Themenüberblick

Aufrüttelnde Rede zum Nobelpreis

Doris Lessing ist bis ins hohe Alter kämpferisch geblieben. Die Verleihung des Literaturnobelpreises nützte die damals 88-Jährige für eine bittere Anklage gegen die Chancenlosigkeit von Menschen in armen Ländern und die Wegwerfmentalität der reichen westlichen Welt.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

„Wir sind ein übersättigter Haufen, wir in unserer Welt - unserer bedrohten Welt. Mit Ironie und Zynismus sind wir schnell bei der Hand“, hieß es in dem Vortrag unter dem sarkastisch gemeinten Titel „Den Nobelpreis nicht gewinnen“. Sie selbst konnte krankheitsbedingt nicht nach Stockholm reisen und ließ den Text von ihrem Londoner Verleger Nicholas Pearson vorlesen.

Bildungshunger in Afrika

Lessing hob immer wieder den gewaltigen Lese- und Bildungshunger von Schülern in armen Ländern wie Simbabwe hervor, wo sie bis 1949 ein Vierteljahrhundert lang gelebt hatte. Weil es dort an einer typischen Schule noch nicht einmal Geld für Kreide, geschweige denn Bücher gebe, seien die Folgen absehbar: „Ich glaube nicht, dass viele Schüler dieser Schule Preise bekommen werden.“

Umgekehrt könne man „ziemlich sicher“ sein, dass genau das der Fall bei einer bekannten Knabenschule mit schönen Gebäuden im Norden Londons sein werde, die sie als Prominente besucht habe. Von Bildungshunger war dort für sie nichts zu spüren: „Bestimmt kennt jeder, der eine Rede hält, diesen Moment, wenn man in ausdruckslose Gesichter blickt.“

„Wie sind ihre Möpse?“

In London frage man beim Auftauchen einer neuen Schriftstellerin nur noch: „Wie sind ihre Möpse? Sieht sie gut aus?“ Und bei Männern: „Charismatisch? Attraktiv? Wir machen Witze, aber witzig ist das nicht.“ Auch das Internet findet keine Gnade bei der vor allem durch „Das goldene Notizbuch“ (1962) berühmt gewordenen Britin.

Das Netz habe „eine ganze Generation mit seinen Belanglosigkeiten verführt, so dass selbst einigermaßen Vernünftige zugeben, dass man sich nur schwer losreißen kann, wenn man einmal süchtig ist, und es sein kann, dass auf einmal ein ganzer Tag mit Bloggen und so weiter vergangen ist“.

Skeptikerin mit visionärer Kraft

Vom Nobelpreis selbst zeigte sich Lessing unbeeindruckt. Als die in London lebende Autorin die Begründung für die Vergabe des Nobelpreises an sie vernahm („Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat“), schwang sie mürrisch ihr Einkaufsnetz in ein Taxi und sagte ungehalten: „Haben die das wirklich so gesagt? Lächerlich!“ Um anschließend zu klagen, dass ihr einer der Juroren schon vor 30 Jahren „sehr rüde“ erklärt habe, sie werde den Literaturnobelpreis nie bekommen.

Link: