Schwerer Schlag für OMV
Die von der OMV federführend geplante Pipeline „Nabucco“ (West) wird kein Gas aus dem großen Gasfeld Shah Deniz II erhalten. Das teilte der österreichische Mineralölkonzern OMV am Mittwoch ad hoc mit. Gas aus diesem Vorkommen war für die Wirtschaftlichkeit des Projekts zentral.
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Den Zuschlag für den Transport aus dem riesigen Gasfeld erhielt vom internationale Gasquellenkonsortium Shah Deniz offenbar der OMV-Konkurrent „Transadriatische Pipeline“ („TAP“), berichtete am Mittwoch die Athener Zeitung „Kathimerini“ (Onlineausgabe). Die „TAP“ beginnt an der türkisch-bulgarischen Grenze und endet in Italien. Der Wettstreit war in ganz Europa aufmerksam verfolgt worden: Mit dem Gas aus Aserbaidschan will sich der Kontinent unabhängiger von russischen Gaslieferungen machen.

APA; ORF.at
Planungskosten von 50 Mio. „nicht verloren“
OMV-Generaldirektor Gerhard Roiss nimmt die Entscheidung des Konsortiums, kein Erdgas aus Aserbaidschan zu liefern, „mit Bedauern zur Kenntnis“. Er schließe aber den Bau einer eigenen Pipeline auf dem Balkan für den erhofften eigenen großen Gasfund am Schwarzen Meer nicht aus, wie Roiss am Mittwochnachmittag in einem kurzfristig einberufenen Pressegespräch sagte.
Durch das „Aus“ für das „Nabucco“-Projekt seien die dafür aufgewendeten Planungskosten von 50 Mio. Euro nicht verloren, denn man könne im Fall einer eigenen Gasleitung darauf aufsetzen. In ein- bis eineinhalb Jahren werde die OMV wissen, wie viel Ergdas ihr am Schwarzen Meer zur Verfügung stehe. Dann könne man überlegen, über welche Route und in welcher Dimensionierung man eine Pipeline benötige.
Keine Beurteilung der „politischen Dimension“
Dabei könnte es um sechs Mrd. Kubikmeter Gas jährlich gehen, während die ab 2017/18 für Mitteleuropa angedacht gewesenen zehn Mrd. Kubikmeter vom Shah-Deniz-II-Feld nun über die transadriatische „TAP“ nach Süditalien (Brindisi) gehen, angeblich weil Griechenland und Italien dem Konsortium mehr für das Gas zahlen. Eine allfällige „politische Dimension“ der Entscheidung des Shah-Deniz-II-Konsortiums wollte Roiss nicht beurteilen.

APA/Hans Klaus Techt
OMV-Chef Gerhard Roiss
„Während OMV die Entscheidung des Konsortiums akzeptiert, ist OMV der Meinung, dass das von der Nabucco Gas Pipeline International GmbH (NGPI) eingereichte Angebot alle Auswahlkriterien erfüllt hat und äußerst konkurrenzfähig war“, hieß es zuvor in einer Mitteilung.
Samaras traf Konsortiumsvertreter
Der Entscheidung des Shah-Deniz-Konsortiums vorangegangen war ein Treffen des griechischen Regierungschefs Antonis Samaras mit Vertretern des Konsortiums in Athen. Eine „TAP“-Sprecherin wollte gegenüber der dpa keinen Kommentar dazu abgeben. Die Route der Pipeline soll von der Türkei kommend durch Griechenland und Albanien nach Italien verlaufen.
Wie es aus Kreisen des griechischen Finanzministeriums hieß, sei Athen sehr optimistisch. Die endgültige Entscheidung, ob „TAP“ den Zuschlag erhalte, solle am Freitag oder am Wochenende in Baku bekanntgegeben werden. Das Konsortium besteht aus dem deutschen Konzern Eon Ruhrgas (15 Prozent), dem norwegischen Statoil und dem schweizerischen EGL (jeweils 42,5 Prozent).
Russischen Medien zufolge hatten sich Vertreter des Gaskonsortiums am Dienstag in der aserbaidschanischen Botschaft in Budapest mit Vertretern von „TAP“ und „Nabucco“ getroffen. Dabei seien dem „TAP“-Direktor Kjetil Tungland und dem Geschäftsführer der „Nabucco“-Pipeline, Reinhard Mitschek, die Entscheidung der Kaukasus-Republik mitgeteilt worden.
ÖIAG: Entwicklung schade
Nach dem Scheitern von „Nabucco“ steht der Kernaktionär ÖIAG zur OMV. „Diese Entwicklung ist zweifellos schade für die Region, gleichzeitig ist die OMV aber ein ausgezeichnet aufgestelltes Unternehmen mit Rekordergebnissen, zukunftsweisenden Wachstumsprojekten und einer erfolgreichen Strategie. Ziel der ÖIAG als staatlicher Kernaktionär ist es, die OMV auch ohne die unmittelbare Umsetzung von ‚Nabucco‘ erfolgreich weiterzuentwickeln“, so Bernhard Nagiller, Sprecher der ÖIAG, in einer ersten Reaktion.
Wirtschafts- und Energieminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) bedauerte das Scheitern der „Nabucco“-Pläne. Die Versorgungssicherheit Österreichs sei aber gewährleistet, so der Minister. Er wies darauf hin, dass für Europa ausschlaggebend sei, „dass nach jahrelangen Verhandlungen endlich eine Pipeline verwirklicht werden kann“.
Grüne: Überdimensioniert
Grünen-Umweltsprecherin Christiane Brunner sagte in einer Reaktion, die „Nabucco“ sei vor allem wegen ihrer Überdimensionierung gescheitert. Damit bezog sie sich auf die ursprüngliche Langvariante mit bis zu 31 Mrd. Kubikmeter jährlichem Transportvolumen und von Beobachtern auf acht bis 15 Mrd. Euro geschätzten Errichtungskosten.
BZÖ-Klubobmann Stefan Petzner meinte, dass das Aus für das milliardenschwere und von der EU massiv forcierte „Nabucco“-Projekt einen schweren Rückschlag im Bestreben darstelle, eine unabhängigere Energieversorgung Europas sicherzustellen.
Zeitplan immer weiter verschoben
Schon jahrelang hatte die OMV federführend mit Partnern am Pipelineprojekt „Nabucco“ gearbeitet, um an das Gas aus dem kaspischen Raum zu kommen. Allerdings erlitt das Vorhaben immer wieder Rückschläge: Der Zeitplan wurde mehrmals nach hinten verschoben. So hatte etwa im März 2010 „Nabucco“-Geschäftsführer Reinhard Mitschek den damaligen Zeitplan noch bekräftigt, dem zufolge Ende 2011 mit dem Bau der Pipeline begonnen hätte werden sollen, während das erste Gas 2014 hätte fließen sollen.
Ursprünglich war geplant, dass die Gasleitung „Nabucco“ bis an die türkisch-georgische Grenze gebaut wird, im Vorjahr brachte die OMV allerdings auf Wunsch des Shah-Deniz-Konsortiums die kürzere Version ins Spiel, die das Gas von der türkisch-bulgarischen Grenze nach Österreich transportieren soll. Außerdem wurde bekannt, dass der staatliche aserbaidschanische Konzern Socar gemeinsam mit den Türken eine eigene Gaspipeline quer durch die Türkei, die „Transanatolische Pipeline“ („TANAP“), bauen will. An diese Pipeline sollte dann „Nabucco West“ oder „TAP“ andocken.
Deutscher Partner stieg aus
Doch auch bei der Zusammensetzung des „Nabucco“-Konsortiums gab es zuletzt Änderungen: Im April verließ der deutsche Energiekonzern RWE, der erst im Februar 2008 dem Vorhaben beigetreten war, das Projekt und verkaufte seinen 17-Prozent-Anteil an die OMV. Ende Mai präsentierte die OMV dann einen neuen Partner: Der französische Energiekonzern GDF Suez kaufte einen neunprozentigen Anteil von der OMV, der Einstieg sollte im zweiten Halbjahr 2013 unter Dach und Fach gebracht werden. Probleme hatte es im Vorjahr auch mit dem ungarischen MOL-Gruppe gegeben, die ebenfalls an einen Ausstieg dachte.
Außerdem sind an der „Nabucco“-Gesellschaft die türkische Botas, die Bulgarian Energy Holding (BEH) und die rumänische Transgaz beteiligt. Die Shah-Deniz-Konsortialteilnehmer Socar, BP und Total hatten sich zu Jahresanfang die Option auf eine 50-Prozent-Beteiligung an „Nabucco“ gesichert. Sie sind allerdings auch beim Konkurrenzprojekt „TAP“ engagiert.
Kosten schossen in die Höhe
Seit 2008 wurden zahlreiche Kapitalerhöhungen bei der in Wien ansässigen Nabucco Gas Pipeline International GmbH vorgenommen - in Summe wurden damit mehr als 160 Mio. Euro in die Projektgesellschaft gepumpt.
Aber auch die Kosten von knapp acht Mrd. Euro für die ursprünglich geplante 3.300 Kilometer lange „Nabucco“ von der georgisch-türkischen Grenze bis zum Gas-Hub in Baumgarten in Niederösterreich waren explodiert. Branchenkenner bezifferten diese auf bis zu 15 Mrd. Euro. Für die verkürzte „Nabucco West“, die 1.300 Kilometer lang werden sollte, wurden Kosten von bis zu sechs Mrd. Euro kolportiert.
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