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„Bewaffnet und extrem gefährlich“

Die akribische Auswertung von Unmengen an Foto- und Videomaterial nach den Anschlägen auf den Marathon in Boston (Massachusetts) verspricht offenbar einen ersten Erfolg. Die US-Bundespolizei FBI ging am Donnerstagabend bei einer Pressekonferenz mit zwei Fotos an die Öffentlichkeit, die Tatverdächtige zeigen sollen.

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Allerdings: Die Ermittlungsbehörden wissen noch nicht, um wen es sich bei den beiden Männern handelt. Sie setzen deshalb - wie schon bei der Beschaffung des Bildmaterials - auf die Hilfe der Öffentlichkeit. Irgendjemand müsse die Verdächtigen „als Freunde, Nachbarn oder Arbeitskollegen“ schließlich kennen, sagte FBI-Chefermittler Richard DesLauriers bei der Pressekonferenz.

„Heute wenden wir uns an die Öffentlichkeit mit der Bitte, bei der Identifizierung der Verdächtigen zu helfen.“ Laut seinen Angaben stammen die Bilder aus einer Überwachungskamera in unmittelbarer Nähe des Anschlagsorts vor dem Zieleinlauf des Marathons und wurden dort kurz vor den beiden Explosionen aufgenommen.

Fahndungsfotos der Tatverdächtigen des Boston-Anschlags

APA/EPA/FBI

Beide Verdächtige trugen schwarze Rucksäcke bzw. Taschen mit sich

Aufruf zu Vorsicht

„Die beiden Männer zu identifizieren und zu finden ist nun unsere höchste Priorität“, so DesLauriers. Die Bevölkerung rief der FBI-Beamte allerdings zur Vorsicht auf. „Werden Sie nicht selbst tätig.“ Besser sei es, sich den Verdächtigen nicht zu nähern. „Wir glauben, dass sie bewaffnet und extrem gefährlich sind.“

Die Männer sind auf den Bildern zu sehen, wie sie mit Rucksäcken hintereinander auf dem Gehsteig gehen. Ein Verdächtiger trägt eine schwarze, der andere eine weiße Baseballkappe. Der zweite Verdächtige stellt eine Tasche ab - darin befand sich möglicherweise einer der Sprengsätze. Von dem anderen Verdächtigen gebe es keine derartigen Bilder. Doch beide Männer „scheinen zusammenzugehören“, sagte DesLauriers. Der Rucksack sei „Minuten“ vor der Detonation einer der Bomben abgelegt worden.

Lösung des Falls „mit jeder Stunde“ näher

Das FBI hatte am Tatort Spuren gesichert, die darauf hindeuten, dass die selbst gebauten Sprengsätze in Rucksäcken versteckt waren. Zwei Explosionen hatten am Montag binnen weniger Sekunden den Zielbereich des traditionsreichen Marathonlaufs in Boston erschüttert. Drei Menschen wurden getötet und etwa 180 weitere verletzt.

Fahndungsfotos der Tatverdächtigen des Boston-Anschlags

AP/FBI

Der Mann auf dem Bild stellte eine verdächtige Tasche an dem Ort ab, an dem der zweite Sprengsatz detonierte

Vor der Veröffentlichung der Fahndungsfotos hatte der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, gegenüber dem US-Nachrichtensender CNN versprochen, man komme der Lösung des Falls mit „jeder Stunde“ näher. Allerdings würde die Auswertung des gesamten Bildmaterials auch ihre Zeit in Anspruch nehmen. Tausende Marathonzuseher waren dem Aufruf des FBI nachgekommen und hatte ihre privaten Videos und Fotos zur Verfügung gestellt - zusätzlich zum Material aus den zahlreichen Überwachungskameras an Kaufhäusern und Bürogebäuden in der Boylston-Straße, dem Ort des Geschehens.

Aufwendige Bildanalyse

Die Auswertung des gesamten Filmmaterials und der Spuren vor Ort war bzw. bleibt auch weiterhin - bis für die Ermittler feststeht, dass sie mit ihrem Verdacht richtig liegen - extrem aufwendig. „Es ist nicht nur einer der meistdokumentierten, sondern auch einer der kompliziertesten Tatorte, den wir je hatten“, so der zuständige Bostoner Polizeikommissar Ed Davis.

Bei der Auswertung muss jede Bildsekunde von speziell geschulten Fachleuten gesichtet und bewertet werden. Dabei versuchen die Ermittler anhand der Bilder das Geschehen in umgekehrter Zeitabfolge und aus allen Blickwinkeln zu rekonstruieren, erklärte dazu Grant Fredericks, Fachmann für forensische Videoanalyse, in einem Interview mit Fox News. Auch er sprach von dem vermutlich „meistaufgezeichneten Verbrechen“ in der Geschichte der USA.

Fredericks hat sich auf die massenhafte Auswertung von Filmmaterial und die Ausbildung von Videoermittlern bei der Law Enforcement and Emergency Services Video Association (LEVA) spezialisiert. In einem ersten Schritt werden dabei alle Bilder und Videos vereinheitlicht und in einer Datenbank zusammengefasst. Nach bestimmten Kriterien wird ein Kreis der Verdächtigen erstellt.

„99 Prozent haben nichts mit der Tat zu tun“

Vor allem das Tragen eines Rucksacks, einer Tasche oder einer Kapuzenjacke gilt im aktuellen Fall als verdächtiges Indiz. Doch auch wenn sich jemand länger als 15 bis 20 Minuten oder alleine im Zielbereich aufhält, geht man davon aus, dass derjenige nicht nur zum Bejubeln eines Freundes gekommen ist, so Fredericks. Jeder, auf den eines dieser Merkmale zutrifft, jeder Rucksackträger und jeder Taschenhalter, wird im Video gekennzeichnet, um ihn später etwa auf anderen Videos wiedererkennen zu können, so der Videoexperte weiter.

Doch geraten bei dieser Methode nicht auch Unschuldige ins Visier der Behörden? „Beim Profiling geht es vorrangig darum, einen Typus auszumachen“, so Fredericks gegenüber dem Onlinemagazin The Verge. Die Videoanalysten seien nichts anderes als Techniker, die dieser Aufgabe mit größter Gewissenhaftigkeit nachkämen. „Jede Menge Personen werden aufgrund bestimmter Merkmale in den Videos gekennzeichnet, und 99 Prozent davon werden nichts mit der Tat zu tun haben“, so Fredericks laut BBC.

Einzelheiten zur Bauart der Bomben

Zuvor hatten die Sicherheitsbehörden weitere Einzelheiten zur Bauart zumindest einer der Bomben bekanntgegeben. Demnach bestand sie aus einem mit einem Zünder versehenen Schnellkochtopf, der neben Schwarzpulver auch Nägel und Metallteile enthielt. Teile des Topfdeckels wurden CNN zufolge am Mittwoch auf einem Hausdach in der Nähe der Ziellinie gefunden. Ob auch die zweite Bombe aus einem Schnellkochtopf gebaut war, war noch unklar. Beide Sprengsätze wurden nach FBI-Angaben vermutlich in schwarzen Nylontaschen oder -rucksäcken zum Tatort gebracht.

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