„Fatale“ Fehlentscheidungen
Viele Eltern geben ihren Kindern Medikamente in zu geringer Dosis, geht aus einer Untersuchung der Universitätsklinik im deutschen Erlangen hervor. Die Eltern wollen ihren Nachwuchs damit offenbar möglichst wenig schädigen oder vor Nebenwirkungen schützen, „erreichen damit aber das genaue Gegenteil“, so Studienleiterin Antje Neubert.
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Der Studie zufolge verabreichen Eltern in zehn bis 15 Prozent aller Fälle eigenmächtig eine zu niedrige Medikamentendosis - gegen die dezidierten Anordnungen von Ärzten oder die Angaben der Packungsbeilage. In der Mitteilung der Kinder- und Jugendklinik der Erlanger Hochschule vom Dienstag zeigte man sich vom Ausmaß der Fehldosierungen „überrascht“ - gerade auch bei rezeptpflichtigen Medikamenten.
Risiko lebenslanger Antibiotikaresistenzen
Der geringste Schaden, den Eltern bei ihren Kindern damit anrichten, ist laut Neubert, dass „die Wirkung durch die verminderte Gabe von Arzneien oft ausbleibt“. Noch bedenklicher ist jedoch die vorschreibungswidrige Verwendung von Antibiotika, die laut der Studie noch höher liegt als bei anderen Medikamenten: Demnach werden 20 Prozent aller Antibiotika in zu niedriger Dosis verabreicht. Das sei „fatal, weil so Resistenzen erzeugt werden“.
Die zu niedrige Dosierung führe oft direkt, weil die Krankheit fortbesteht, zu mehrmaligem Einsatz, wird erläutert. Dadurch komme es „schnell zur Bildung von Resistenzen – ein Problem, das mittlerweile eine gefährliche Entwicklung nimmt“, betonte die Wissenschaftlerin. Die ursprüngliche Intention der Eltern, ihr Kind zu schützen, verkehre sich in das Gegenteil: „Der therapeutische Effekt bleibt aus, unerwünschte Wirkungen treten trotzdem auf und bisher wirksame Therapien stehen zukünftig möglicherweise nicht mehr zur Verfügung.“
Nur Nebenwirkungen ohne jeglichen Nutzen
Neubert sieht einen Denkfehler der Eltern als Kern des Problems. Viele von ihnen glauben offenbar, dass bei geringerer Dosis auch mögliche Nebenwirkungen vermieden oder gelindert werden könnten, so die Medizinerin. Die Nebenwirkungen träten jedoch häufig unabhängig von der Dosierung auf, auch in therapeutisch nicht wirksamen Mengen. In anderen Worten: Eltern verschaffen ihren Kindern damit nur Nebenwirkungen ohne jeglichen Nutzen.
Die Studie beruft sich auf Daten von 17.000 Kindern und Jugendlichen beziehungsweise deren Eltern, erhoben vom Robert-Koch-Institut für eine Expertise zur Kinder- und Jugendgesundheit in Deutschland (KiGGS). Dabei wurde systematisch auch die Medikamenteneinnahme über den Verlauf einer Woche abgefragt. Das Ergebnis unterscheide sich maßgeblich von den Verordnungsdaten, unterstreichen die Wissenschaftler.
Müssen Studien neu geschrieben werden?
Die Diskrepanz zwischen Verordnungsdaten und tatsächlich eingenommener Dosis könne möglicherweise noch weitere Folgen haben, wird in der Studie angedeutet - etwa beim Problem des „off label use“, der Verschreibung von Erwachsenenmedikamenten für Kinder in Ermangelung spezifischer Kinderpräparate. In diesem Bereich wird laut der Studie jedes zweite Präparat fehldosiert. Nebenwirkungen, die bisher dem Präparat zugeschrieben wurden, liegen so möglicherweise zumindest zum Teil an der falschen Anwendung.
Die deutschen Mediziner wollen keine Vermutungen darüber anstellen, inwieweit sich die Studienergebnisse auch auf andere Länder umlegen lassen. Eine Kultur, „in der Arzneimittel eher zurückhaltend eingesetzt werden“, begünstigt das Phänomen laut den Medizinern. Die Beliebtheit von Homöopathie und pflanzlichen Heilmitteln sei ein Indiz dafür. Die Schlussfolgerung der Mediziner: Mehr umfassende Aufklärung und das Ausräumen falscher Vorurteile sei nötig, „damit unsere Kinder adäquat mit Arzneimitteln behandelt und trotzdem maximal geschützt werden“.
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