Comeback für Asset-backed Securities?
Angesichts der lahmen Wirtschaft hat sich die Europäische Zentralbank (EZB) zu einer historischen Zinssenkung durchgerungen. Selbst eine Art Strafzins für Banken, die ihr Geld bei der Notenbank parken, anstatt es in Form von Krediten in die Wirtschaft zu pumpen, ist kein Tabu mehr.
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EZB-Präsident Mario Draghi erklärte auf einer Pressekonferenz in Bratislava, man sei technisch für negative Einlagezinsen bereit und werde mit den negativen Folgen eines solchen Schrittes zurechtkommen. Aktuell liegt dieser Zinssatz bei 0,0 Prozent. Eine Absenkung unter dieses Niveau würde als Strafzins für diejenigen Banken interpretiert, die ihr Geld lieber bei der EZB parken, anstatt es zur Kreditvergabe zu verwenden.
Aus diesem Grund hatte die EZB den Zinssatz zuvor bereits auf null gesenkt. Trotzdem klagen EU-weit weiter viele Unternehmen darüber, dass sie nicht an frisches Geld herankommen. Zuletzt wagte die dänische Notenbank das Experiment mit Negativzinsen. Das führte dazu, dass die dortigen Institute wegen der zusätzlichen Kosten die Kreditzinsen für ihre Kunden erhöhten.
Märkte fürchten Negativzinsen
Die Furcht vor negativen Einlagezinsen der Europäischen Zentralbank belastete am Donnerstag den Euro massiv. Der Kurs der Gemeinschaftswährung fiel um eineinhalb US-Cent auf 1,3050 Dollar, nachdem er zeitweise bis auf 1,32 Dollar gestiegen war. „Die Tatsache, dass Draghi die Tür für negative Einlagezinsen offen lässt, ist mittel- und langfristig negativ für den Euro“, sagte Währungsexperte Paresh Upadhyaya von Pioneer Investments. Dass die EZB den Leitzins wie erwartet um 25 Basispunkte auf ein Rekordtief von 0,5 Prozent senkte, ließ die Märkte dagegen weitgehend unbeeindruckt.
Offene Geldschleusen
Zugleich lässt Draghi die Geldschleusen weiter sperrangelweit offen und rückt damit die Euro-Zone einen Schritt näher zur Nullzinspolitik der Notenbanken in den USA und Japan. Das umso mehr, als Draghi in seiner Pressekonferenz durchblicken ließ, dass nicht nur die erfolgte Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte auf 0,5 Prozent im Gespräch war, sondern sogar ein größerer Zinsschritt von 0,5 Prozentpunkten.
Weiters beschloss der EZB-Rat am Donnerstag in der slowakischen Hauptstadt Bratislava, den Zinssatz für die kurzfristige Ausleihung von Liquidität für Banken von 1,5 auf 1,0 Prozent zu senken. Draghi schloss am Donnerstag zudem weitere Zinssenkungen angesichts der schweren Wirtschaftskrise in der Euro-Zone nicht aus. „Wir sind zum Handeln bereit“, sagte Draghi nach der Ratssitzung in Bratislava. „Wir werden uns sicher alle neuen Daten anschauen.“
Draghi begründete den Zinsschritt mit der Wirtschaftskrise und der geringen Inflationsgefahr. „Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist schlecht.“ Die pessimistischere Stimmung in der Wirtschaft habe sich zudem ausgedehnt. „Die Zinssenkung soll die Erholung im weiteren Jahresverlauf unterstützen“, sagte Draghi.
Draghi erwartet Erholung ab Jahresmitte
Er geht davon aus, dass es in der zweiten Jahreshälfte wieder bergauf geht. „Das Exportwachstum in der Euro-Zone sollte von der Erholung der weltweiten Nachfrage profitieren.“ Auch habe sich die Lage auf den Finanzmärkten seit vergangenem Sommer entspannt, was nach und nach auch die Realwirtschaft stützen dürfte. Die Konjunkturrisiken seien aber immer noch groß.
EZB will ABS-Handel wiederbeleben
Draghi kündigte außerdem weitere Initiativen zur besseren Kreditversorgung der Unternehmen an. Mit verschiedenen europäischen Institutionen werde darüber beraten, wie der Markt für forderungsgesicherte Wertpapiere (Asset-backed Securities, ABS) angeschoben werde könne. Dort können Banken ihre mit Sicherheiten wie Immobilien versehenen Unternehmenskredite zu Paketen schnüren und diese auf dem Markt verkaufen. Der Handel mit solchen - damals großteils völlig überbewerteten - Papieren hatte 2008 die Finanzkrise ausgelöst.
Psychologische Effekte
Tatsächlich hatten bereits im Vorfeld der Entscheidung Befürworter einer Senkung vor allem psychologische Effekte ins Treffen geführt. Denn nachdem Draghi und andere Topnotenbanker in den vergangenen Wochen immer wieder betont hatten, dass sie bei mehr und mehr unbefriedigenden Wirtschaftsdaten zu einem solchen Schritt bereit wären, hätten die Finanzmärkte wohl verschnupft reagiert, hätte sich die EZB nun verweigert oder den Schritt auf die lange Bank geschoben. Eine Verschlechterung der Stimmung der Investoren wollte die EZB offenbar nicht riskieren - schließlich schwelt die Schuldenkrise weiter und kann, wie sich erst vergangenen Monat in Zypern zeigte, immer wieder hochkochen.
Für eine Zinssenkung sprach auch, dass die EZB angesichts der niedrigen Teuerung in der Euro-Zone im Moment bei den Zinsen freie Hand hat. Und die Exportwirtschaft der Euro-Zone dürfte Auftrieb erhalten. Auch den europäischen Aktienmärkten dürften niedrigere Zinsen Aufwind verschaffen, da andere Anlageklassen wegen der niedrigen Zinsen kaum Rendite abwerfen.
Problem für Österreich und Deutschland?
Kritiker zweifeln dagegen, dass mit der Maßnahme die Konjunktur angekurbelt werden kann, nicht zuletzt weil die Maßnahme erst mit etwa einem Jahr Verzögerung wirkt. Hinzu kommt, dass viele Banken das billigere Geld der Zentralbank dazu nutzen müssen, um die höheren Eigenkapitalanforderungen zu erfüllen, die Politik, Aufseher und auch die Notenbanken selbst von ihnen verlangen.
Ebenfalls gegen eine Zinssenkung sprach, dass in Ländern, denen es relativ gut geht, wie in Österreich, Preisblasen entstehen und Märkte überhitzen könnten, je mehr billiges Geld von Spekulanten in sie gepumpt wird - sichtbar etwa an den steigenden Immobilienpreisen. Zudem bekommen mit immer niedrigeren Zinsen Versicherungen und Pensionskassen ernste Probleme. Sie schaffen es kaum noch, auf dem Kapitalmarkt für ihre Kunden die garantierte Verzinsung einzufahren. Ebenfalls bestraft werden Kleinsparer, die von ihrer Hausbank so gut wie keine Zinsen auf dem Sparbuch gutgeschrieben bekommen.
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