Israel rüstet sich für Gegenschlag
Der Syrien-Konflikt weitet sich gefährlich aus. Israelische Kampfflugzeuge griffen laut Medienberichten am Sonntag ein militärisches Entwicklungszentrum in der syrischen Hauptstadt Damaskus an. Ziel des Luftschlags soll eine Lieferung iranischer Raketen an die libanesische Hisbollah-Miliz gewesen sein. Die syrische Seite sprach von einer „Kriegserklärung“ und drohte mit Vergeltung.
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Syrien und Israel befinden sich zwar offiziell im Kriegszustand, allerdings war es unter dem Regime von Baschar al-Assad an der schwer bewachten Grenze jahrelang ruhig geblieben. Die syrische Regierung wertete die Luftschläge als ersten israelischen Angriff dieser Dimension seit Beginn der Krise in dem arabischen Land vor rund zwei Jahren.
Waffendepot bombardiert
Den Angaben zufolge trafen Sonntagfrüh israelische Raketen eine Forschungseinrichtung in Dschamraja im Nordosten der syrischen Hauptstadt Damaskus, ein nahe gelegenes Waffendepot und eine Luftabwehrstellung im westlich der Hauptstadt gelegenen Sabura. Der israelische Verantwortliche bestätigte, dass eine für die israelfeindliche Hisbollah-Miliz im Libanon bestimmte Lieferung iranischer Raketen bombardiert worden sei.
Bei den Angriffen wurden nach Informationen der oppositionsnahen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mindestens 42 syrische Soldaten getötet. „Mindestens 42 Soldaten wurden getötet, 100 weitere werden vermisst“, sagte der Leiter der Londoner Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman. Die syrischen Behörden gaben bisher keine Zahlen zu Toten und Verletzten bekannt.
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Minister kündigt Vergeltung an
Das Armeezentrum war bereits bei einem Angriff Ende Jänner Ziel der israelischen Luftwaffe gewesen. Auch damals soll es um einen Konvoi mit Waffen an die Hisbollah gegangen sein. Augenzeugen in der Hauptstadt beschrieben die jüngsten Detonationen allerdings als besonders heftig. Der syrische Vizeaußenminister Faisal al-Makdad bezeichnete die Luftschläge als „Kriegserklärung“ Israels. Dem US-Nachrichtensender CNN sagte er, Syrien werde zu gegebener Zeit Vergeltung üben.
Das syrische Kabinett erklärte nach einer Sondersitzung am Sonntag, die Luftangriffe hätten „die Tür zu allen Möglichkeiten weit geöffnet“. Syrien habe das Recht und die Pflicht, das Land und sein Volk „mit allen Mitteln“ vor Angriffen zu schützen. Die Lage in der Region sei nun „gefährlicher“ geworden.
Ban ruft zu Zurückhaltung auf
Das syrische Außenministerium schickte laut staatlicher Nachrichtenagentur SANA ein Schreiben an den UNO-Sicherheitsrat und an UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon. Wenn Israel seine Angriffe fortsetze, werde das die Spannungen in der Region erhöhen, zitierte SANA aus dem Brief. Das könne zu einem Krieg führen, der Frieden und Sicherheit in der Region wie auch auf der ganzen Welt bedrohe. Der UNO-Sicherheitsrat müsse nun seiner Verantwortung gerecht werden und die israelischen Angriffe stoppen.
Ban Ki Moon rief alle Beteiligten zu äußerster Zurückhaltung und zur „Anerkennung der nationalen Souveränität und territorialen Integrität aller Länder in der Region“ auf. Am Sonntag habe Ban zudem mit dem Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi telefoniert, sagte ein UNO-Sprecher. Die Arabische Liga forderte ihrerseits den UNO-Sicherheitsrat zum Handeln auf und warnte Israel vor ernsten Konsequenzen. „Das ist ein ernster Verstoß gegen die Souveränität eines arabischen Landes“, so Generalsekretär Nabil al-Arabi. Die regionale Sicherheit und Stabilität werde dadurch stark gefährdet.
Israel verlegt Raketenabwehrsystem
Israel stationierte unterdessen zwei Raketenabwehrsysteme im Norden des Landes. Eine Militärsprecherin sagte, zwei Batterien des Systems „Iron Dome“ (Eisenkuppel) seien in Position gebracht worden. Es handle sich um eine Routinemaßnahme, die nach „operativen Einschätzungen“ erfolgt sei. Zudem wurde der Luftraum im Norden des Landes gesperrt, am Montag aber wieder freigegeben. „Nachdem die Gefährdungslage neu eingeschätzt wurde, wird die Zivilluftfahrt im nördlichen Israel den normalen Flugbetrieb wieder aufnehmen“, so eine Pressemitteilung des Militärs.

AP/Moti Milrod
Israels „Iron Dome“-Raketenabwehrsystem
Der Luftangriff war laut Medienberichten schon der zweite Angriff Israels im Herzen Syriens binnen 48 Stunden. Ziel einer ersten israelischen Attacke am Samstag sei auch eine Ladung hochmoderner Raketen gewesen, berichteten Medien unter Berufung auf Regierungsvertreter in Israel. Von offizieller syrischer Seite wurde dieser Angriff allerdings nicht bestätigt. Syriens Führung sprach vielmehr von „psychologischer Kriegsführung“ in Vorbereitung auf eine tatsächliche Attacke.
C-Waffen für Israel „rote Linie“
Die Regierung in Jerusalem will verhindern, dass chemische Kampfstoffe und moderne Raketen in die Hände des Erzfeinds Hisbollah fallen. Zuletzt verschärfte Israel Warnungen an Damaskus, solche Waffenlieferungen würden als „rote Linie“ angesehen. Notfalls müsse die israelische Armee in Syrien eingreifen, um das zu verhindern.
US-Präsident Barack Obama sprach am Samstag hingegen Israel das Recht zu, Waffenlieferungen an die Hisbollah zu unterbinden, nahm aber keinen Bezug auf die Angriffsmeldungen. Die USA als engster Verbündeter Israels erhielten nach eigenen Angaben keine Vorwarnung vor den Luftangriffen. Die Regierung in Washington sei „nach den Tatsachen“ in dem Moment informiert worden, als die Bomben explodierten, sagte ein US-Geheimdienstmitarbeiter in Washington.
Angriffe für syrische Opposition „empörend“
Das syrische Oppositionsbündnis Nationale Koalition verurteilte die Angriffe. Israel habe den Konflikt im Land ausgenutzt, um eigene Ziele zu verfolgen, erklärte die Koalition. Die Bombardierungen lenkten zudem von massenhaften Tötungen durch syrische Regierungstruppen in den vergangenen Tagen ab. „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wegen dieser Luftangriffe und der mangelnden Aufmerksamkeit der Welt weitere Verbrechen begangen werden“, erklärte die Koalition.
Die Organisation bedaure zutiefst „das laute Schweigen und die Ohnmacht der internationalen Gemeinschaft“ angesichts der Ereignisse in Syrien. Die Freie Syrische Armee der Rebellen reagierte zurückhaltender. Natürlich seien die Angriffe empörend, „aber Syrien wird jeden Tag von Assad und Israel bombardiert“, sagte der Medienbeauftragte der Rebellenarmee.
Unterstützungsangebot aus Teheran
Nach den Luftschlägen unterstrich der iranische Armeechef Ahmed-Resa Pourdastan das Gewicht Teherans in Syriens Bürgerkrieg durch ein Unterstützungsangebot: „Wir stehen Syrien bei und sind wenn erforderlich bereit, das nötige Training zu bieten“, sagte der General am Sonntag laut der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA. Er schloss einen Einsatz iranischer Truppen in Syrien aus. Syrien könne sich „mit seiner Erfahrung bei der Konfrontation mit dem zionistischen Regime, die es hat, selbst verteidigen und braucht keine fremde Hilfe“.
Auch Ägypten verurteilte die Luftangriffe am Sonntag als „Aggression“. Die Angriffe verstießen gegen internationales Recht und bedrohten die Sicherheit und Stabilität in der Region, erklärte das Präsidentenamt in Kairo.
Viel Kritik an Assad aus der Türkei
Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu machte sich hingegen über die syrische Armee lustig, da diese die israelischen Bombardierungen nicht militärisch erwidert hatte. „Warum wirft sie nicht einmal einen Kieselstein?“, fragte Davutoglu vor Journalisten. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan griff Assad mit harschen Worten an. „Wenn Gott es erlaubt, werden wir sehen, wie dieser Schlächter, dieser Mörder seine Bestrafung in dieser Welt erhält“, sagte Erdogan vor Abgeordneten und Mitgliedern seiner Partei in der Nähe der türkischen Hauptstadt Ankara.
„Du wirst einen sehr, sehr hohen Preis dafür zahlen, dass Du Babys in der Wiege Deinen Mut zeigst, den Du anderen nicht zeigen kannst“, sagte Erdogan unter dem Jubel der Anwesenden an Assads Adresse. „Ich schwöre bei Gott, dass Du für all das bezahlen wirst.“ Erdogan ist als Kritiker Assads bekannt, hatte jedoch noch nie zu derart scharfen Worten gegriffen.
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