Vermutlich zu schnell unterwegs
Bei einem der europaweit schwersten Zugsunglücke der vergangenen Jahre sind im Nordwesten Spaniens am Mittwochabend 77 Menschen ums Leben gekommen, wie die Behörden bestätigten. Die Zahl der Verletzten blieb unklar, die Behörden gehen von etwa 130 aus, die Tageszeitung „El Mundo“ berichtete zuvor von 143 Verletzten.
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Das Unglück ereignete sich um 20.42 Uhr aus noch ungeklärter Ursache auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke etwa vier Kilometer vor dem Bahnhof. Laut jüngsten Angaben der spanischen Bahngesellschaft RENFE befanden sich etwa 220 Passagiere und Bahnmitarbeiter an Bord des Zugs aus der Hauptstadt Madrid in die Stadt El Ferrol an der Atlantik-Küste, als dieser entgleiste.

APA/AP/El correo Gallego/Antonio Hernandez
Augenzeugen berichteten, dass der Zug viel zu schnell unterwegs war
Waggons regelrecht „zerrissen“
Die Waggons des Zugs schoben sich ziehharmonikaförmig ineinander, lagen zum Teil auf der Seite oder in die Höhe verkantet. Der Präsident der autonomen Region Galicien, Alberto Nunez Feijoo, beschrieb einen der Waggons als „zerrissen“. Nach dem Unglück stieg Rauch aus den Trümmern auf, aus der Lok schlugen Flammen.
Entlang der Gleise lagen mit Fortschreiten der Bergungsarbeiten immer mehr Leichen, die mit Tüchern bedeckt wurden. Zuletzt teilten die Behörden mit, 73 Tote seien aus den Trümmern des Zugs geborgen worden. Vier weitere Menschen seien im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen erlegen. Weiter hieß es, „bestimmte Bereiche“ des Wracks seien weiter unzugänglich.
Die Bergungsmannschaften durchsuchten am Donnerstagvormittag die beiden am meisten zerstörten Waggons und stellten fest, dass sich dort keine weiteren Opfer befanden. An der Unfallstelle hatten die ganze Nacht über Rettungskräfte gearbeitet. Die Menschen wurden zu Blutspenden aufgerufen.
Unglücksursache wird noch untersucht
Aus Ermittlerkreisen hieß es, der Zug sei vier Kilometer vor der Einfahrt in den Bahnhof der Pilgermetropole Santiago viel zu schnell in eine enge Kurve gefahren. Die Zeitung „El País“ berichtete, er sei mit 180 km/h unterwegs gewesen, obwohl in der Kurve nur eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h erlaubt sei.

APA/EPA/Lavandeira
Helfern bot sich ein Bild des Schreckens
Ein RENFE-Sprecher sagte, es gebe „keinen Hinweis“ darauf, dass es sich nicht um einen Unfall gehandelt habe. Die Unglücksursache werde untersucht. Erkenntnisse könnte demnach die Auswertung der Blackbox des Zugs bringen.
Der 39-jährige Francisco Otero, der sich zum Zeitpunkt des Unfalls in einem Haus nahe der Unglücksstelle aufhielt, berichtete von einem „großen Knall, als ob es ein Erdbeben gegeben hätte“. „Das Erste, was ich gesehen habe, war eine Frauenleiche“, sagte er. Überall sei Rauch gewesen. Anrainer hätten versucht, mit Werkzeugen und bloßen Händen Menschen aus dem Zug zu befreien.
Feier in Santiago abgesagt
Santiago de Compostela ist die Hauptstadt Galiciens und ein wichtiges Pilgerzentrum, das jährlich Zehntausende Menschen anzieht. Am Wochenende sollte dort ein Fest zu Ehren des Schutzpatrons von Galicien, des heiligen Jakob, stattfinden. Die Behörden sagten jedoch die geplanten Feiern nach dem Unglück ab.
Der spanische Regierungschef Mariano Rajoy sprach den Opfern und ihren Angehörigen sein Beileid aus. „Ich möchte den Opfern des fürchterlichen Zugsunglücks in Santiago meine Zuneigung und Verbundenheit ausdrücken“, sagte er. Zudem kündigte der Ministerpräsident an, die Unglücksstelle am Donnerstag zu besuchen.
Papst Franziskus rief in Brasilien, wo er sich seit Montag aufhält, zum Gebet für die Opfer des Unglücks auf. Das Kirchenoberhaupt sei „den Familien in ihrem Schmerz nahe“, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi in Rio de Janeiro, wo derzeit der katholische Weltjugendtag stattfindet.
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