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„Werden bis ans Ende der Welt gehen“

Bei einer mit Spannung erwarteten Pressekonferenz haben die US-Behörden Dienstagfrüh (Ortszeit) weiter keine Hinweise über mögliche Urheber der beiden während des Boston-Marathons explodierten Bomben gegeben. Dementiert wurde aber, dass weitere Sprengsätze gefunden worden seien. Laut FBI befinde man sich noch am Anfang „sehr aktiver“ Ermittlungen.

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FBI-Ermittler Rick DesLauriers sprach von einem „Berg von Hinweisen“. Die Ermittlungsbehörden würde nun die nächsten Tage nutzen, den Zeugenaussagen nachzugehen. So werde die Polizeipräsenz mindestens für heute und morgen im gleichen Maße aufrechterhalten. „Jeder muss damit rechnen, dass er durchsucht werden kann“. Das FBI werde zudem ihr Ermittlungsgebiet auf internationales Terrain ausweiten, so DesLauriers weiter: „Wir werden bis ans Ende der Welt gehen und keinen Aufwand scheuen.“

Pressekonferenz mit Bostons Bürgermeister Tom Menino

Reuters/Jessica Rinaldi

Pressekonferenz der an den Ermittlungen beteiligten Behörden

Obama: „Bisher keinen Hinweis auf Motiv“

Laut US-Präsident Barack Obama, der in einer Rede am Dienstag erstmals von einem „Terrorakt“ sprach, wisse man noch nicht, wer genau dahinter stecke. Seine Landsleute rief Obama auf, vorsichtig zu sein und nach „verdächtigen Aktivitäten“ Ausschau zu halten. „Wir haben bisher keinen Hinweis auf das Motiv“. Auch sei unklar, ob es sich bei den Urhebern des Anschlags um ausländische oder einheimische Terrorgruppen oder „eine böswillige Einzelperson“ handle, sagte er in Anspielung auf frühere Anschläge in den USA.

Ermittlungsdetails wollte zuvor auch DesLauriers weiterhin keine nennen. Auch zu Berichten, nach denen ein verletzter junger Student aus Saudi-Arabien verhört worden sei und im Krankenhaus von der Polizei bewacht werde, äußerte er sich nicht. Es gebe aktuell keine Festnahmen, hieß es auf der Pressekonferenz. Bezüglich der weiteren Terrorgefahr in Boston wurde vom FBI eine vorsichtige Entwarnung gegeben. Zurzeit gebe es „keinerlei Hinweise“ für eine Fortsetzung terroristischer Anschläge.

Dennoch gilt derzeit nicht nur in Boston, sondern US-weit erhöhte Alarmbereitsschaft. Einem ABC-Bericht zufolge wurde am Dienstag etwa ein Terminal des New Yorker La-Guardia-Flughafens wegen zwei verdächtiger Pakete evakuiert. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums seien zudem mehr als 1.000 Nationalgardisten nach Boston geschickt worden. Medienberichten zufolge sollen diese unter anderem bei der Sicherung des Tatorts helfen.

„Akt der Feigheit“

Der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, gab bei der Pressekonferenz bekannt, dass bei dem Anschlag über die beiden explodierten Bomben hinaus keine weiteren Sprengsätze gelegt worden seien. Zunächst hatte es in Medienberichten geheißen, dass möglicherweise mehrere weitere Bomben entdeckt worden seien, die aber nicht funktioniert hätten. Patrick zufolge fand die Polizei zwar mehrere verdächtig erscheinende Gegenstände, die vorsichtshalber gesprengt worden seien. Dabei habe es sich aber nicht um Bomben gehandelt.

Wie ein weiterer Polizeivertreter mitteilte, wurden bei den Explosionen während des traditionsreichen Marathonlaufs am Montag (Ortszeit) 176 Menschen verletzt. Der Zustand von 17 Patienten sei kritisch. Staatsanwalt Dan Conley nannte die Anschläge einen „Akt der Feigheit“. Die Täter würden zur Rechenschaft gezogen. „Es wird Gerechtigkeit geben.“

Der Bürgermeister von Boston, Thomas Menino, rief die Menschen auf, angesichts der Herausforderungen zusammenzuhalten. Es sei eine schwere Zeit für Boston. An diesem Mittwoch solle es Gebetsveranstaltungen in der Stadt geben. Obama ordnete zu Ehren der Opfer des Anschlags von Boston an, die Flaggen am Weißen Haus und an allen öffentlichen Gebäuden im Land auf halbmast wehen zu lassen. Die Anordnung gilt bis Samstagabend - auch für alle Botschaften und Militäreinrichtungen der USA rund um die Welt. Damit solle den Opfern des „sinnlosen Akts der Gewalt“ Achtung bezeugt werden, erklärte Obama am Dienstag.

Polizei am Tatort

Reuters/Neal Hamberg

FBI-Ermittler am Tatort

Ermittlungen in zwei Richtungen

Die Behörden ermitteln Medienberichten zufolge vor allem in zwei Richtungen. Als Täter kämen vorrangig regierungsfeindliche Gruppen aus dem Inland oder radikale Islamisten infrage, hieß es in der Nacht auf Dienstag aus Ermittlerkreisen. Das Datum der Anschläge kann als Spur in beide Richtungen interpretiert werden: Der Bostoner Marathon wird traditionellerweise am Patriots’ Day ausgetragen, der an den Beginn des US-Unabhängigkeitskrieges mit den Gefechten von Lexington und Concord - unweit von Boston - erinnert.

Am 15. April läuft in den USA zudem die Frist für die Abgabe der Steuererklärung ab. Steuern sind ein Reizthema für einige amerikanische Rechtsextremisten. Am Freitag gibt es zudem zwei Jahrestage mit symbolischer Bedeutung: das gewaltsame Ende der Waco-Belagerung 1993 und der Anschlag in Oklahoma City 1995. Auch auf das Attentat bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 wird verwiesen, wo der radikale US-Abtreibungsgegner Eric Rudolph bei einem Attentat eine Frau tötete.

Patriots’ Day und Patriot Day

Als zweite Theorie wird eine Verbindung zu islamischen Extremisten diskutiert. Hierfür spreche die Vorgehensweise, berichtete Reuters unter Berufung auf die laufenden Ermittlungen. Die Zündung zweier Sprengsätze kurz hintereinander bei einem Großereignis sei Thema gerade in englischsprachigen Al-Kaida-Aufrufen an Muslime im Westen, Angriffe selbst mit bescheidenen Mitteln auszuführen. Erst zuletzt seien dabei detaillierte Anleitungen zum Eigenbau und Einsatz von Sprengsätzen verbreitet worden.

Rauchschwaden im Zielbereich

APA/AP/The Boston Globe/David L Ryan

Chaotische Szenen direkt nach den Detonationen

Zudem bildet gerade der Patriots’ Day, der nur in den Bundesstaaten Massachusetts und Maine gefeiert wird, eine symbolische Brücke zu den Terrorattacken vom 11. September 2001: Der Jahrestag dieser Anschläge wird seither als landesweiter Feiertag unter dem Titel Patriot Day begangen. US-Präsident Barack Obama vermied in seiner Stellungnahme das Wort „Terror“ und sprach davon, dass man herausfinden werde, „wer das war“ und „warum das passiert ist“.

CNN: Bomben in Dampfkochtöpfen

Bei zwei fast gleichzeitig erfolgten Explosionen gegen 14.50 Uhr (Ortszeit, 20.50 Uhr MESZ) im Abstand von etwa 15 Sekunden nahe der Ziellinie des Bostoner Marathons waren drei Menschen getötet worden, darunter offenbar auch ein achtjähriger Bub.

Die Behörden machten bisher keine Angaben zu der Art der Sprengsätze. Am Anschlagsort seien etwa 30 Spezialisten der US-Waffenkontrollbehörde (ATF) im Einsatz, sagte der verantwortliche ATF-Beamte Gene Marquez. CNN berichtete unter Berufung auf Ermittler, dass es sich wahrscheinlich um kleine, selbstgebaute Bomben gehandelt habe. Den Informationen zufolge steckten die Sprengsätze in Dampfkochtöpfen.

Ärzte bestätigten, dass die Bomben mit Metallsplittern versehen waren. Vielen Verwundeten seien „kleine metallische Fragmente“ wie Nägel und Kugeln herausoperiert worden, sagte Chefchirurg George Velmahos vom Massachusetts General Hospital.

Schwerster Anschlag seit 9/11 in den USA

Beim traditionsreichsten Marathonlauf der Welt waren nach Angaben der Organisatoren 23.326 Läufer am Start. Eine halbe Million Zuschauer säumten die Straßen. Zum Zeitpunkt der Explosionen, 4:09 Stunden nach dem Start, hatten die Spitzenläufer die Ziellinie bereits überquert, die Hobbyläufer kamen gerade an. Es war der schwerste Bombenanschlag in den USA seit den Al-Kaida-Angriffen vom 11. September 2001.

Detailkarte von Boston

ORF.at

Die Orte der Anschläge

Auf der Startliste befanden sich auch 37 Läufer aus Österreich. 25 von ihnen kamen vor den Detonationen ins Ziel. Einige der österreichischen Marathonteilnehmer schilderten ihre Erlebnisse gegenüber noe.ORF.at, burgenland.ORF.at und kaernten.ORF.at. Laut Außenministerium gibt es bisher keine Hinweise auf verletzte oder getötete Österreicher. Zwar habe es anfangs Anrufe besorgter Angehöriger gegeben, sagte Ministeriumssprecher Martin Weiss, die betroffenen Personen hätten sich aber mittlerweile gemeldet.

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