„Junge Menschen sehr erzürnt“
Zwei Tage nach der Räumung der Islamisten-Protestcamps in Kairo mit Hunderten Toten sind die islamistischen Muslimbrüder und der radikalislamische Dschihad erneut gegen die vom Militär eingesetzte Übergangsregierung auf die Straßen gegangen. Wieder waren Todesopfer zu beklagen. Zuvor hatte die Polizei Razzien und Festnahmen durchgeführt.
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Nach Angaben aus Sicherheitskreisen starben in Ismailija vier Menschen. Dutzende Verletzte gab es in der Provinzstadt Tanta. In einem Vorort von Kairo griffen vier bewaffnete Männer eine Straßensperre an und erschossen einen Angehörigen der Sicherheitskräfte.
Nach dem Freitagsgebet demonstrierten landesweit Zehntausende von Anhängern des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi gegen Polizeigewalt. Einige von ihnen trugen Bilder von Mursi. Die Armee sperrte in der Hauptstadt Kairo, wo am Freitag auch zahlreiche Opfer des Blutbads vom Mittwoch zu Grabe getragen wurden, mehrere Straßen und Plätze ab. Sie hielt sich jedoch von den Versammlungsorten der Islamisten fern.

APA/AP/Hassan Ammar
Die Armee hat sich auf zentralen Plätzen Kairos postiert
Nach Angaben lokaler Medien kam es in einigen Moscheen nach dem Gebet zu heftigen Wortgefechten zwischen Gläubigen, die verschiedenen politischen Lagern angehören.
Bürgerwehren formieren sich
In vielen Straßen der Hauptstadt fanden sich an den Hauseingängen Bürgerwehren zusammen, um Plünderer abzuschrecken. Die Protestbewegung Tamarud, die die Massenkundgebungen gegen Mursi organisiert hatte, rief die Bevölkerung über das Staatsfernsehen dazu auf, ihre Häuser, Moscheen und Kirchen selbst vor möglichen Attacken der Islamisten zu schützen.
Das Nachrichtenportal Youm7 meldete, in der Provinz al-Buhaira seien bei Razzien vier führende Mitglieder der Muslimbruderschaft abgeführt worden. Das staatliche Fernsehen meldete zudem, in der Nacht auf Freitag seien auf dem Mustafa-Mahmud-Platz sechs bärtige Männer festgenommen worden, bei denen die Polizei 90 Brandbomben gefunden habe. In mehreren Landesteilen gilt der Notstand.
Warnung vor Gewalt und Brandanschlägen
Der Generalsekretär der Islamischen Partei, Mohammed Abu Samra, sagte dem Nachrichtenportal der Kairoer Tageszeitung „Al-Masri al-Jom“, geplant seien friedliche Kundgebungen. Allerdings könne niemand garantieren, dass es nicht auch zu Gewalt und Brandanschlägen komme. Gerade die jungen Menschen seien sehr erzürnt. Die Demonstrationen sollen an allen Moscheen Kairos beginnen und auf dem zentralen Ramses-Platz zusammentreffen, schrieben die Muslimbrüder im Kurznachrichtendienst Twitter.
Offiziell über 600 Todesopfer
Der seit Wochen schwelende Konflikt zwischen Islamisten und Mursi-Gegnern war am Mittwoch eskaliert, als Sicherheitskräfte zwei zentrale Protestlager der Muslimbrüder in Kairo gewaltsam räumten. Blutige Ausschreitungen forderten Hunderte Menschenleben. Die Regierung hatte am Donnerstag von 638 Toten und 4.201 Verletzten gesprochen. Ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums dementierte diese Zahlen in der Nacht und sprach von etwa 600 Toten. Der demokratisch gewählte Mursi war am 3. Juli durch das Militär gestürzt worden. Die Islamisten fordern seine Wiedereinsetzung.
UNO-Sicherheitsrat: „Aggressionen“ einstellen
Der UNO-Sicherheitsrat verurteilte am Donnerstag die Gewalt in Ägypten. Zugleich wurden alle Parteien aufgerufen, die „Aggressionen“ einzustellen, wie Argentiniens Vertreterin Maria Cristina Perceval als derzeitige Ratspräsidentin nach einer Dringlichkeitssitzung des Gremiums mitteilte.
Demnach wurden die Ratsmitglieder vom stellvertretenden UNO-Generalsekretär Jan Eliasson über die jüngsten Entwicklungen informiert und erörterten die Lage. Sie hätten darin übereingestimmt, dass „es wichtig ist, die Gewalt in Ägypten zu beenden, dass die Parteien äußerste Zurückhaltung üben“, sagte Perceval. Aus ihrer persönlichen nationalen Sicht verurteilte sie den Sturz Mursis durch das Militär und sprach von einem „Staatsstreich“.
EU-Regierungen suchen nach gemeinsamer Haltung
Auch die Regierungen der 28 EU-Staaten wollen möglichst rasch eine gemeinsame politische Haltung zur Krise in Ägypten finden. Über ein mögliches Sondertreffen der EU-Außenminister werde voraussichtlich Anfang der kommenden Woche entschieden, sagten EU-Diplomaten am Freitag in Brüssel. Das Politische und Sicherheitspolitische Komitee (PSK), in dem die Botschafter der EU-Regierungen vertreten sind, wurde für Montag nach Brüssel einberufen.
Eine Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton teilte mit, bei den Beratungen der Regierungsvertreter gehe es um eine Koordinierung der Positionen der EU und ihrer Mitglieder sowie um „mögliches Handeln“. Das Botschaftergremium werde auch „ein mögliches Treffen des Außenministerrates vorbereiten“. Laut der bisherigen EU-Terminplanung würden sich die EU-Außenminister erst wieder am 6./7. September in Vilnius (Litauen) treffen. Mehrere Minister machten jedoch deutlich, dass sie raschere Beratungen wünschen.
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