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TEPCO Spitze einer fragwürdigen Pyramide

Die schlechten Nachrichten aus dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima reißen nicht ab. Große Mengen verseuchten Wassers laufen immer wieder aus der zerstörten Atomanlage und den Auffangbehältern aus, versickern in der Erde oder fließen in den Pazifik. Die nukleare Säuberung ist eine Mammutaufgabe - der der AKW-Betreiber TEPCO nicht gewachsen ist. Die Folge: dubiose Firmenkonstrukte und ausgebeutete Arbeiter.

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Für das Abbauen der AKW-Reaktoren und die Säuberung der Umgebung ist ein dubioses, undurchschaubares Geflecht aus Hunderten Firmen und Subunternehmen verantwortlich, viele von ihnen ohne jegliche Erfahrung mit nuklearer Arbeit und mit zum Teil Verbindungen ins organisierte Verbrechen. Das ergab eine Recherche der Nachrichtenagentur Reuters, die mit über 80 Arbeitern, Arbeitgebern und Beamten, die an der Sanierung beteiligt sind, gesprochen hat.

30-jähriges 150-Mrd.-Dollar-Projekt

Die Atomkatastrophe ist für die japanische Regierung ein Desaster, das sie wohl noch mindestens die nächsten 30 Jahre beschäftigen wird und rund 150 Milliarden Dollar verschlingen soll. Rund 800 Firmen, schätzt Reuters auf Grundlage von TEPCO-Unterlagen, sind allein auf dem AKW-Gelände selbst in die Arbeiten verflochten, viele von ihnen nicht registriert. Hunderte weitere sind an der Dekontamination in den umliegenden Gebieten beteiligt. AKW-Betreiber TEPCO ist nur die Spitze der Pyramide - die Firmenverflechtungen gehen zum Teil über sieben oder mehr Ebenen.

Arbeiter wird auf Strahlung untersucht

Reuters/Issei Kato

Arbeiter werden regelmäßig auf Strahlen untersucht

Der AKW-Betreiber gesteht, den Überblick verloren zu haben: „Wir setzen Verträge mit Firmen auf, basierend auf den Kosten, die nötig sind, um die jeweilige Aufgabe zu erfüllen“, so Masayuki Ono, ein TEPCO-Manager. Diese Firmen stellten dann selbst ihre Arbeiter ein. „Es ist sehr schwierig für uns, da in die genauen Verträge reinzusehen.“

Arbeiter werden weitergereicht

Eine TEPCO-Untersuchung von 2012 zeigt, dass rund die Hälfte der etwa 50.000 Arbeiter von einem anderen Unternehmen eingestellt wurden als dem, für das sie dann tatsächlich arbeiteten. Das System ist nicht einmal für die Arbeiter selbst transparent - laut Reuters werden viele unter falschen Vorbedingungen eingestellt und finden sich dann in einem völlig anderen Arbeitsbereich wieder als geplant - meist einem gefährlicheren Arbeitsbereich. Die Gesetzeslage in Japan verbietet solche Arrangements theoretisch - in der Praxis wird darüber jedoch hinweggesehen.

Angesichts der Gefährlichkeit der Jobs haben die Betreiber mit einem massiven Personalmangel zu kämpfen. Bessere Entlohnung könnte diesen Umstand womöglich verbessern - der Kostendruck der auf dem notverstaatlichten Energiekonzern TEPCO lastet, verhindert das jedoch. Im Gegenteil: Selbst TEPCO kürzte die Gehälter seiner eigenen Arbeiter um 20 Prozent. Und so wird anstelle von qualifizierten Arbeitern häufig auf Menschen zurückgegriffen, die Probleme haben, einen anderen Job zu finden.

„Nuclear Gypsies“

TEPCOs Personalpläne beinhalten noch nicht einmal die weiteren nötigen Arbeitskräfte, die für die Errichtung eines gefrorenen Schutzwalls zur Eindämmung der Radioaktivität nötig sind. Die japanische Atomenergiebehörde äußerte bereits Sorgen, ob TEPCO diese Leistungen bringen und gleichzeitig die Sicherheit der Arbeiter garantieren kann. Neu ist es freilich nicht, dass in der Nuklearindustrie billige Arbeitskräfte eingesetzt werden - das passierte schon bei der Eröffnung von Fukushima in den 70er Jahren. Vielfach wurde seither auf Menschen aus sozialen Randgruppen als Arbeitskräfte zurückgegriffen, etwa Obdachlose - genannt werden sie auch „Nuclear Gypsies“.

Die Fukushima-Katastrophe habe die Ausbeutung zusätzlich verschärft. Plötzlich wurden Tausende neue Arbeiter gebraucht - die japanische Regierung interessierten die Rahmenbedingungen, in denen diese arbeiten, nicht. Die Befragungen von Reuters ergaben, dass die durchschnittlichen Stundenlöhne bei rund zwölf Dollar liegen - ein Drittel unter dem landesweiten Schnitt in dieser Branche. Manche verdienten gar nur sechs Dollar in der Stunde.

In die Abhängigkeit gedrängt

Zudem begeben sich viele Arbeiter in die völlige Abhängigkeit von ihren Dienstgebern: In extremen Fällen verkaufen sie sich regelrecht an ihren Auftraggeber - indem dieser anbietet, dessen Schulden zu übernehmen. Der Arbeiter ist dann vom Unternehmer abhängig, muss seine Schulden abstottern, indem er nur einen Bruchteil seines eigentlichen Lohns ausbezahlt bekommt.

Dutzende Mafia-Gangs tief verstrickt

Die illegalen Gebaren dieser Subunternehmen dürften jedoch noch viel weiter gehen: Reuters zufolge hat die japanische Mafia, genannt Yakuza, ihre Finger im Spiel. Bis zu 50 Gangs mit über 1.000 Mitgliedern sollen an den Fukushima-Arbeiten beteiligt sein. Die Polizei ermittelt.

In einem Fall ist es bereits zu einer Verurteilung gegen einen Chef einer Yakuza-Gang gekommen. Der Mann soll 60.000 Dollar verdient haben, indem er zwei Jahre lang ein Drittel des Gehalts von Fukushima-Arbeitern abgezweigt hatte. Der Verurteilte soll Arbeiter an eine der größten beteiligten Firmen verliehen haben. Dort heißt es, man habe nicht gewusst, dass man Arbeitskräfte von einem Kriminellen gestellt bekomme.

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