Bisher einige Trends verpasst
Nach der Rücktrittsankündigung von Microsoft-Chef Steve Ballmer verlangen drei Investoren den Rückzug von Bill Gates. Denn würde der Firmengründer und Vorsitzende des Softwarekonzerns nicht seinen Sessel räumen, wäre ein Kurswechsel nur schwer möglich. Die Reaktionen darauf fielen am Mittwoch gemischt aus. Eine offizielle Stellungnahme gab es bisher nicht.
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Nach dem unter Tränen angekündigten Abgang Ballmers, der als direkter Nachfolger von Gates 13 Jahre an der Konzernspitze stand, fürchten die Investoren vor allem, dass ihnen Gates als Vorsitzender des Verwaltungsrates bei der Suche nach einem neuen Konzernchef im Weg stehen könnte.
Geteilte Reaktionen unter Anteilseignern
Kommen die Investoren mit ihren Rücktrittsforderungen durch, könnte das Unternehmen schneller und umfassender umgebaut werden als bisher gedacht. Allerdings gibt es derzeit keine Anzeichen, dass Microsoft auf die Wünsche der Investoren eingehen wird. Offen ist auch, wie sie genau ihren Forderungen Nachdruck verleihen wollen.
Von anderen Anteilseignern kamen gemischte Signale. „Das ist lange überfällig“, sagte Todd Lowenstein, Portfoliomanager von HighMark Capital Management. Der Konzern habe frischen Wind nötig. Kim Caughey Forrest, Analystin beim Investmenthaus Fort Pitt Capital Group, betonte dagegen, Microsoft brauche den Firmengründer als „Technologievisionär“ weiterhin.
Nach wie vor sehr profitabel
Der Konzern unter Ballmer und mit dem Milliardär an der Spitze des Verwaltungsrates hatte zuletzt einige Trends verpasst. Zudem hatte Microsoft zuletzt mit dem längst fälligen Versuch, mit dem neuen Betriebssystem Windows 8 in die Touchscreen-Welt aufzubrechen, so seine Probleme. Einige Experten kritisierten, dass viele Programme zu wenig an die Steuerung per Handbewegungen angepasst worden seien. Microsoft reagierte mit einer neuen Version. Windows 8.1 wird am 18. Oktober weltweit in den Handel kommen.

AP/Jeff Christensen
Gates und Ballmer sind ein Team, seit sie 1973 Studentenheimkollegen in Harvard waren
Mit dieser „Nachfolgeversion“ haben die Entwickler vor allem auf die Kritik von Nutzern reagiert. „Microsoft hat zugehört“, sagte Oliver Gürtler, Leiter des Geschäftsbereichs Windows bei Microsoft Deutschland. So kehrt zum Beispiel der „Start“-Knopf zurück, den viele Anwender im neuen Kacheldesign von Windows 8 vermissten. Er erscheint, sobald der Mauszeiger in die linke untere Ecke gesteuert wird. Zudem ist der neue Internet Explorer 11 in Windows 8.1 integriert.
Aktien kaum gestiegen
Microsoft ist seit den 1990er Jahren Marktführer bei Betriebssystemen und Office-Anwendungen und zählt zu den profitabelsten Aktiengesellschaften weltweit. Das Unternehmen hängt dabei stark von den Windows-Programmen ab, die auf klassischen Computern zum Einsatz kommen. Wegen der schwächeren Aufstellung auf dem Markt mit mobilen Geräten sind die Aktien in den vergangenen zehn Jahren indes kaum noch gestiegen.
Wie in amerikanischen Aktiengesellschaften üblich, ist der Verwaltungsrat das Spitzengremium von Microsoft. Dieser ist für das operative Geschäft und für die Kontrolle des Vorstands verantwortlich. Bei Microsoft sind die Rollen des operativ Verantwortlichen (CEO) und des Chefaufsehers getrennt, seit Gates im Jahr 2000 das Tagesgeschäft Ballmer übergab.
Mulally und Elop als mögliche Nachfolger
Für Ballmers Nachfolge werden bereits einige Kandidaten gehandelt. So soll der Ford-Chef Alan Mulally laut einem Medienbericht unter den führenden Kandidaten für den Spitzenjob beim Softwareriesen Microsoft sein. Der 68-Jährige sei zunächst nicht interessiert gewesen, habe aber zuletzt immer mehr Gefallen an der Idee gefunden, berichtete das „Wall Street Journal“-Blog All Things D vor ein paar Tagen. Noch vor wenigen Wochen hatte er in einer E-Mail an das Blog betont, er konzentriere sich darauf, Ford zu lenken.
Daneben wird der scheidende Nokia-Geschäftsführer Stephen Elop als weiterer Nachfolger von Ballmer gehandelt. Elop kehrt 2014 in leitender Position zu seinem Stammunternehmen Microsoft zurück. In Finnland halten sich hartnäckig Gerüchte, dass Elops Aufgabe bei Nokia von Anfang an war, den finnischen Handykonzern für die Übernahme durch Microsoft vorzubereiten.
Gates wieder reichster Mensch der Welt
Gates - dieses Jahr laut der Liste der Finanznachrichtenagentur Bloomberg mit einem geschätzten Vermögen von 72,7 Milliarden Dollar wieder der reichste Mensch der Welt - gehört dem mit der Suche nach einem Nachfolgerkandidaten beauftragten Ausschuss an. Gates ist selbst mit 4,5 Prozent an der 277 Mrd. Dollar (204,4 Mrd. Euro) teuren Firma beteiligt, die er vor 38 Jahren mitgegründet hat. Er ist damit der größte Einzelinvestor und noch immer einer der einflussreichsten Personen in der Branche.
Vonseiten des Konzerns gab es bisher keine öffentliche Stellungnahme zu den von Insidern öffentlich gemachten Forderungen. Fest steht aber, dass sich Microsoft mitten im Umbau in einen Konzern für Elektrogeräte und Dienstleistungen befindet.
Vormachtstellung schwindet
Diese Umorientierung kommt nicht von ungefähr: Die Vormachtstellung von Microsoft sank durch die Dominanz auf dem Betriebssystemmarkt für Desktop-Computer durch den Wandel zu Tablets und Smartphones deutlich. Durch die zuletzt in Europa an Popularität gewinnenden Windows-Phones erhofft sich der Konzern einen Aufschwung abseits des Kerngeschäfts.
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