Wie gut kennt er sich im Vatikan aus?
Auf Papst Franziskus kommt als neues Oberhaupt der katholischen Kirche viel Arbeit zu. Reformen und eine Modernisierung gelten in der Kirche als ausständig. Doch auch das „System Vatikan“ bedarf nach dem „Vatileaks“-Skandal, der sehr zögerlichen Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und dem kolportieren Mafia-Einfluss auf die Vatikan-Bank einer dringlichen Aufarbeitung und Neuausrichtung.
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Die Reformen sind jedoch davon abhängig, wie neuerungswillig der als konservativ eingeschätzte Papst sein wird. Hier gehen die Meinungen stark auseinander. Auch ob sich Franziskus im Vatikan durchsetzen kann, gilt als noch nicht ausgemacht.

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An den Kiosken in Rom sind bereits Bilder des neuen Papstes erhältlich
In einer Linie mit Johannes Paul und Benedikt
Auch wirkt der Einfluss seiner zwei unmittelbaren Vorgänger auf Franziskus. Von den 115 Kardinälen im Konklave wurden 67 von dem zurückgetretenen Benedikt XVI. ernannt. Die übrigen 48, darunter auch Franziskus, erhielten ihr rotes Birett von Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. - die beiden Päpste standen einander ideologisch sehr nahe.

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Franziskus geht als Papst erstmals außer Haus
Die Frage ist, wie gut sich Franziskus in den informellen Strukturen und Seilschaften des Vatikans auskennt. Er könnte durch die bisherige räumliche Entfernung zu Rom als Kardinal von Buenos Aires durchaus auch zum Spielball von Intrigen und Machenschaften im Vatikan und zum Opfer von „Einflüsterern“ werden, so die Befürchtung von Experten.
Küng warnt vor Aufstand von unten
Der neue Papst bekommt von dem kritischen Tübinger Theologen Hans Küng keine Vorschusslorbeeren. „Die Gretchenfrage an den neuen Papst lautet: ‚Wie hältst Du’s mit Reformen?‘“, sagte Küng am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa in Tübingen. „Führt er endlich die Reformen in der Kirche durch, die sich über Jahrzehnte unter seinen Vorgängern angestaut haben? Oder soll es im Grunde so weitergehen wie bisher?“
Wenn Franziskus Reformen anpacke, sei ihm eine breite Zustimmung der Katholiken sicher. Sollte er aber die konservative Linie von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. fortsetzen, werde das in der Kirche „Reformen von unten provozieren, auch ohne Billigung durch die Hierarchie und oft sogar gegen die Vereitelungsversuche der Hierarchie“, warnte der 84-Jährige. Küng ruft die Bischöfe und die Kirchenmitglieder seit Jahren zum Ungehorsam gegen den Kurs der Kurie auf.
Schüller: System in Machenschaften verstrickt
Die Wahl des neuen Papstes bezeichnete der Gründer der Pfarrer-Initiative, Helmut Schüller, als Gewinn für die Weltkirche. Gespannt und abwartend gibt er sich, was die dialogischen Positionen des Papstes betrifft, vor allem auch wie mit dem „System Vatikan“ umgegangen wird. „Alle Reformwünsche hängen ja letztlich auch daran, dass der vatikanische Apparat diesen Wünschen feindselig gegenübersteht.“
Schüller spricht von einem System, das in Machenschaften verstrickt sei, „die wir uns alle nicht wünschen“. Wichtig sei auch, wie sich Franziskus den Fragen der modernen Gesellschaft stelle - mehr dazu in oesterreich.ORF.at.
Missbrauchsskandale als dunkler Schatten
Opfer von sexuellem Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche forderten den neuen Papst bereits zu Reformen auf. „Der Heilige Franziskus war der größte Reformer der Kirche in der Geschichte, Papst Franziskus muss dasselbe tun“, forderte die US-Organisation Netzwerk der Überlebenden von Missbrauch durch Priester (SNAP) in einer am Mittwoch (Ortszeit) veröffentlichten Erklärung.
SNAP erklärte, Millionen Kinder seien bis heute gefährdet, von katholischen Priestern missbraucht zu werden, weil die Kirche ihre Politik der Vertuschung noch nicht beendet habe. Die Organisation verwies auf zahlreiche Missbrauchsfälle im Jesuitenorden, dem der neue Papst entstammt. Franziskus habe „sowohl eine große Gelegenheit als auch die Pflicht“, dabei zu helfen, sexuellen Missbrauch an Kindern durch katholische Geistliche zu verhindern.
Der Missbrauchsskandal beschäftigt die katholische Kirche seit Jahren. In zahlreichen Ländern kamen Fälle sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Priester ans Licht. SNAP hatte in dem Zusammenhang gefordert, dass mehr als ein Dutzend Kardinäle wegen der Vertuschung von Fällen oder wegen taktloser Äußerungen über den Skandal vom jüngsten Konklave ausgeschlossen würden. Vatikan-Sprecher Federico Lombardi warf der Organisation und anderen Aktivisten vor, „negative Vorurteile“ zu hegen.
Neue Position zu Piusbrüdern?
Die ultrakonservativen Piusbrüder reagierten zurückhaltend auf die Wahl von Franziskus. „Die Priesterbruderschaft St. Pius X. bittet Gott anlässlich der Wahl von Papst Franziskus, dem neuen Oberhirten in reichem Maß die notwendigen Gnaden zu gewähren, die für die Ausübung seiner schweren Bürde notwendig sind“, schrieb die Bruderschaft am Donnerstag in einer Mitteilung. Auf die theologischen Konfliktthemen mit dem Vatikan ging sie nicht ein.
Die Bruderschaft wendet sich gegen eine Modernisierung der katholischen Kirche. Hauptstreitpunkt ist der Ablauf der Messe. Die Piusbrüder lehnen die Ökumene und den interreligiösen Dialog insgesamt ab. Benedikt XVI. war trotzdem auf die Piusbrüder zugegangen und war dafür hart kritisiert worden.
Appel streut Rosen
Die Wahl Bergoglios zum neuen Papst ist nach Einschätzung des österreichischen Theologen Kurt Appel ein „Signal der Veränderung“: „Aber das heißt nicht unbedingt eine Veränderung in Richtung dessen, was in Europa erwartet wird, sondern eher ein Signal in Richtung Veränderung einer Kirche der Armen“, sagte der Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Wien am Mittwochabend im Gespräch mit der APA.
„Er war ziemlich beliebt in Buenos Aires, einer, der auch ziemlich außerhalb der politischen Diskurse in Argentinien gestanden ist.“ Bergoglio habe nicht die konservativen Politiker unterstützt, gehöre aber auch nicht ins befreiungstheologische Lager.
„Jesuitennetzwerk hinter sich“
Als wesentlichen Aspekt hob Appel auch die Tatsache hervor, dass der neue Papst aus dem Jesuitenorden kommt und der erste Jesuitenpapst ist. „Er hat damit eines der stärksten Netzwerke der katholischen Kirche hinter sich. Das heißt, er ist ein Papst, der auf eine Infrastruktur zurückgreifen kann wie kein Papst vor ihm. Er braucht nur irgendeinen Jesuitenprovinzial anzurufen und weiß Bescheid über die Lage, das ist schon etwas ganz Neues.“
„Alles spricht dafür, dass die Kardinäle einen sehr guten Hirten gewählt haben“, sagte Kardinal Christoph Schönborn Donnerstagfrüh in einer ersten Stellungnahme aus Rom gegenüber Kathpress - mehr dazu in religion.ORF.at.
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