Demokratisierung der Kunst
Der Fotobuchboom des vergangenen Jahrzehnts hat viele Möglichkeiten geschaffen, die Bücher aber auch zu einem knappen Gut gemacht. Der deutsche Fotobuchkenner Markus Schaden setzt auf digitalen Vertrieb und Tablets als Endgeräte.
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„Fotobücher demokratisieren die künstlerische Fotografie“, so Regina Anzenberger, Galeristin und Initiatorin des ersten ViennaPhotoBookFestivals. Auch der Kölner Buchhändler und Verleger Schaden unterschreibt diesen Satz. „Bücher wie ‚The Americans‘ von Robert Frank sind auf dem gleichen Niveau angesiedelt wie die besten Werke der Weltliteratur“, so Schaden im Gespräch mit ORF.at, „Es kann nicht sein, dass solche Klassiker vergriffen oder nur schwer zugänglich sind. Zu viele gute Bücher werden von Sammlern gekauft und verschwinden dann für immer in Vitrinen und sind nicht zugänglich.“
Tatsächlich ist die Situation auf dem Fotobuchmarkt ein medienhistorisches Paradox: Eine Technik wie der Buchdruck, die eigentlich zur einfachen Verbreitung von Inhalten erfunden wurde, dient nun der Herstellung einmaliger Kleinauflagen für den Sammlermarkt, also der gezielten Verknappung von Informationen.

Philipp Naderer
Markus Schaden
Das informierte Publikum
Schaden findet, dass das die Entwicklung der Fotografie als Kunstform behindert: „Junge Fotografen und auch das interessierte Publikum müssen möglichst einfachen und günstigen Zugang zu exzellenten Werken haben, um ihr Wissen zu vermehren. Nur so kann die Fotografie wachsen und das interessierte Publikum vergrößert werden.“
Die Fixierung eines Teils der Szene auf das physische Buch empfindet Schaden als gefährlichen Snobismus: „Ich liebe Bücher, aber wir müssen auch neue elektronische Vertriebswege finden, um mehr Leute an die guten Werke heranzuführen. Außerdem muss ich nicht jedes Buch physisch besitzen. Zum Beispiel wäre es toll, wenn es die ,Geschichte des Fotobuchs‘ von Martin Parr und Gerry Badger auch als App oder als E-Book gäbe, damit ich es auf meinem Tablet immer dabei haben kann, wenn ich etwas darin nachschlagen will. Die beiden Bände sind sehr groß und schwer, die nehme ich nicht auf Reisen mit.“

Philipp Naderer
Noch werden auf dem ViennaPhotoBookFestival nur physische Bücher präsentiert
Apps als Ersatzdroge
Schaden zieht sein iPad heraus und öffnet die App ShaShaSha, ein Angebot, mit dem sich längst vergriffene Klassiker der japanischen Fotografie wie Arbeiten von Daido Moriyama aus den frühen 1970er Jahren als Scans zum Preis von 0,89 Euro als In-App-Kauf herunterladen lassen. Ein echter Ersatz für ein Buch ist das nicht, aber jemandem, der sonst nie an eines dieser Werke herangekommen wäre, vermitteln die Abbildungen der Doppelseiten einen sehr guten Eindruck von Layout und Bildabfolge.
Auch renommierte Fotobuchverleger wie der Brite Michael Mack geben Kataloge und andere Werke mittlerweile als Apps heraus. Den - nicht unwichtigen - Segen von Parr hat er dafür: „Ich mag, was er macht. Das ist wichtig, speziell um alte Bücher verfügbar zu halten, auch wenn es manchmal Probleme mit dem Urheberrecht gibt, weil es oft nicht klar ist, wer die Rechte für den digitalen Vertrieb besitzt.“

Günter Hack/ORF.at
Als Buch unbezahlbar, als App ein Schnäppchen: „The Afronauts“
Proprietäre Brückentechnologie
Auch die Fotografin Cristina De Middel hat von ihrem wichtigen Projekt „The Afronauts“ keine Neuauflage in Druck gegeben, sie bietet vielmehr eine App für Apples iOS-Geräte an, die mit 5,99 Euro deutlich günstiger ist als ein gedrucktes Exemplar. Viele der Bilder gibt es auch kostenlos auf De Middels Website zu sehen.
Ein Ersatz für echte Bücher sind die Apps freilich nicht. Elektronische Formate, speziell proprietäre wie Apps, werden schnell obsolet und sind daher kein guter Ort für Kunst, die die Zeit überdauern soll. Anders als die richtigen Bücher steigen sie auch nicht im Preis. Aber als Brückentechnologie für Interessierte sind sie sicher besser als nichts.
Günter Hack, ORF.at
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