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Experten warnten vor Kurve

Nach dem schweren Bahnunglück im Nordwesten Spaniens hat der Lokführer eingeräumt, viel zu schnell gefahren zu sein. Statt mit den erlaubten 80 km/h sei er mit 190 km/h unterwegs gewesen. Bei dem Unglück kamen zumindest 78 Menschen ums Leben, rund 140 Fahrgäste wurden verletzt. Der Lokführer und ein Kolokführer überlebten den Unfall nahezu unverletzt.

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Der Schnellzug war in einer engen Kurve etwa vier Kilometer vor dem Bahnhof von Santiago de Compostela entgleist. Der Unglückszug war auf der Fahrt von Madrid zur Küstenstadt Ferrol im Nordwesten Spaniens. An Bord waren mehr als 220 Passagiere. Über den Grund der überhöhten Geschwindigkeit wurde zunächst nichts bekannt. Ein Sprecher der spanischen Bahngesellschaft RENFE verwies auf die Auswertung der Blackbox des Zuges.

Zugswrack

APA/AP/Lalo Villar

Die zerstörten Waggons wurden am Donnerstag geborgen

Ein technisches Gebrechen schloss RENFE aus. Der Schnellzug sei noch am selben Tag einer technischen Inspektion unterzogen worden, sagte RENFE-Präsident Julio Gomez-Pomar Rodriguez am Donnerstag dem privaten Radiosender Cadena Cope. Offen ist jedoch, warum auch die automatischen Sicherheitssysteme entlang der Strecke versagt haben, die bei einer Geschwindigkeitsübertretung das Bremssystem aktivieren.

Waggons auseinandergerissen

Die Bergungsmannschaften durchsuchten am Donnerstagvormittag die beiden am meisten zerstörten Waggons und stellten fest, dass sich dort keine weiteren Opfer befanden. An der Unfallstelle hatten die ganze Nacht über Rettungskräfte gearbeitet. Die Menschen wurden zu Blutspenden aufgerufen.

Zug

APA/AP/El correo Gallego/Antonio Hernandez

Wagen prallten gegen eine Begrenzungswand

Die Waggons des Zuges wurden bei dem Unglück auseinandergerissen und sprangen aus den Schienen. Einige Wagen prallten neben den Gleisen gegen eine Betonwand und stürzten um, andere Waggons verkeilten sich ineinander. Ein Wagen flog sogar über die Begrenzungsmauer hinweg. In der Früh waren noch immer etwa 200 Einsatzkräfte bei der Suche nach möglichen Opfern in den Trümmern der Wagen. Zwei riesige Kranwagen waren an die Unfallstelle gebracht worden.

73 Leichen aus den Trümmern geborgen

Der Präsident der autonomen Region Galicien, Alberto Nunez Feijoo, beschrieb einen der Waggons als „zerrissen“. Nach dem Unglück stieg Rauch aus den Trümmern auf, aus der Lok schlugen Flammen. Entlang der Gleise lagen mit Fortschreiten der Bergungsarbeiten immer mehr Leichen, die mit Tüchern bedeckt wurden. Zuletzt teilten die Behörden mit, 73 Tote seien aus den Trümmern des Zugs geborgen worden. Fünf weitere Menschen seien im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen erlegen.

Der 39-jährige Francisco Otero, der sich zum Zeitpunkt des Unfalls in einem Haus nahe der Unglücksstelle aufhielt, berichtete von einem „großen Knall, als ob es ein Erdbeben gegeben hätte“. „Das Erste, was ich gesehen habe, war eine Frauenleiche“, sagte er. Überall sei Rauch gewesen. Anrainer hätten versucht, mit Werkzeugen und bloßen Händen Menschen aus dem Zug zu befreien.

„Problematische“ Stelle auf Neubaustrecke

Die Katastrophe ereignete sich auf einem Neubauabschnitt des Hochgeschwindigkeitsnetzes der spanischen Bahn. Die Kurve an der Unglücksstelle ist relativ eng. Experten hatten bei der Planung der Strecke darauf hingewiesen, dass die Kurve „problematisch“ sei. Der Unglückszug war vom Typ Alvia. Die Züge dieser Art erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 250 km/h. Die Katastrophe war das erste Unglück mit Todesopfern auf diesem Abschnitt.

Rettungskräfte

APA/EPA/Lavandeira

Den Helfern bot sich ein Bild des Schreckens

Dreitägige Staatstrauer ausgerufen

Santiago de Compostela ist die Hauptstadt Galiciens und ein wichtiges Pilgerzentrum, das jährlich Zehntausende Menschen anzieht. Am Wochenende sollte dort ein Fest zu Ehren des Schutzpatrons von Galicien, des heiligen Jakob, stattfinden. Die Behörden sagten jedoch die geplanten Feiern nach dem Unglück ab.

Der spanische Regierungschef Mariano Rajoy sprach den Opfern und ihren Angehörigen sein Beileid aus und ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. „Ich möchte den Opfern des fürchterlichen Zugsunglücks in Santiago meine Zuneigung und Verbundenheit ausdrücken“, sagte er. Bei seinem Besuch an der Unglücksstelle sprach Rajoy mit den Rettungskräften. Die Region Galicien rief eine siebentägige Trauer für die Opfer aus. König Juan Carlos und der Thronfolger Felipe sagten am Donnerstag alle offiziellen Termine ab, wie der Königspalast mitteilte.

Papst Franziskus rief in Brasilien, wo er sich seit Montag aufhält, zum Gebet für die Opfer des Unglücks auf. Das Kirchenoberhaupt sei „den Familien in ihrem Schmerz nahe“, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi in Rio de Janeiro, wo derzeit der katholische Weltjugendtag stattfindet.

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