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Publikum in hochkultureller Ehrfurcht

Sitzen ist Jazz. Oder Klassik. Trotz Bestuhlung ist das Burgtheater, also der Heilige Gral der Wiener Hochkultur, am Mittwoch einmal mehr zum Schauplatz eines populärkulturellen Events geworden. Die Hamburger Band Tocotronic kam, um ihr zehntes Album vorzustellen und gleichzeitig zwanzigjähriges Bestehen zu feiern. Ganz einfach sollte das aber nicht werden.

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Denn es galt dabei einige Dinge zu verhandeln. Wie ist das mit dem Erwachsenwerden - oder gar Altwerden - im Pop? Schließlich ist das eines der zentralen Themen der neuen Platte „Wie wir leben wollen“, vielleicht auch weil die Haare von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow plötzlich sehr grau sind. Und wie passen Populärkultur und Hochkultur zusammen, und muss das überhaupt zusammenpassen? Dann blieb noch die Frage, ob Rockkonzerte in bestuhlten Sälen trotz international zunehmender Beliebtheit wirklich so eine tolle Idee sind.

Tocotronic-Konzert im Burgtheater Wien

ORF.at/Roland Winkler

Oben wird gewerkt, unten gesessen

Selbst auferlegtes Tuschelverbot

Das Publikum schien eigentlich rüstig genug, um die eineinhalb Stunden auch im Stehen aushalten zu können. Trotzdem: Selbst der Aufforderung von der Bühne, man dürfe sich sehr wohl aus dem roten Samt erheben, folgten nur eine Handvoll Zuseher. Weil ja die Menschen hinter einem vielleicht sitzen bleiben wollten und freie Sicht verlangen könnten, was freilich ein paar auch taten.

Und so vom Sessel reißend war es über weite Strecken schließlich auch nicht. Überhaupt war das Publikum vor allem zu Beginn in hochkultureller Ehrfurcht erstarrt: Selbst auferlegtes Tuschelverbot zwischen den Nummern, Theaterverhalten auf einem Rockkonzert, der Ort bestimmt das Sein.

Rückblende 1994

Der Sound erwies sich als okay, aber halt nicht so ganz. „Lauter“ wurde mehrmals aus dem Publikum moniert. Ein bisschen dumpf und in Watte gepackt klang alles zunächst, wohl verstärkt durch die Schwierigkeit, dass das Haus am Ring dafür gebaut wurde, sprechende Menschen in Szene zu setzen – und nicht solche, die mit Schlagzeug und E-Bass hantieren.

Vor mehr als 18 Jahren hatte das alles noch ganz anders ausgesehen: Im November 1994 stellten Blumfeld ihr zweites Album „L’Etat et moi“ in der von Bierdunst und Rauch durchzogenen Szene Wien vor. Politischer Diskursrock war angesagt, lange bevor Sänger Jochen Distelmeyer beginnen sollte, echte Gesangsversuche zu unternehmen und über Romantik und Naturbeobachtungen zu schwadronieren.

Kokettieren mit dem Dilettieren

Doch da standen als Vorband drei schlaksige Burschen in viel zu engen Werbe-T-Shirts und Adidas-Jacken auf der Bühne. Und während manche noch darüber nachdachten, ob der Bandname Tocotronic nicht vielleicht ein bisschen dämlich ist, hatte die Band schon gewonnen.

Punkiges Geschrammel, Texte zwischen Aufbegehren, Witz und Scheitern („Meine Freundin und ihr Freund“) und das charmante Kokettieren mit dem eigenen Dilettieren: Binnen Minuten war klar, hier wird der Nerv der Zeit getroffen, vor allem aber eine Klaviatur bedient. Distinktionsgewinn durch Musik, also Identitätskonstruktion durch Abgrenzung: Ich bin das, was du nicht hörst. Oder: „Ich bin anders als die anderen“, wie es Tocotronic heute in „Exil“ selbst formulieren.

Aufschrift eines Tocotronic-Shirts

ORF.at

Relikt des Sloganpops (ca. 1994, ungebügelt)

Ich, ich, ich

Am nächsten Abend spielten Tocotronic noch vor ein paar Dutzend Gästen in einem längst nicht mehr bestehenden Wiener Kellerclub. Ein paar schwer als Musik zu identifizierende Videodokumente lassen sich in den Untiefen des Web noch finden. Als die Band einige Monate später mit der ersten Platte „Digital ist besser“ zurückkehrte, waren sie - zumindest in Wien - kein Geheimtipp mehr.

Das ebenfalls 1995 veröffentlichte „Nach der verlorenen Zeit“ und „Wir kommen um uns zu beschweren“ im Jahr darauf folgten noch der eingeschlagenen Richtung: Avancierter Befindlichkeitsrock, bei dem jeder zweite Songtitel mit „Ich“ beginnt. Der erfrischende Charme des Erstlings wich allerdings langsam zugunsten eines gesangstechnisch lamentierenden Grundtons, dem fleischgewordenen Mollakkord, der die Band später immer wieder verfolgen sollte.

Die Adidas-Jacke lässt grüßen

Trotzdem: Unter anderen mit Blumfeld und Die Sterne mischte die „Hamburger Schule“ die Popwelt auf. Second-Hand-Kleiderhändler machten mit alten Adidas-Trainingsjacken und Schnürlsamthosen das Geschäft ihres Lebens - auch dann noch, als Tocotronic selbst ausscherten und beschlossen, mal ihre Musikinstrumente einigermaßen beherrschen zu lernen. Bands wie die bayrischen Sportfreunde Stiller nahmen vor allem die Heerschar an Fans mit, die bei Songs nicht immer nur ans Denken erinnert werden wollte.

Tocotronic wanderten also Richtung Musikalität, der Sound wurde satter und breiter, sie nahmen Rick McPhail ab 2000 als viertes Bandmitglied auf wandten sich schließlich der ziemlich humorbefreiten Ernsthaftigkeit zu.

Zwischen altersweise und altklug

Vor allem textlich hat man es als deutschsprachige Band nicht einfach. Es verstehen ja alle. Reimen muss es sich auch noch. Überall lauert die Poesiealbumfalle. Wetter- und Naturmetaphern sollte man sparsam einsetzen. Oder besser ganz vermeiden. Wird es hingegen zu schwierig, gilt man als intellektueller Klugscheißer.

Tocotronic-Konzert im Burgtheater Wien

ORF.at/Roland Winkler

Und sobald es heißt, es seien Texte, „die zum Nachdenken anregen sollen“, ist Glückskeksniveau zu befürchten. Ist die Altersgrenze von 40 wie bei den Herren von Tocotronic überschritten, kann man außerdem nicht mehr so tun, als wäre man 20. Berufsjugendlicher heißt das dann. Der Grat zwischen altersweise und altklug ist also dünn, das ist auch auf „Wie wir leben wollen“ zu merken. Ganze 17 Songs müssen auch erst vollgedichtet werden. Und versucht man dann auch noch schön zu singen, klingt das schon mal verdächtig nach Schlager.

Das ewige Dilemma des Popkonzerts

Dass das bei allen netten und da und dort auch „geborgten“ Soundideen gefällig, aber ein wenig öde und belanglos vor sich hinplätschern kann, war auch in der Burg zu merken. Es ist das ewige Dilemma eines Popkonzerts: Natürlich wollen Bands das neue Album vorstellen, weil verkaufen. Das kennt aber kaum jemand, und der gemeine Fan will lieber hören, was er kennt und mag – und zu dem er vielleicht sogar mitgröhlen kann.

Damit bedienten Tocotronic ihr Publikum aber sparsam, und auch da war nur Sitzdisco angesagt. Erst als der Zugabenblock anstand und alles zum Schlussapplaus aufstand (da durfte man ja, vielleicht), war der Bann gebrochen. Und was folgte? Zunächst keine Nummer aus den Schaffensperioden der letzten Jahre, auch nicht „Let there be rock“, der vielleicht populistischste Song der Band. Es waren zwei Titel von „Digital ist besser“. Der Kreis hat sich wenigstens ein bisschen geschlossen.

Christian Körber, ORF.at

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