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Der perfekte Urlaub ist unperfekt

Rund um das britische Magazin „The Idler“ (Der Müßiggänger) und seinen Gründer Tom Hodgkinson hat sich eine Gruppe Intellektueller zusammengefunden, die vor allem eines nicht leiden kann: Stress. Zu dieser Gruppe zählt auch der Reisejournalist und Schriftsteller Dan Kieran. Er hat nun ein Buch über den perfekten Urlaub vorgelegt.

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Der 1975 geborene Autor schreibt für die Zeitungen „Guardian“, „Telegraph“ und die „Times“. Das bedeutet für ihn: eine endlose Kette gut bezahlter Urlaube während der Arbeitszeit in Sternehotels. Am Anfang ist man über den Luxus begeistert, schreibt Kieran. Doch mit der Zeit gleicht ein Hotel dem anderen. Er begann sich zu langweilen: „In Wirklichkeit kann die Vorstellung von den perfekten Ferien mit einem unbegrenzten Budget selbst dann noch enttäuscht werden, wenn man sie sich leisten kann.“ Dazu kam noch eine fast schon krankhafte Flugangst.

Kieran entdeckte also eine neue Art des Reisens für sich: keine Flugzeuge, keine Pauschalangebote und vor allem nichts, was nur am Rande mit dem bösen „T“-Wort zu tun haben könnte. Er zitiert den britischen Schriftsteller Bruce Chatwin mit den Worten: „Wandern ist eine Tugend, Tourismus eine Todsünde.“ Kieran ist in die Hodgkinson-Schule gegangen: Wie dieser belegt auch er seine Thesen mit möglichst polemischen historischen Zitaten aus Literatur und Philosophie.

Ein „wahrer Reisender“ werden

Gleichzeitig versucht er, den Leser nicht zu verschrecken, indem er eingesteht, dass natürlich auch der Cluburlaub aus dem Katalog mitunter entspannend sein kann. Und anstatt sich länger über Touristen auszulassen, erzählt Kieran lieber von seinen Erfahrungen mit dem langsamen Reisen - der Titel seines Buches lautet folgerichtig „Slow Travel: Die Kunst des Reisens“ (Verlag Rogner & Bernhard). Unbescheiden heißt es auf dem Klappendeckel: „Vergessen Sie alle Reisebücher, die sie bisher gelesen haben, und werden Sie ein wahrer Reisender.“

Eine von Kierans Thesen lautet: Man braucht weder viel Zeit noch viel Geld, um in den gedanklichen Modus eines ebensolchen wahren Reisenden zu kippen. So lohnt es sich bereits, eine Strecke, die man täglich mit dem Auto fährt, einmal zu Fuß abseits der großen Straßen abzuwandern. Man wird erstaunt sein, dass man seine Umgebung plötzlich mit ganz anderen Augen sieht.

Buchcover "Slow Travel"

Verlag Rogner & Bernhard

Buchhinweis

Dan Kieran: Slow Travel. Die Kunst des Reisens. Rogner & Bernhard, 223 Seiten, 19,95 Euro.

Mit dem Milchwagerl quer durch England

Aber Kieran würde nicht der Gruppe rund um den „Idler“ angehören, bräuchte er es nicht extremer. Einen Monat lang fuhr er mit Freunden in einem elektrischen Minimilchwagen quer durch England. Höchstgeschwindigkeit: 25 km/h. Und um ihn aufzuladen, musste man Fremde bitten, den Akku mit einem Spezialkabel am Starkstromanschluss von deren Küchenherd aufladen zu dürfen. Auf diese Weise lernten sie viele Menschen kennen und wurden so bereitwillig weitergereicht, dass sie schließlich Auflademöglichkeiten ablehnen mussten und oft kostenlos von Fremden versorgt wurden und bei ihnen übernachteten.

Was viele vom langsamen Reisen abhält, bei dem man nicht unbedingt alles schon im Vorhinein bucht, sind laut Kieran die vermeintlichen Unannehmlichkeiten. Er beschreibt, wie viel Spaß man mit einem Kind auf einer langen Zugfahrt haben kann, wenn man sich nur ein paar fantasievolle Spiele einfallen lässt. Oder was es heißt, auf einer kleinen schottischen Insel im einzigen Pub bei Stromausfall festzusitzen - wenn plötzlich ein ganzer Haufen Einheimischer auftaucht und man mit ihnen ausgelassen, frenetisch und besoffen Geburtstag feiert.

Nicht nur Sehenswürdigkeiten abklappern

Soll heißen: So manches, was unbequem erscheint, wird zum aufregenden Abenteuer, von dem man später im Arbeitsalltag zehren kann. Kieran rät, auch bei normalen Städtereisen auf klassische Reiseführer zu verzichten, weil die das Reiseerlebnis entmystifizieren und entpersonalisieren würden.

Man müsse ein paarmal nach Rom fahren, um alle in den landläufigen Führern empfohlenen Sehenswürdigkeiten zu sehen. Dann erst könne man endlich noch einmal kommen, um die Stadt einfach zu genießen und eigene Eindrücke zu sammeln. Warum nicht gleich - fragt Kieran.

Als Reiseführer noch Reiseführer waren

Früher sei das anders gewesen, im ersten Reiseführer von Karl Baedeker aus dem Jahr 1829 habe sich der Autor noch wirklich auf das Reisen konzentriert und nicht darauf, an einen Ort zu fahren und dort zu bleiben. Kieran zitiert: „Als Fußgänger reist man fraglos am unabhängigsten.“ Auch Tipps für das Gepäck gab Baedeker an: „Einige Flanellhemden, ein Paar Kammgarnsocken, Pantoffeln, Toilettenartikel, ein leichter Regenmantel und ein robuster Regenschirm reichen in der Regel aus ... Schwere und aufwendige Rucksäcke sollte man vermeiden.“

Kieran empfiehlt, Literatur auf einer langsamen Reise zu lesen - Literatur, in deren Mittelpunkt der Reiseort steht. Für Wien empfiehlt der Reisejournalist Stefan Zweig - für ihn ein früher Vorläufer der Langsamkeitsbewegung - und den Kulturhistoriker Carl Emil Schorske, der über die Secessionisten geschrieben habe. Kieran zitiert Zweig mit den Worten: „Der Rhythmus der neuen Geschwindigkeiten hatte sich noch nicht von den Maschinen, von dem Auto, dem Telephon, dem Radio, dem Flugzeug auf den Menschen übertragen, Zeit und Alter hatten ein anderes Maß. ... Eile galt nicht nur als unfein, sie war in der Tat überflüssig ...“

Kritisch reisen statt Wien-Nostalgie

Wandelt Kieran über die Ringstraße, hat er keine Sisi-Bilder im Kopf, sondern die Kritik der Secessionisten an den protzigen Prachtbauten. Am Lueger-Platz hält er inne und denkt an den Antisemitismus und das muffige Klima in Wien, das, legt Kieran nahe, letztlich wohl zu Zweigs Selbstmord beigetragen haben dürfte.

Eine deprimierende Art, eine Stadt zu besuchen, möchte man meinen. Kieran jedenfalls behauptet, dass eine solche Reise mit Sicherheit spannender ist, als mit der Kamera monarchieselig einem Wiener Charme nachzulaufen, den es so nur noch in Reiseführern gibt.

Nur nicht „durch Museen schleppen“

An Sehenswürdigkeiten orientierte er sich bei seinem Wien-Aufenthalt mit seiner Familie nicht - nur ins Belvedere verschlug es ihn, und dort fand er die fortschrittlichen Künstler Klimt und Schiele deplatziert. Lieber entdeckt er die Stadt mit den Augen seines kleinen Sohnes - und das klingt schon weit weniger trist:

„Wir hätten (...) uns durch die sicherlich fantastischen Museen schleppen können, um das Wesen dieser Stadt zu erfassen, doch stattdessen machten wir eine Tour über die vielen Spielplätze, die Wilf uns aufgeregt aus dem Straßenbahnfenster zeigte, ließen uns treiben (...). Keine Schuldgefühle, kein Versuch, möglichst viel aus unserem Aufenthalt herauszuholen - nur ein paar Tage, in denen wir uns umsahen und Bücher lasen, wenn Wilf eingeschlafen war.“

Die Saison vor der Urlaubssaison

Kierans Tipps in „Slow Travel“ sollte man wohl genauso wenig sklavisch befolgen wie jene in herkömmlichen Reiseführern. Aber sein Buch ist ein erheiternder und gelehrter, von Polemik und einer gehörigen Portion Ironie lebender Essay, der zum Träumen anregt - zumal in einer Saison, in der ohnehin viele Menschen nur noch an den Urlaub denken. Wer Kierans Buch gelesen hat, tut das vielleicht mit einer Spur mehr Fantasie.

Simon Hadler, ORF.at

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