr werden bekannte Fakten immer noch ignoriert.

Auch wenn die Gräben zwischen den politischen Lagern heute überwunden sind, wie etwa eine gemeinsame Kranzniederlegung der rot-schwarzen Bundesregierung im Februar 2014 unterstreichen sollte - die heimische Geschichtsschreibung ist weiter von Lagerdenken geprägt. Für die einen ist der damalige Bundeskanzler Dollfuß immer noch ein fanatischer Antidemokrat, für die anderen ein in die Enge getriebener Verteidiger Österreichs gegen Adolf Hitler. Die Wahrheit hat jedoch mehr Facetten.

„Werden morgen an die Arbeit gehen“

Unbestritten ist: Dollfuß trat für Österreichs Eigenstaatlichkeit ein und machte sich damit Hitler neben den Sozialdemokraten zum weit größeren Feind. Nur fünf Monate nach den Februarkämpfen wurde er beim Juliputsch 1934 im Bundeskanzleramt von Nazis erschossen. Ebenso unbestritten ist, dass der überzeugte Antisemit Dollfuß im März 1933 dem Parlament eine „Selbstausschaltung“ andichtete und sich damit der Sozialdemokraten als stärkster Parlamentspartei entledigte.

Dr. Engelbert Dollfuss und Benito Mussolini

AP

Engelbert Dollfuß besucht Benito Mussolini am Strand

Auch steht außer Streit, dass Dollfuß mit dem Rücken zur Wand stand: Die Sozialdemokraten verweigerten größtenteils die Zusammenarbeit. Umso mehr stützte sich Dollfuß auf das faschistische Italien unter Benito Mussolini als Schirmherr und musste innenpolitisch wackelige Bündnisse eingehen, etwa mit Heimwehrführer Emil Fey. Gerade dessen Rolle im Februar 1934 scheint immer noch zu wenig beachtet. Er war es, der am 11. Februar 1934 vor Heimwehrkämpfern erklärte, sie sollten keine Sorge im Hinblick auf Dollfuß haben - man werde „morgen an die Arbeit gehen“.

Keine Razzia wie jede andere

Die von Fey gemeinte „Arbeit“ waren Polizeirazzien bei Sozialdemokraten, an die sich die Heimwehr anhängte. Die Razzien hatte es immer wieder gegeben, und nicht ohne Grund: Ende Jänner 1934 waren etwa in Schwechat (Niederösterreich) Waffen und genügend Sprengstoff gefunden worden, um den sozialdemokratischen Plan einer Sprengung der Wiener Regierungsgebäude über die Kanalisation umzusetzen. Doch diesmal sollte es anders kommen: Immer mehr Teile sowohl der Christlichsozialen als auch der Sozialdemokraten wollten es auf eine Machtprobe ankommen lassen.

Einer jener Sozialdemokraten, die von der eigenen Parteiführung ein viel energischeres Auftreten gegen die Unterdrückung durch Dollfuß verlangten, war der Linzer Schutzbundführer Richard Bernaschek. Er wusste am 11. Februar, dass am nächsten Tag Razzien zu erwarten waren und wollte diese nützen, um „gewaltsamen Widerstand“ zu leisten - „und in Fortsetzung des Widerstandes zum Angriff“ überzugehen, wie er an jenem Tag an die Parteiführung in Wien schrieb. Wien kabelte eilends in einem Codetelegramm zurück, das jedoch nie ankam.

„Onkel Otto und die Tante“ wollen keine „Operation“

Die Wiener Parteileitung wollte Bernascheks Plan, über eine „provozierte“ Waffensuche und nachfolgende Verhaftungen in Linz einen österreichweiten Arbeiteraufstand und Generalstreik auszulösen, verhindern. Die Parteiführer Otto Bauer und Julius Deutsch rieten als „Onkel Otto“ und „die Tante“, mit der „Operation“ noch zuzuwarten: Am Montag - dem 12. Februar - werde ein „Ärztekonsilium“ stattfinden. Das Telegramm wurde jedoch abgefangen und führte die Exekutive zielgenau zu Bernascheks Versteck im Linzer Hotel Schiff.

Angehörige der Heimwehr bewachen während des Februaraufstandes eine Straßensperre am Schwarzenbergplatz.

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Heimwehr-Barrikaden auf dem Wiener Schwarzenbergplatz

Hätte die Linzer Polizei wie anfangs geplant im Linzer Parkbad nach Waffen gesucht, wäre die Razzia vielleicht ausgegangen wie viele andere davor. So aber trafen sie auf Bernaschek, es kam zum Schusswechsel, weitere oberösterreichische Arbeiterverbände schlugen los, Wiener schlossen sich an. Dollfuß reagierte mit absoluter Härte: Er ließ Gemeindebauten in Wien unter schweres Artilleriefeuer legen und ließ Schutzbündler - darunter den bereits tödlich verwundeten Karl Münichreiter - standrechtlich am Würgegalgen hinrichten.

In grober Fehleinschätzung vereint

Dass das ständestaatliche Regime reagierte, wie es reagierte, hatte wohl auch mit einer groben Fehleinschätzung der Lage zu tun. Offenbar glaubten Dollfuß und seine Gesinnungsgenossen an den Beginn genau jenes österreichweiten Arbeiteraufstandes, dem man bei der sozialdemokratischen Parteiführung keine Chance eingeräumt hatte. Dazu mag beigetragen haben, dass von einem Generalstreik zwar keine Rede war, aber zumindest in Wien die Stromversorgung - und damit weite Teile der Kommunikation - für alle Beteiligten lahmgelegt waren.

Sendungshinweis

Der ORF widmet dem 80. Jahrestag der Februarkämpfe in zahlreichen TV- und Radiosendungen einen Themenschwerpunkt - mehr dazu inprogramm.ORF.at.

Die Machthaber hatten damit ein ebenso falsches Bild von der Lage wie die sozialdemokratischen Parteiführer Bauer und Deutsch, die noch am 12. Februar in die Tschechoslowakei flüchteten. Tatsächlich beschränkte sich der Bürgerkrieg auf Teile Oberösterreichs, der Steiermark und Wiens. In allen anderen Bundesländern blieb es größtenteils ruhig, die Vorarlberger Sozialdemokraten lehnten die Kampfaufrufe ebenso dezidiert ab wie die Kärntner, wo es aus Protest gegen den Alleingang der Oberösterreicher und Wiener sogar zu prominenten Parteiaustritten kam.

„Am besten, ihr kauft eine ausländische Zeitung“

Als berechenbare Größe erwies sich zudem die österreichische Gleichgültigkeit. Autor Stefan Zweig räumte in seinen Lebenserinnerungen ein, er habe vom „Selbstmord der österreichischen Unabhängigkeit (...) nichts gesehen“: „Es wurde mit Kanonen geschossen, es wurden Häuser besetzt, es wurden Hunderte von Leichen weggetragen - ich habe nicht eine einzige gesehen.“ Es habe nur das Gerücht gegeben, „in den Vorstädten gehe etwas vor“.

Später sei Zweig von Freunden „mit Fragen bestürmt“ worden, was eigentlich in Wien geschehen sei. „Und ich, der ich doch der ‚Augenzeuge‘ der Revolution gewesen, mußte ihnen ehrlich sagen: ‚Ich weiß es nicht. Am besten, ihr kauft eine ausländische Zeitung.‘“ Tatsächlich titelte das „Prager Tagblatt“ am 13. Februar mit „Entscheidungsstunde in Oesterreich“, während das sozialdemokratische Wiener „Kleine Blatt“ tags zuvor zwar von Feys „interessanter“ Rede berichtet hatte, sich sonst aber auf Sportereignisse konzentrierte und da befand: „In Wien nicht viel los.“

Lukas Zimmer, ORF.at

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