Mit lachendem und weinendem Auge
Die russische Aktivistin der Punkband Pussy Riot Nadeschda Tolokonnikowa ist am Freitag ebenfalls in Freiheit entlassen worden. Das teilte ihr Mann Pjotr Wersilow am Montag über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Zuvor war in der Früh auch Pussy-Riot-Musikerin Maria Aljochina nach fast zwei Jahren in Haft wieder freigelassen worden.
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Nur drei Tage nach der überraschenden Begnadigung von Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski durfte die 25-Jährige das Gefängnis in Nischni Nowgorod Montagfrüh verlassen. Ermöglicht wurde ihre Freilassung durch ein Amnestiegesetz, das Aljochina am Montag als „PR-Gag“ bezeichnete.

Reuters/Maxim Shemetov
Jekaterina Samuzewitsch, Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa auf der Anklagebank im Sommer 2012
Die 24-Jährige Tolokonnikowa saß ihre Haftstrafe hingegen im 4.400 Kilometer von Moskau entfernten Krasnojarsk in Ostsibirien ab. Über den Twitter-Account der Künstlergruppe Woina, die der Punkband nahesteht, veröffentlichte ihr Mann Wersilow ein Foto der jungen Frau, auf dem sie von Journalisten umringt ist. Die 24-Jährige trat offenbar schon bei Dunkelheit ins Scheinwerferlicht der Medien.
„Russland wie Strafkolonie gebaut“
Tolokonnikowa rief bei ihrer Freilassung „Russland ohne Putin“. Sie verglich Russland mit einem Straflager. „Russland ist nach dem Modell einer Strafkolonie aufgebaut“, sagte die 24-Jährige am Montag kurz nach ihrer Freilassung. „Straflager und Gefängnisse sind das Gesicht des Landes“, fügte sie hinzu. Um das Land zu verändern, müsse auch das Strafvollzugssytem geändert werden. Tolokonnikowa kündigte an, sich künftig vor allem für die Rechte von Gefangenen einsetzen zu wollen.
Aljochina und Tolokonnikowa waren im Februar 2012 zusammen mit ihrer Bandkollegin Jekaterina Samuzewitsch nach einer Protestaktion gegen den heutigen russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale festgenommen und wegen „Rowdytums“ zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt worden. Samuzewitsch kam später auf Bewährung frei.
Abgeschirmt aus Lager gebracht
Aljochina sei in der Früh aus der Haftanstalt entlassen worden, sagte eine Sprecherin der Strafvollzugsbehörden in Nischni Nowgorod rund 450 Kilometer östlich von Moskau. Die Musikerin verließ das Straflager nach Angaben ihrer Anwältin Irina Chrunowa in einem schwarzen Wagen der Gefängnisverwaltung - offenbar, um sie an den vor den Gefängnistoren wartenden Reportern vorbeizuschleusen. Das sei „zweifellos geschehen, um der medialen Aufregung“ zu entgehen, sagte ihre Anwältin weiter.
Anders als Chodorkowski weigerten sich die Frauen von Pussy Riot, ein Gnadengesuch beim Präsidenten zu stellen. Der Kreml wertet solche Bitten um Gnade als Schuldeingeständnis. Das hatten die in einem international kritisierten Verfahren verurteilten Putin-Gegnerinnen stets abgelehnt.

Reuters/Sergei Karpukhin
Aljochina mit ihrem Anwalt vor dem Büro der Menschenrechtsorganisation
Weiter kämpferisch
Am Bahnhof von Nischni Nowgorod durfte Aljochina aussteigen. Von dort aus ging sie zum örtlichen Büro einer Menschenrechtsorganisation, wo sie telefonierte und erste Interviews gab. „Das ist kein humanitärer Akt, das ist ein PR-Trick“, sagte sie dem Sender Doschd mit Blick auf das Amnestiegesetz, von dem sie profitierte.
Aljochina und Tolokonnikowa sollten planmäßig im März kommenden Jahres aus der Haft entlassen werden. Den Weg für ihre vorzeitige Freilassung ebnete ein am Donnerstag vom russischen Parlament verabschiedetes Amnestiegesetz, unter das Häftlinge fallen, die zu weniger als fünf Jahren Haft verurteilt wurden. Erwähnt werden insbesondere Frauen mit minderjährigen Kindern und wegen Rowdytums Verurteilte. Aljochina und Tolokonnikowa haben beide je ein kleines Kind.
„Unter Schock“ gestanden
„Das Härteste im Gefängnis war zu sehen, wie die Menschen einfach aufgeben“, sagte Aljochina nach ihrer Freilassung. Aus Solidarität mit denen, die noch in den Gefängnissen säßen, hätte sie auf ihre Freilassung auch verzichtet, wenn es möglich gewesen wäre, so Aljochina weiter. „Aber das Gefängnis hat eine Weisung erhalten, deshalb bin ich hierher gebracht worden.“ Künftig wolle sie sich für die Rechte von Häftlingen und für die Einhaltung von Menschenrechten einsetzen, kündigte die 25-Jährige an: „Glauben Sie mir, ich habe vor nichts mehr Angst.“
Während ihrer Freilassung sei sie „unter Schock“ gestanden. Die Anstaltsleitung habe sie vermutlich klammheimlich aus dem Gefängnis geschafft, um „lautstarke Abschiedsgrüße“ ihrer Mitgefangenen zu vermeiden. Nach Angaben ihres Anwalts Pjotr Saikin wollte Aljochina nach Moskau reisen, um ihre Familie zu treffen.
Die dritte Pussy-Riot-Aktivistin Samuzewitsch sagte dem Sender Doschd, sie sei „wirklich glücklich“, dass Aljochina frei sei. „Hurra“, schrieb Tolokonnikowas Ehemann Wersilow bei Twitter.
Greenpeace-Aktivisten warten auf Ausreise
Dass die Frauen nun freikommen, werten Beobachter ebenso als Kreml-Zugeständnis an den Westen vor den Olympischen Winterspielen, die am 7. Februar in Sotschi eröffnet werden, wie die Freilassung des Kreml-Kritikers und ehemaligen Oligarchen Chodorkowski. Chodorkowski war bereits am Freitag in die Freiheit entlassen worden.
Im Zuge der Amnestie wurden auch die Verfahren gegen 30 Aktivisten der Umweltorganisation Greenpeace eingestellt. Die Männer und Frauen aus verschiedenen Ländern waren nach einem Protest gegen russische Ölbohrungen in der Arktis festgenommen und dann wegen „Rowdytums“ angeklagt worden. Sie warten derzeit auf ihre Ausreise aus Russland. Menschenrechtlern zufolge dürften durch die Amnestie rund 1.500 Häftlinge freikommen. Insgesamt sollen fast 700.000 Russen in Gefängnissen einsitzen.
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