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Immer mehr Senioren auf der Straße

Bei der letzten Führerscheinnovelle, die Anfang 2013 gemäß EU-Vorgaben in Kraft getreten ist, hätte Österreich eine bequeme Gelegenheit zur Einführung von Fahrtauglichkeitstests für Senioren gehabt. Das Verkehrsministerium nahm die Möglichkeit bewusst nicht wahr. Hierzulande soll es ab 2028 einen freiwilligen anonymisierten Test geben.

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Mit der Reform wurde der EU-Entschluss umgesetzt, in allen EU-Ländern einen einheitlichen Führerschein im Scheckkartenformat auszustellen, der auf zehn oder 15 Jahre befristet werden soll. In Österreich muss man das Dokument im 15-Jahres-Intervall erneuern. Die EU hatte zwar eine „Empfehlung“ zugunsten von verpflichtenden Gesundheitschecks ausgesprochen, den Mitgliedsstaaten die Entscheidung aber offengelassen.

Gesundheitschecks anderswo selbstverständlich

Österreich ist der EU-Empfehlung - wie etwa auch Deutschland, Frankreich, Spanien und Schweden - nicht nachgekommen. In den meisten europäischen Ländern ist der Gesundheitscheck jedoch ganz und gar unaufgeregte Realität. Dabei gibt es im Wesentlichen zwei verschiedene Modelle: Prüfungen ab einem bestimmten Lebensalter (zwischen 65 und 80 Jahren) oder Prüfungen ab Führerscheinerwerb, deren Intervalle jedoch im Alter kürzer werden.

Der Handlungsbedarf wächst jedenfalls ständig: Die Zahl von verunglückten Senioren steigt ständig und liegt heute bereits rund 20 Prozent über dem Niveau des Jahres 2000, wie Daten der Statistik Austria belegen - und das sogar während im selben Zeitraum die Zahl von Verunglückten im Straßenverkehr um 20 Prozent sank. Das liegt allerdings zum allergrößten Teil an der demographischen Entwicklung: Es gibt immer mehr Senioren, und sie fahren Auto.

Risiko bei Alt und Jung gleich groß

Dass Senioren sehr wohl ein erhöhtes Unfallrisiko haben, lässt sich allerdings sehr wohl durch die Statistik belegen. In der „Zeitschrift für Verkehrsrecht“ (Juni 2012) schlüsselte der für das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) tätige Experte Armin Kaltenegger etwa auf, dass die Risikoverteilung bei Jungen und bei Alten genau korrespondierend ist: Die Gruppe der 17- bis 26-Jährigen hat eine „ähnlich hohe bis sehr hohe Unfallrate“ wie die Gruppe der „sehr betagten Fahrer (ab 80)“.

Die statistische Risikokurve beginnt bei den 17-Jährigen hoch oben, flacht bei den 27-Jährigen deutlich ab und bleibt in der Gruppe der 40- bis 59-Jährigen auf dem niedrigsten Niveau. Dann beginnt sie wieder zu steigen: Die 82-Jährigen entsprechen im Hinblick auf das Risiko den 22-Jährigen, und die 87-Jährigen fahren so unsicher wie die 17-Jährigen.

118-jährige Lenker haben ein Problem

Insgesamt gibt es in der heimischen Rechtslandschaft „kaum seniorenspezifische Regelungen, Selektions- oder Kontrollinstrumentarien“, wird in dem Fachbeitrag konstatiert. Auffällig ist lediglich der Paragraf 27 Führerscheingesetz: Dort wird normiert, dass ein Führerschein 100 Jahre nach seiner Ausstellung jedenfalls erlischt. Das diene jedoch der Bereinigung der Führerscheinevidenz und sei „in der Praxis wahrlich kein großer Beitrag“ zum Thema.

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