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„Der Arzt nimmt es auf seine Kappe“

Einer der wenigen Spitzenmediziner in Österreich, die das Tabuthema „Off-Label-Use“ ansprechen, ist der frühere Uniprofessor und nunmehrige Vorstand der Kinder- und Jugendheilkunde am Landeskrankenhaus Leoben, Reinhold Kerbl. Er findet gegenüber ORF.at deutliche Worte: Bei der Verschreibung von Erwachsenenmedikamenten für Kinder gehe es um „tägliche Verwendung - weil wir müssen“.

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Selbst allgemein gebräuchliche fiebersenkende Mittel seien „unter sechs Monaten nicht zugelassen“, gibt Kerbl etwa zu bedenken. Wenn es der Arzt mit einem fiebernden Baby und der Gefahr eines atypischen Fieberkrampfs zu tun habe, stehe er somit nur vor der Wahl, entweder ein geringes Risiko einer Leberschädigung zu riskieren oder den kleinen Patienten unversorgt zu lassen. Letztlich sei der Arzt mit der Entscheidung allein: „Die Verantwortung liegt bei dem, der es macht.“

„Klagt’s den“

In komplexen medizinischen Bereichen ist das Problem noch virulenter. In der Onkologie, Kardiologie, Neonatologie und Intensivmedizin etwa sind auch nach Einschätzung des Gesundheitsministeriums bis zu 90 Prozent der eingesetzten Präparate nicht für Kinder gedacht. Wenn alles gutgehe, klopfe man dem Arzt auf die Schulter, so Kerbl - wenn nicht, könne es natürlich passieren, „dass ein Anwalt zur Familie kommt und sagt: ‚Klagt’s den!‘“

Im Fall eines Gerichtsverfahrens würden wohl Gutachter beigezogen, und die seien zumindest „auch Mediziner“, so Kerbl. Damit könne der Arzt, der einen „Off-Label-Use“ riskiert, vor Gericht auf Verständnis hoffen. Mit einiger Sicherheit müsse dann auch für das Gericht nachvollziehbar sein, dass der Arzt in der konkreten Situation das geringere von zwei Übeln wählen musste - wozu er durch seinen Eid ebenso wie durch das Gesetz verpflichtet ist.

Wenn Ärzte für korrektes Handeln verurteilt werden

„Off Label“-Verschreibungen seien „nicht verboten“, betont Kerbl. Es gebe im Gegenteil Gerichtsurteile zu Fällen, bei denen Ärzte Versäumnisse attestiert wurden, weil diese auf potenziell rettende - aber eben nicht für Kinder zugelassene - Medikamente verzichtet hätten. Die Verwendung von nicht zugelassenen Medikamenten, resümiert Kerbl, „nimmt der Arzt auf seine Kappe. Es bleibt ihm auch nichts anderes übrig.“

Auch sei die Vorgehensweise „nicht immer gefährlich“, beruhigt Kerbl, schon gar nicht bei alltäglichen medizinischen Problemstellungen - nur könne der Arzt eben nicht auf Studien bauen, die die bedenkenlose Verschreibung garantieren. Gerade in dieser Hinsicht sei auf die heimische Initiative „O.K.ids“ zu bauen, mit der erstmals eine permanente Plattform zwischen heimischen Kinderärzten und der Pharmabranche eingerichtet worden sei, um mehr valide Studien zur Wirkung von Medikamenten auf Kinder zu bekommen.

Zustimmung der Eltern „nicht mehr die große Hürde“

Ein besonderes Problem auf dem Weg zu klinischen Studien in der Kinderheilkunde werde zudem geringer, so Kerbl: Die Zustimmung der Eltern von betroffenen Kindern sei inzwischen „nicht mehr die große Hürde“. Eltern seien heute „aufgeklärter“ und würden ihr Einverständnis zur Teilnahme ihrer Kinder an Studien häufiger geben - auch und gerade, weil viele das Bewusstsein dafür hätten, dass damit vielleicht nicht ihrem eigenen Kind, aber vielen anderen Kindern in Zukunft geholfen werden kann.

Lukas Zimmer, ORF.at

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