„Italien wohl zu klein geworden“
Die ohnehin krisengeschüttelte italienische Fluglinie Alitalia steht erneut vor einer ungewissen Zukunft. Italienischen Medienberichten zufolge hat das Unternehmen nur noch wenige Tage Zeit, um der Pleite zu entgehen. Verzweifelt gesucht wird derzeit nicht nur frisches Kapital, sondern - wie bereits vor rund vier Jahren - erneut ein risikobereiter Partner.
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Auch wenn Alitalia unmittelbar nach Einstieg von Air France-KLM und einer Gruppe italienischer Investoren im Jahr 2009 zumindest kurzfristig wieder aus den Schlagzeilen verschwunden war, war bereits damals klar, dass die Krise noch nicht überstanden ist. Aktuellen Medienberichten zufolge hat sich seitdem rund eine Milliarde Euro an neuen Schulden angehäuft - dazu kommen über 840 Millionen an Verlust, berichtete der „Corriere della Sera“ am Dienstag.
Serie von Krisensitzungen
Die Regierung erwägt nach Angaben eines mit der Sache vertrauten Informanten, ein staatliches Unternehmen als Investor zu gewinnen. Gleichzeitig sollen die Verhandlungen mit Air France-KLM über eine Erhöhung des Anteils von derzeit 25 Prozent weitergehen. In den Gesprächen mit dem Konzern gibt es den Angaben nach aber einen handfesten Streit über die künftige Strategie und das Geld. Nachdem bei einer Kristensitzung zwischen Regierungsvertretern, Investoren und Alitalia am Montag keine Lösung gefunden werden konnte, ist angesichts der als „ernst und angespannt“ bezeichneten Lage gleich eine Reihe weiterer Treffen anberaumt.
Wieder vom Tisch scheint derzeit ein möglicher Einstieg der staatlichen Bahngesellschaft Ferrovie dello Stato (FS). Die Regierung habe nie einen Einstieg vorgeschlagen, so FS-Chef Mauro Moretti laut „Repubblica“. Anderen Medienberichten zufolge stehe ein FS-Einstieg zwar weiter zur Debatte - Moretti will davon allerdings nicht nur wegen der auch bei den Staatsbahnen angespannten finanziellen Lage nichts wissen. Auch die bisherige Kooperation sei bisher alles andere als optimal verlaufen, weswegen es laut Moretti in Italien auch keinen Flughafen mit Anschluss an das Hochgeschwindigkeitsnetz der Eisenbahnen gibt.
„Treibstoff reicht bis 12. Oktober“
Den Ernst der Lage unterstrich der Chef des Energiekonzerns ENI, Paolo Scaroni, dem zufolge der Treibstoff bei Alitalia nur noch bis Samstag ausreiche. Ob ENI den angeschlagenen Konzern weiter mit Treibstoff versorgen wird, ließ Scaroni angesichts der unsicheren Zukunft von Alitalia offen. Mit Blick auf eine dringend benötigte und mit zwischen 300 und 500 Mio. Euro bezifferte Kapitalspritze zeigen sich auch die Bankenvertreter zögerlich. Laut der Wirtschaftzeitung „IlSole24Ore“ sind die großen Finanzinstitute des Landes zwar grundsätzlich bereit, frisches Kapital zur Verfügung zu stellen - abhängig gemacht wurde das aber von einem „ernsthaften“ Sanierungsplan, und dieser sei derzeit nicht in Sicht.
Wie vor vier Jahren bleibt auch eine vollständige Fusion zwischen Alitalia und Air France-KLM umstritten. Nach wie vor wird ein Kahlschlag bei Arbeitsplätzen und im Streckennetz befürchtet, berichtete zuletzt etwa der „Messaggero“. Deutlich abgelehnt wird die Fusion von Alitalia-Vizechef Salvatore Mancuso, der sich etwa von einer Kooperation mit der arabischen Fluglinie Etihad weit größere Chancen verspricht.
Aufhorchen ließ der Präsident der italienischen Industriellenvereinigung (Confindustria), Giorgio Squinzi. Während laut Schätzungen der Regierung für die Alitalia-Sanierung vier bis fünf Mrd. Euro an Steuergeld notwendig sein könnten, sprach Squinzi von acht bis zehn Mrd. Dem Industriellenvertreter zufolge könnte das von der Wirtschaftskrise gebeutelte Italien mittlerweile aber ohnehin zu klein für ein global operierendes Unternehmen geworden sein.
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