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Hausärzte sollen sensibilisiert werden

Wie können Depressionen frühzeitig erkannt und behandelt werden? Diese Fragen bekommen im Gesundheitswesen angesichts steigender Erkrankungszahlen mehr und mehr Gewicht. Eine bundesweit einheitliche Antwort darauf fehlt jedoch, kritisiert Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste (PSD) in Wien. Er fordert einen nationalen, koordinierten Aktionsplan gegen Depression.

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„Jedes Bundesland macht irgendetwas anderes“, übt er gegenüber ORF.at Kritik. Es gebe einzelne Maßnahmen, wie etwa landesweite Bündnisse gegen Depression - ein gezielter, übergeordneter Präventionsplan, in dem auch eine Ergebnisüberprüfung vorgesehen ist, fehle jedoch. Psota verweist als Beispiel auf den im Vorjahr eingeführten „nationalen Suizid-Präventionsplan“, der bisher eine sehr gute Wirkung gezeigt habe. Der Realität hinterher hinke man nicht nur bei gezielten Maßnahmen gegen psychische Krankheiten, sondern auch bei der Zahl von Psychotherapeuten und Psychiatern - es gebe viel zu wenige für immer mehr Patienten.

Wie leitet man Betroffene zur Hilfe?

Ein Umstand, den man beim Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger (HVSV) freilich anders sieht: Zwar gesteht man dort ein, dass es ein Problem mit der Versorgung gibt. Das betreffe aber vor allem die Primärversorgung. Diese wolle man verbessern, erklärt Bernhard Wurzer, stellvertretender Generaldirektor des Hauptverbandes gegenüber ORF.at Die zentrale Frage sei, wie man Betroffene dorthin leiten könne, wo sie hinmüssten.

Den Schlüssel scheint man hier in den Hausärzten zu sehen: Ihnen komme bei der Erkennung von Krankheitssymptomen und der Steuerung der Patienten eine wesentliche Rolle zu, so Wurzer. Darüber hinaus versuche man andere Angebote einzurichten, wie etwa Hearing-Stellen bei den Gebietskrankenkassen, wie es sie bereits in Oberösterreich gebe, und eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Psychosozialen Diensten. Die Versorgung durch Psychotherapeuten und Psychiater erachtet man beim Verband jedenfalls als ausreichend.

Bessere Ausbildung für Allgemeinmediziner geplant

Gerade bei den Hausärzten gebe es jedoch Nachholbedarf, glaubt Wurzer. Ihre Ausbildung sei im Bereich psychischer Erkrankungen nicht ausreichend - ein neues Ausbildungskonzept habe man bereits in der Schublade. Ob der Arzt dadurch auch mehr Zeit findet, ausführliche Gespräche mit den Patienten zu führen, ist freilich nicht gesagt. „Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass sich der Arzt so viel Zeit nimmt, wie er braucht“, heißt es dazu knapp von Wurzer. Über eine Änderung bei der Honorierung müsse man sicher nachdenken - hier sei jedoch die Ärztekammer gefragt.

Aufklären möchte der HVSV mit einem neuen Ratgeber für Betroffene und deren Angehörigen. Das Buch „Von der Depression zur Lebensfreude“ wurde im Vorfeld des am Donnerstag stattfindenden Tages der Seelischen Gesundheit präsentiert.

Zum besseren Verstehen soll auch eine weitere Aktion beitragen: Mit Schauspielern wurden psychiatrische Erstgespräche nachgespielt. Die Schauspieler seien „simulierte Patienten“, die an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Allgemeinen Krankenhaus (AKH) unterschiedliche Krankheitsbilder wie Schizophrenie, Depression oder Alkoholismus für Studentinnen und Studenten nachspielen, wie der Verband in einer Aussendung erklärt.

Ratgeber „erreicht höchstens Hypochonder“

Harsche Kritik erntet der HVSV von Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer für diese aus seiner Sicht „lächerlichen“ Maßnahmen - ein Vorsorgekonzept sehe anders aus, so Pichlbauer gegenüber ORF.at. Mit dem Ratgeber erreiche man „höchstens Hypochonder“, spitzt Pichlbauer die Problematik zu. „Solche Menschen müssen in der Früh minutenlang überlegen, ob sie graue oder schwarze Socken anziehen - die lesen nicht diesen Folder.“

Für Pichlbauer fehlt der grundlegende Ansatz, dass man die Patienten finden und auf diese zugehen müsse. „Wer gesteht sich das schon ein, depressiv zu sein?“ In den Krankenkassen sei die Identifikation von Depressionen schlicht nicht vorgesehen. Dabei seien mögliche Maßnahmen bekannt - auf internationaler Ebene gebe es längst Rezepte. Auch für ihn ist die stärkere Einbeziehung der Hausärzte ein wichtiger Punkt. Diese müssten viel mehr für psychische Erkrankungen sensibilisiert werden.

Lange Beratungsgespräche, die „niemand zahlt“

Zudem schlägt er den Einsatz eines von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erarbeiteten Fragebogens zur Erfassung des Wohlbefindens von Patienten vor, der ein erstes Vorfühlen mit fünf knappen, einfachen Fragen ermöglicht. Den „WHO-5 Well-being Index“ sollte jeder Hausarzt in seiner Schreibtischschublade haben, fordert Pichlbauer. In Österreich sei das aber nicht der Fall, „weil das niemand zahlt“. Der Hausarzt habe nicht die Zeit, für die Beratung und für ausführliche Gespräche - auch die Psychotherapie auf Krankenschein sei oft nicht mehr als Wunschdenken, weshalb dem Hausarzt nichts anderes übrig bleibe, als „schnell auf Medikamente zurückzugreifen“.

Ein Problem, das auch auf der Pressekonferenz vom HVSV angesprochen wurde. „Wir haben relativ viele Einmalverschreibungen von Antidepressiva. Wir wissen aber, dass sie erst nach vier Wochen wirken können“, so der Psychiater Karl Dantendorfer. Da seien kein Effekt, nur Kosten zu erwarten. „Wir haben im Durchschnitt sieben Jahre Zeit von der Erstverschreibung eines Antidepressivums bis zum Antrag auf Frühpensionierung.“ Diese Zeitspanne gelte es zu nutzen.

Petra Fleck, ORF.at

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