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Louis-Vuitton-Gruppe als „Feind“

Der Werdegang der französischen Nobelmarke Hermes liest sich wie ein Geschichtsbuch. An Tradition fehlt es dem 1837 gegründeten Unternehmen nicht, auch nicht hinsichtlich seiner Ausrichtung: Bereits damals, als das Haus sein Geschäft mit Ledersätteln begann, handelte man seine Ware um teures Geld. Das findet auch noch heute großen Anklang - was das Unternehmen nicht zuletzt auch für jene interessant macht, die weit mehr als eine Tasche kaufen wollen.

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Doch alles der Reihe nach: Hermes setzt heute mit Kleidung und Seidenschals, Handtaschen, Schuhen, Schmuck, Uhren, Kleidung, Accessoires und Parfüms einen Umsatzrekord nach dem anderen. Vor allem das Asiengeschäft treibt die Erlöse an, im ersten Quartal steigerte der Konzern seinen Umsatz um satte 12,8 Prozent auf rund 857 Mio. Euro. Vor allem chinesische Männer gelten als Zielgruppe - nach Angaben des Unternehmens sei die Region zusammen mit Hongkong und Taiwan der größte Markt - drei Viertel der Kunden sind männlich.

Von Kelly bis Birkin

Dabei bietet das Unternehmen mit seinen weltbekannten Kelly- und Birkin-Bags auch Frauen einen Markt. Und auch darin steckt ein ganzes Bündel an Geschichte: Denn benannt sind die Taschen nach den Schauspielerinnen Jane Birkin und Grace Kelly. Letztere ließ sich 1956 mit dieser Tasche auf dem Cover des US-Magazins „Life“ ablichten, was das bis heute bekannte Produktlabel aus der Taufe hob.

Dreißig Jahre später prägte Jane Birkin unter persönlicher Mitarbeit das Design der folglich nach ihr benannten Tasche. Und nach wie vor sind diese Taschen Verkaufsschlager. Dass der Preis etwa bei 12.000 Euro liegt, schreckt dabei weniger ab, sondern sorgt für umso mehr Interesse - freilich nur innerhalb einer pekuniär entsprechend flexiblen Klientel.

Erbitterter Streit

Doch auch die Besitzverhältnisse sind streng der 176-jährigen Geschichte verpflichtet: Die Erbengruppe des von Thierry Hermes gegründeten Unternehmens setzt sich heute aus den drei Familien Puech, Dumas und Guerrand zusammen. Hermes gilt damit als eines der wenigen Familienunternehmen, das global tätig ist. Erst Ende Mai wurde fixiert, dass Axel Dumas, direkter Gründernachkomme in sechster Generation, ab Jänner 2014 Patrick Thomas an der Spitze des Unternehmens beerben wird.

Rund um den Familienbetrieb hat allerdings nicht alles nostalgische Züge. Denn bereits seit Jahren trägt Hermes einen erbitterten Streit mit dem Luxusgütergiganten LVMH (Moët Hennessy - Louis Vuitton) aus. Seit Jahren bemüht sich die LVMH-Gruppe, die Firmen wie Louis Vuitton, Christian Dior, Marc Jacobs oder Moët & Chandon unter ihrem Dach beherbergt, den Familienmitgliedern Anteile an Hermes abzuknöpfen, diese weigern sich jedoch beharrlich. Nur ein kleiner Teil wird seit dem Börsengang 1993 frei gehandelt, damals wurden 80 Prozent der Anteile in den Reihen der Familien gehalten.

Unbemerkt bei Hermes eingestiegen

Das war der übernahmewilligen LVMH und deren Chef Bernard Arnault, der laut „Forbes“ der zweitreichsten Dynastie in Frankreich nach der Bettencourt-Familie angehört, stets ein Dorn im Auge. Laut einem Bericht der französischen Finanzmarktaufsicht, den die Zeitung „Le Monde“ auszugsweise veröffentlichte und als „so spannend wie ein Krimi“ charakterisierte, habe Arnault mit einer Riege von Anwälten und Investmentbankern eine Strategie ausgefeilt, um unbemerkt an Hermes-Anteile zu kommen. Das geschah mit dem Erwerb von Aktien-Swaps.

Und dem System lag die Unauffälligkeit zugrunde: Schließlich erwirbt der Käufer nicht die Aktie selbst, sondern das Recht auf Zahlungen der Bank, sollte ein bestimmter Börsenkurs übertroffen werden. Da der Investor anders als beim Kauf von Aktien weder ein Übernahmeangebot machen noch das Überschreiten bestimmter Schwellen melden musste, blieb alles im Dunkeln.

Entsetzen bei Hermes-Erben

2010 folgte dann schließlich der entscheidende Schritt: Arnault ließ sich die Swaps nicht durch Zahlungen ablösen, sondern in Form von Hermes-Anteilscheinen. Auf einmal - zum Entsetzen der Hermes-Erben - hatte er sich 22,6 Prozent der Edelmarke unter den Nagel gerissen. Sofort nahm die französische Börsenaufsicht AMF Ermittlungen auf und begann zu prüfen, ob bei dem Einstieg von LVMH bei Hermes alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Sicher scheint, dass Aktionäre ihre Aktien in Unkenntnis der Umstände weit unter dem Preis veräußerten.

Vor kurzem forderte die Aufsicht die Höchststrafe von zehn Millionen Euro für LVMH wegen der Vernachlässigung von Mitteilungspflichten. Im Sommer soll die Sanktionskommission über den Fall entscheiden. Für einen Konzern mit einem Gewinn von 6,9 Mrd. Euro im ersten Quartal ist das zwar kein allzu schlimmer Einschnitt, umso schwerer wiegt der drohende Imageschaden. So klagte LVMH Hermes wegen Rufschädigung, bezichtigte das Luxuslabel einer verleumderischen Kampagne.

Klagen über Klagen

Doch das geschieht aus taktischen Überlegungen: Damit will die LVMH einer drohenden Millionenstrafe entkommen. Auch die Hermes-Erben setzen auf Klagen. „LVMH hat einen gewaltigen Gewinn erzielt, der ihnen nicht zusteht, sondern den geprellten Aktionären“, wütete Neo-Chef Thomas bei der zuletzt abgehaltenen Hauptversammlung in Paris.

Die Hermes-Familien reagierten mit der Gründung einer Holding mit gegenseitigem Vorkaufsrecht, in der sie ihre Anteile unterbrachten. So ist die Chance wohl sehr gering, dass LVMH jemals an weitere Anteile kommen kann. Ein Familienmitglied müsste sich zum Verkauf entscheiden, doch das erscheint immer unwahrscheinlicher, je länger und intensiver die Schlammschlacht zwischen den Unternehmen läuft.

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