Erneut Tausende auf den Straßen
Auch nach dem Rücktritt der Regierung kommt Bulgarien nicht zur Ruhe: In neuen Protesten forderten am Sonntag Tausende Menschen soziale und wirtschaftliche Verbesserungen sowie eine Reform des Wahlrechts.
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Tausende gingen am Sonntag im ganzen Land auf die Straßen, um für niedrigere Strompreise und höhere Einkommen zu demonstrieren. Die Protestbewegung fordert, dass das Parlament noch vor seiner Auflösung den Mindestlohn und die Sozialzahlungen erhöhe. Massenproteste hatten im Februar den Rücktritt der bürgerlichen Regierung von Ministerpräsident Bojko Borissow (GERB) erzwungen. Die Demonstranten in Sofia forderten jetzt erstmals den Rücktritt von Bürgermeisterin Jordanka Fandakowa. Sie ist eine Schlüsselfigur der GERB-Partei.
Bahnhof in Sofia blockiert
In Sofia blockierten die Demonstranten auch den internationalen Bahnhof, um gegen die geplante Privatisierung des Güterverkehrsbereichs der Eisenbahngesellschaft (BDZ) zu protestieren. Auch der Bahnhof der Schwarzmeer-Stadt Warna und eine wichtige Brücke für den Verkehr in Richtung Burgas wurden gesperrt.

Reuters/Stoyan Nenov
Protest gegen Privatisierung von Güterverkehr im Bahnhof von Sofia
Viele Bürger des ärmsten EU-Staates sind wegen vieler Geschäftskartelle, Korruption und eines niedrigen Lebensstandards unzufrieden. Die Arbeitslosenquote liegt bei knapp zwölf Prozent. Das Durchschnittseinkommen verharrt bei 350 bis 400 Euro im Monat. Die Bürger geben einen großen Teil des Einkommens für Energie aus. Die Strompreise wurden zwar schon im Juli um 13 Prozent angehoben. Die Auswirkungen waren aber erst im Winter zu spüren, weil viele Familien mit Strom heizen.
Aus Verzweiflung selbst angezündet
Am Sonntag starb ein dritter Bulgare, der sich aus Protest selbst angezündet hatte. Der 53-jährige Vater von fünf Kindern aus der Kleinstadt Radnewo habe keinen Ausweg aus seiner prekären finanziellen Lage mehr gesehen und sich darum mit Benzin übergossen und in Flammen gesetzt, berichteten Medien in Sofia. Der Mann war nach seiner Verzweiflungstat am 26. Februar in ein Krankenhaus in Sofia eingeliefert worden. Sonntagfrüh erlag er seinen Verletzungen.
Kurz vor der Tat soll er sich Geld für Benzin geliehen haben, hieß es. Zuvor hatten sich im Zuge von Massenprotesten in dem Land gegen hohe Strompreise und Lebenskosten im Februar bereits zwei Menschen durch Selbstverbrennung getötet.
Parlamentsvertreter erzürnen Bürger
Neben einer Verbesserung der Lebensumstände fordert die Protestbewegung in Bulgarien auch neue Wahlregeln für die Neuwahl am 12. Mai. Die Demonstranten wollen die Erleichterung der Teilnahme von Bürgerkandidaten an der vorgezogenen Parlamentswahl erreichen. Die Menschen riefen die Volksvertreter dazu auf, die Parteisubventionen abzuschaffen, damit alle Kandidaten bei der kommenden Wahl gleichgestellt seien. Das Parlament zog sich jedoch den Zorn der Protestbewegung zu, als die Volksvertreter am Mittwoch die Verabschiedung neuer Wahlregeln erneut ablehnten.
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