Preis geht heuer nach Kanada
Heuer wird eine Meisterin der kleinen Form ausgezeichnet: Der Literaturnobelpreis 2013 geht an die 1931 geborene Kanadierin Alice Munro. Sie ist vor allem für ihre Kurzgeschichten bekannt.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
„Sie ist die Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte“, sagte Peter Englund als Sprecher der Jury des Literaturnobelpreises. „Sie hat diese spezielle Form zur Perfektion gebracht.“ In einem Interview mit der deutschen Nachrichtenagentur dpa sagte Englund dann: „Sie kann auf 30 Seiten mehr sagen als ein durchschnittlicher Romanautor auf 300. Ihre Texte haben eine gewaltige Dichte - nicht im negativen, sondern im positiven Sinn.“
„Für uns als Frauen“
Ihre Tochter habe sie geweckt, sagte Munro dem Sender CBC. „Sie rief an und sagte: ‚Mama, du hast gewonnen!‘ Ich war ganz durcheinander und sagte: ‚Was habe ich gewonnen?‘ Erst dann kam ich zu Sinnen.“ Ihre Freude sei grenzenlos. Sie habe nicht gewusst, dass seit 1901 mit ihr nur 13 Frauen geehrt wurden. „Das macht mich noch glücklicher, dass ich diesen Preis bekommen habe. Für uns als Frauen.“ Akademiesekretär Englund hatte bei der Bekanntgabe zu Mittag gesagt, man habe die 82-Jährige nicht erreicht und ihr eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Sie sei schon so alt, er hoffe, dass sie im Dezember über den Atlantik kommen könne.

APA/EPA/Derek Shapman
Eine verdiente Preisträgerin, lautet der Tenor der Reaktionen
Der jüngste ihrer zahlreichen auch ins Deutsche übersetzten Erzählbande heißt „Zu viel Glück“ und erschien 2011 im Fischer Verlag. 2009 wurde Munro der Booker International Price verliehen.
Literarischer Rückzug angekündigt
Erst im Juni dieses Jahres kündigte die Schriftstellerin ihren Rückzug vom Schreiben an: „Ich werde wahrscheinlich nicht mehr schreiben“, sagte Munro in einem Interview mit der kanadischen Zeitung „National Post“. Mit der Entscheidung sei sie sehr zufrieden. „Ich bin hocherfreut. Es ist nicht so, dass ich das Schreiben nicht geliebt habe, aber man kommt in eine Phase, wo man über sein Leben irgendwie anders denkt.“ Möglicherweise enttäuschten Fans riet Munro, ihre alten Bücher noch einmal zu lesen. „Es gibt so viele davon.“
„Kammerspiele des Gefühls“
Große Freude und Überraschung rief die Entscheidung der Jury bei Munros deutschem Verlag S. Fischer aus. „Man bereitet sich immer wieder ein bisschen darauf vor und denkt, dieses Jahr wird es klappen. Dann hört man irgendwann auf zu hoffen, und dann klappt’s“, sagte der Programmchef für internationale Literatur, Hans-Jürgen Balmes, am Donnerstag auf der Frankfurter Buchmesse. Munro gilt seit vielen Jahren als Anwärterin auf den Nobelpreis.
Als „Kammerspiele des Gefühls“ bezeichnete Balmes ihre Erzählungen. „Geschichten, die immer in kleinen Räumen spielen, bekommen eine unheimliche Dimension.“ Damit habe die zurückgezogen in ihrem kleinen Haus lebende Kanadierin Millionen Menschen in der Welt beglückt. „Mit so einem Geschenk abzutreten ist wirklich das Allergrößte“, sagte Balmes zur Vergabe des Nobelpreises. Munro habe aber schon dreimal gesagt, das sei ihr letztes Buch gewesen. „Jetzt hoffen natürlich alle, dass es auch dieses Mal nicht das letzte Buch war.“
Glückwünsche von einer Mitbewerberin
Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood zeigte sich ebenfalls hocherfreut über den Nobelpreis für ihre Landsfrau und Freundin. Die 73-Jährige, die selbst zum erweiterten Kreis der Favoriten zählte, schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter: „Huurra! Alice Munro gewinnt den Nobelpreis für Literatur“. In einem Interview im Jahr 2006 hatte Munro erzählt, sie treffe sich einmal pro Woche in ihrem 3.000-Einwohner-Heimatstädtchen Clinton in einem Restaurant mit Atwood, immer am selben Tisch. Munro damals: „Wir kennen uns schon sehr lange, sie ist eine gute Freundin.“
Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck nannte Munro eine „sensationelle Wahl“. „Das ist nicht nur eine Entscheidung für die neben Margaret Atwood tollste kanadische Autorin, sondern auch eine Entscheidung für die Form der Erzählung“, sagte Scheck der deutschen Nachrichtenagentur dpa auf der Frankfurter Buchmesse.
Der schwere Stand der Kurzgeschichte
Munro hat viele - auch prominente - Fans, wie Christina Horsten von der dpa schreibt. „Dieses Buch ist so gut, dass ich hier gar nicht darüber sprechen will“, lobte der US-Schriftsteller Jonathan Franzen ihren 2006 veröffentlichten Erzählband „Tricks“. „Zitate oder eine Kurzzusammenfassung können dem Buch nicht gerecht werden. Man kann ihm nur gerecht werden, wenn man es liest. (...) Lest Munro! Lest Munro!“
Kurzgeschichten seien ein mühsames Geschäft, klagte die Schriftstellerin, deren Werke in Kanada und Großbritannien längst Bestseller sind, einmal selbst. „Die Literaturkritik betrachtet Kurzgeschichten noch immer als eine Art Übungsform für den Roman, als mindere Disziplin jedenfalls, und ich habe das selber lange geglaubt“, sagte Munro, die den Literaturbetrieb - so gut es geht - meidet, in einem ihrer seltenen Interviews. „Was habe ich mich gequält bei Versuchen, einen Roman zu schreiben! Bis ich irgendwann realisiert habe, dass die Kurzgeschichte die mir gemäße Form des Schreibens ist.“
Später Start als Autorin
Munro wurde 1931 im kanadischen Bundesstaat Ontario geboren. Dort bewirtschafteten ihre Eltern eine Farm, wie es im deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag zu Munro heißt. Obwohl sie von ihren Eltern auf eine Zukunft als Frau eines Farmers vorbereitet worden sei, habe Munro schon mit neun Jahren Schriftstellerin werden wollen.
Munro war dennoch eine Spätstarterin. Ihren ersten Erzählband (deutscher Titel: „Tanz der seligen Geister“) veröffentlichte sie 1968 mit fast 40 Jahren. Die Zeit zum Schreiben hatte die damalige Hausfrau und Mutter dem Alltag abgerungen, sich während des Kochens und während des Mittagsschlafs oder Schulbesuchs ihrer Kinder immer wieder an den kleinen Sekretär gesetzt. „Ich hatte schlicht zu wenig Zeit für das Schreiben, keine Zeit für große Würfe. Zur Kurzgeschichte fand ich also aus sehr praktischen Gründen.“
Geschichten aus dem Leben
Gleich ihr erster Band wurde preisgekrönt, und auch die zwölf bisher erschienenen weiteren Kurzgeschichtensammlungen wurden mit Lob und Preisen überschüttet. Ihre Geschichten gleichen sich fast immer. Und immer sind sie nahe an Munros eigenem Leben. Es geht um Frauen - um Mütter und Töchter - im kanadischen Ontario, die erwachsen werden, sich verlieben und die schönen und tragischen Seiten des Lebens kennenlernen.
„Aus diesem kleinen Strom füllt Munro seit 50 Jahren ihre Arbeit“, schreibt Schriftstellerkollege Franzen. „Und genau diese Vertrautheit macht ihr Reifen als Künstlerin so atemberaubend sichtbar: Schaut, was sie mit nicht mehr als ihrer kleinen Geschichte ausrichten kann, je öfter sie zu ihrem Thema zurückkehrt, desto mehr findet sie dort.“
„Glück ist kein Preis“
Munro, deren Mutter starb, als die Tochter ein Kind war, lebt noch immer in Ontario und ist längst Großmutter. Ihr zweiter Mann, ein Geograf, starb im April. Schon vor Jahren habe ihr Verleger ihr gesagt, sie sei Favoritin für den Literaturnobelpreis. „Und ich wusste, wenn ich gewinne, wäre ich für eine halbe Stunde wahnsinnig glücklich, und danach würde ich denken: Was für eine Qual.“ Denn Glück ist kein Preis, ist die überzeugte Calvinistin sicher - „Glück ist harte Arbeit“.
Literaturnobelpreis seit 1901
Der Nobelpreis für Literatur gilt als weltweit bedeutendste literarische Auszeichnung. Der von der Schwedischen Akademie seit 1901 fast jährlich vergebene Preis ist mit acht Millionen schwedischen Kronen (etwa 930.000 Euro) dotiert. Stifter ist der schwedische Industrielle Alfred Nobel (1833 bis 1896). Nach dem Willen des auch literarisch interessierten Unternehmers soll ihn derjenige erhalten, „der in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat“. Das Werk soll von hohem literarischem Rang sein und dem Wohl der Menschheit dienen.
Die Auswahl der Kandidaten verläuft jedes Jahr streng nach traditionellen Regeln. Zuerst lädt das fünfköpfige Nobelkomitee 600 bis 700 Personen oder Organisationen per Brief dazu ein, geeignete Literaten für das kommende Jahr vorzuschlagen. Empfehlungen können auch ehemalige Preisträger, Sprach- und Literaturwissenschaftler, wissenschaftliche Einrichtungen und Autorenverbände abgeben. Niemand kann sich aber selbst benennen.
Das Prozedere im Komitee
Das Komitee erstellt Namenslisten, die in der Akademie auf fünf Kandidaten reduziert werden. Die Sitzungen des für drei Jahre gewählten Nobelkomitees sind streng geheim. Über die Beratungen für den Nobelpreis muss 50 Jahre lang Stillschweigen gewahrt werden. Spätestens bis zum 31. Jänner müssen die Vorschläge in Stockholm vorliegen.
Jedes der 18 auf Lebenszeit gewählten Akademiemitglieder beschäftigt sich dann mit dem Werk der Nominierten und erstellt Berichte. Anfang Oktober wird der Preisträger durch Wahl bestimmt. Er muss mehr als die Hälfte der Stimmen aller Mitglieder bekommen. Der Preis wird jeweils am 10. Dezember, dem Todestag Nobels, in Stockholm überreicht.
Links: