Mehr als nur „infantiles Gepiepse“
„Kindertute“, „Klangschnuller“, „Blödflocke“ - die Liste der Schimpfnamen für die Blockflöte ist fast endlos. Die Schmähungen kamen wohl zu gleichen Teilen von gequälten Zuhörern und ebenso gequälten Kindern, die das Instrument zwangsweise vorführen mussten. Es scheint allerdings, als wäre es inzwischen recht still um die Blockflöte geworden. Das stimmt aber nur zum Teil.
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Im Vergleich zu den 60er und 70er Jahren werde inzwischen in der Breite weniger geflötet, bestätigt Gerhard Gutschik, Sprecher der Konferenz der österreichischen Musikschulen (KOMU), gegenüber ORF.at. Dass wie früher ganze Volksschulklassen zum Dienst an der Flöte abkommandiert werden, „ist sicher zurückgegangen beziehungsweise gibt es fast gar nicht mehr“, so Gutschik. Das findet er jedoch nicht weiter beklagenswert und ist damit bei weitem nicht allein.
Arme-Leute-Instrument?
Der deutsche Blockflöten-Theoretiker und Musiker Gerhard Braun wettert etwa seit Jahren mit Inbrunst gegen die „Degradierung des Instruments zum ‚Klangschnuller‘“. In einem seiner Vorträge heißt es, das „infantile Gepiepse und Gepfeife“ habe die Blockflöte über Jahrzehnte als „Sinnbild musikalischer Primitivität“ erscheinen lassen. Dafür will Braun keinesfalls den Kindern Schuld geben, sondern vielmehr dem „Unterricht in Gruppen und im Klassenverband - eine Schreckensvision für jeden echten Musiker“.

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Nicht nur im Winter, wenn es schneit ...
Dass der musikalische Lebensweg inzwischen auch anders beginnen darf als mit der Blockflöte, hat nach Gutschiks Sicht vor allem ökonomische Gründe. Inzwischen sind halbwegs qualitätsvolle Einsteigerinstrumente zum Zupfen, Streichen, Blasen oder Schlagen erschwinglich geworden. Und offenbar wollen auch manche Eltern nicht mit dem vermeintlichen Arme-Leute-Instrument Blockflöte schlecht dastehen, so Gutschik mit dem Verweis auf ständig steigendes Interesse am Klavierunterricht, einem „doch recht teuren“ Instrument.
Kinder sehen „Uncooles“ ziemlich cool
Dass die Blockflöte durch jahrzehntelangen Missbrauch ein denkbar „uncooles“ Image hat, fällt nach Meinung des Experten bei der sinkenden Beliebtheit des Instruments weniger ins Gewicht. Das sei den „Sechs- bis Siebenjährigen noch relativ wurscht“. Mit beginnender Pubertät sehe das anders aus, räumt er ein. Die Blockflöte habe das Problem, dass „noch immer zu wenig Kinder weiterspielen“. Vor allem der Ausstieg von Buben mache das Instrument nach dem Volksschulalter „besonders mädchenlastig“.
Wie alle, die sich näher mit dem Instrument beschäftigen, wird allerdings auch Gutschik nicht müde, ein Loblied auf die Blockflöte zu singen. Die habe „noch immer nicht den Stellenwert, der ihr gebührt“. Wer die Blockflöte für ein „Anfängerinstrument“ halte, der unterschätze sie bei Weitem, so Gutschik. Tatsächlich wussten die Vorzüge der Blockflöte schon Komponisten von Vivaldi und Bach weg zu schätzen. Als Lautstärke und zur Schau gestellte Virtuosität in der Musik zuzunehmen begannen, hatte es die Blockflöte allerdings immer schwerer.
Gefühllos, verrucht, kindisch oder doch revolutionär?
Auch für die Blockflöte gilt allerdings, was für jedes Instrument gilt: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Gerade die Blockflöte hat dabei einen besonders bizarren Imagewandel hinter sich. Während heutige Kompositionen immer neue Klangfarben daran entdecken, wurde es im Deutschland der 30er Jahre tatsächlich deshalb empfohlen, weil es „jeden persönlichen Einfluss des Spielers auf den Ton im Sinne des Gefühlsausdrucks ausschaltet“ („Die Blockflöte“, Waldemar Woehl).
Und wer könnte sich schließlich vorstellen, dass das „Kinderinstrument“ noch vor drei Jahrhunderten als eindeutiges Phallussymbol galt, weshalb die wenigsten mit dem anrüchigen Ding zu tun haben wollten, Frauen schon gar nicht. Auch den Versuch, das Instrument wegen seiner Erschwinglichkeit klassenkämpferisch einzusetzen, gab es: Erinnert sei an Österreichs musikalisches „Enfant terrible“ Friedrich Gulda, der nackt Blockflöte spielend auftrat oder säckeweise Blockflöten ins Publikum warf, mutmaßlich zur Demokratisierung der Musik.
Es geht auch ohne Pflichtflöterei
Die Befürchtung, dass mit der Pflichtflöterei auch der Musiknachwuchs verstummt, ist jedenfalls nicht begründet. Sieht man von den Städten ab, wo Kinder tatsächlich immer weniger Musik machen, gibt es laut Gutschik keinen Grund zur Sorge: „Es haben noch nie so viele Kinder musiziert wie heute.“ Heute gebe es doppelt so viele Musikschülerinnen und -schüler wie in den 70ern, und das bei etwa halbierter Geburtenrate. Daraus schließt Gutschik: „Manchmal sind Kulturpessimisten, allein schon was die Faktenlage angeht, nicht im Recht.“
Lukas Zimmer, ORF.at
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