Themenüberblick

Auf dem Weg zu unseren Roboterfreunden

Wer Science-Fiction mag, ist dieser Tage gut beraten, mit Neurowissenschaftlern zu reden. Was sich in diesem Feld tut, ist schlicht spektakulär. Und für Künstler bietet die Gehirnforschung samt der technischen Reproduktionsversuche von Menschen eine dankbare Spielwiese. Die Ars Electronica kann heuer aus dem Vollen schöpfen.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

„Future World“, ein Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1976: Eine Frau legt sich hin, schläft, und Wissenschaftler schauen sich auf einem Bildschirm ihre Träume an. Der renommierte deutsch-britische Hirnforscher John-Dylan Haynes vom Center for Advanced Neuroimaging der Berliner Charite sagt im Interview mit ORF.at, dass das zwar noch Zukunftsmusik sei - aber erste Schritte in diese Richtung seien bereits gesetzt. Einfache Wörter, an die jemand denkt, können technisch ausgelesen werden.

Das Problem dabei ist, dass wir die „Sprache des Gehirns“ noch nicht kennen. Die einzelnen Denkimpulse können nicht abgegriffen und decodiert werden. Noch muss man einen Umweg gehen - indem man die Gehirnaktivität misst. Sehr vereinfacht erklärt: Ein Mensch liegt im Kernspintomographen und soll an das Wort „Sessel“ denken. Währenddessen wird ein Scan gemacht.

Eingelegte Gehirne

ORF.at/Simon Hadler

Damit man bei aller Technologie das Original nicht vergisst, stellt die Ars Electronica auch ein paar Originale aus

Noch läuft es holprig - aber es läuft

Im dem Querschnittbild des Gehirns sieht man, welche Regionen dabei aktiv waren. Es ergibt sich ein buntes Muster, je nach Temperatur (also Aktivität oder Inaktivität) der Umgebung. Gedanken, so Haynes, beschränken sich niemals auf nur eine kleine Region des Gehirns - das sieht man auf diesen Bildern. Dann kann man das Muster für „Sessel“ im Computer einspeichern. Denkt der Proband dann „Sessel“, während er im Scanner liegt, erkennt die Software das Muster wieder und weiß: Dieser Mensch denkt jetzt an einen Sessel.

Wollte man halbwegs verstehen, was jemand über einen längeren Zeitraum denkt, müsste man ihn oder sie vorher im Computertomographen ein ganzes Wörterbuch durchdenken lassen und den Rechner mit Mustern füttern. Dieser „Gehirn-Brockhaus“ würde dann nur für genau diese eine Person gelten - den die Muster sind individuell. Und ob die Technologie in Echtzeit einen Gedankenfluss „filmen“ könnte, wäre ebenfalls fraglich.

Das heilsame Vergessen

Denkt man die Technologie sehr viel weiter, wäre es am Ende möglich, ständig auf alles zugreifen zu können, was jemand gedacht oder gesehen hat, ein universelles, lückenloses Gedächtnis also. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann sprach in ihrem Vortrag beim Ars-Electronica-Symposium deshalb über einen Vorgang, der immer wichtiger wird, je mehr Informationen gespeichert werden können: das Vergessen.

Während das Vergessen im Alltag gemeinhin als lästig empfunden wird, unterscheidet die Wissenschaftlerin zwischen negativem, neutralem und positivem Vergessen. Gut ist es etwa, wenn Vorfälle in der Erinnerung verblassen, die Hass oder den Wunsch nach Rache schüren. Verzeihen und Vergessen gehen miteinander einher. Neutrales Vergessen bedeutet, dass unnötiger Gedankenballast abgeworfen wird. Negatives Vergessen ist etwa, wenn autoritäre Staaten ihre Feinde „totschweigen“.

Ein Spielplatz für die NSA

Was autoritäre Staaten mit der Lizenz zum „Gedankenlesen“ oder gar zur Gedankenkontrolle machen könnten, spielt die Science-Fiction immer wieder durch - Stichworte dafür sind „Total Recall“ oder „Matrix“. Neurowissenschaftler Haynes sagt, man könne die Moral auch in der Naturwissenschaft nicht an die Bioethik oder an die Politik auslagern. Aber noch sei man von ernsthaft verwertbaren Ergebnissen so weit entfernt, dass Forschungsverbote längst nicht angedacht werden müssten. Gefahren gebe es aber - ein Gehirnscan etwa sagt viel über die Gesundheit eines Menschen aus, er selbst würde keinem privaten Unternehmen so ein Bild seines Gehirns hinterlassen.

Dass der US-Geheimdienst NSA auf die Daten praktisch aller Menschen zugreifen kann, ist bereits beunruhigend genug. Viele der Künstler, die mit ihren Werken bei der Ars Electronica vertreten sind, reflektieren das. Ein überaus witziger Kommentar zur aktuellen Debatte stammt etwa von Hiroto Ideuchi aus Japan. Er hat seinen Arbeitsplatz zur militärischen Spielzeugfestung umfunktioniert. Schweres Geschütz und Soldaten bewachen PC, Tastatur und Bildschirm. Wird die Lage zu brenzlig, zieht man sich ein paar Meter zurück und kann per Fernstecher beobachten, was sich am Computer tut. Selbstverständlich wird man dabei per Kamera überwacht - das Bild sieht man mit dem Fernglas auf dem bewachten Bildschirm.

O. J. Simpsons DNA kann jeder haben

Aber es geht schließlich nicht nur um die Erinnerungen und das Gedächtnis des Menschen, auch die Erinnerung der Natur ist umkämpft - Stichworte dazu sind Gentechnik und DNA-Analyse. Der US-Künstler Paul Vanuse hat im Brucknerhaus ein voll funktionsfähiges DNA-Labor aufgebaut. Damit nimmt er eine Probe von sich selbst, die er gemeinsam mit Assistenten so manipuliert, dass ihr Abbild am Ende jenem von O. J. Simpson aufs Haar gleicht.

Installation mit einer großen Maschine und einem Bildschirm

ORF.at/Simon Hadler

Hiroto Ikeuchi: „Desktop Diorama Fantasy captured in plastic model“; den Desktop lieber schon einmal zur Festung umbauen - gegen Überwachung

Vanuse ist nicht einmal Wissenschaftler. Auskennen müsse man sich schon, man brauche einiges an Gerät, sagt er zu ORF.at. Aber DNA als gesicherten Beweis zu nehmen und damit die gesamte Menschheit katalogisieren zu wollen, das hält er für Schwachsinn. Es gebe noch nicht einmal international verbindliche Standards für die Darstellung der DNA, und die Messmethoden seien zwar in letzter Zeit besser geworden, aber immer noch ungenau, von allen Datenschutzbedenken einmal abgesehen.

Haben Maschinen Persönlichkeit?

Die Idee, die dahinter steht, das Gehirn des Menschen verstehen zu wollen, ist jedenfalls nicht nur Kontrolle - sondern auch die technologische Reproduzierbarkeit. Auch hier stellt sich die Frage, ob das wünschenswert ist. Eine Befürchtung, die immer wieder geäußert wird, ist jene, dass Roboter Menschen überflügeln und es dann nicht gut mit unser Spezies meinen könnten.

Bleibt die Frage, ob perfekt rekonstruierte Gehirne, ob am Computer oder als Roboter, eine eigene Persönlichkeit und ein Bewusstsein haben. Haynes sagt, er denke oft darüber nach, traue sich aber noch nicht, ein Urteil abzugeben. Ein Assistent, der ein Kunstwerk von Louis-Philippe Demers betreut, meint ja. Auch wenn man zwei Maschinen genau gleich programmiere, spiele bei ihrer Weiterentwicklung - solche Rekonstruktionen würden sich ja auch je nach Erfahrung entwickeln, wie ein Gehirn - so oft der Zufall eine Rolle, dass sie sich individuell entfalten würden. Daher könne man von einer Persönlichkeit sprechen, vielleicht sogar von einem Bewusstsein, wenn sie diese Individualität wahrnähmen.

Von der Maschine liebkost

Das Kunstwerk des kanadisch-paraguayischen Künstlers Louis-Philippe Demers („The Blind Robot“) ermöglicht einen sehr beeindruckenden Blick in die Zukunft, was das betrifft. Man sitzt in einer dunklen Kammer dicht einem Roboter gegenüber, der nur aus einem angedeuteten Rumpf und zwei großen Armen mit Händen besteht. Zuerst wird man wahrgenommen, dann setzt sich das Gerät in Bewegung und berührt einen sanft, an den Armen, den Schultern, im Gesicht. Fast könnte man die Plastikhände liebgewinnen. Vielleicht gibt es neben der Dystopie ja doch auch noch die Utopie von den lieben Robotern, die klüger als wir sein werden - und ganz tolle Freunde.

Simon Hadler, ORF.at

Links: