Themenüberblick

Milde Strafe wegen behaupteter Beziehung

Der Mörder eines katholischen Bischofs in der Türkei hat laut einem Zeitungsbericht aufgrund einer Aussage über homosexuelle Beziehungen zu seinem Opfer einen Strafnachlass erhalten. Das Gericht habe die Aussage akzeptiert, obwohl es keinerlei Beweise dafür gegeben habe, berichtete die Zeitung „Milliyet“ am Donnerstag unter Berufung auf Unterlagen der Staatsanwaltschaft.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Ein Gericht hatte den 28-jährigen Mehmet A. am Dienstag wegen Mordes an dem Bischof Luigi Padovese im Juni 2010 zu 15 Jahren Haft verurteilt. Laut „Milliyet“ befürwortete auch die Staatsanwaltschaft wegen des Grundsatzes „Im Zweifel für den Angeklagten“ den Strafnachlass. Demnach sagte A. vor Gericht aus, er habe in der Vergangenheit homosexuelle Beziehungen zu Padovese gehabt, für den er als Fahrer arbeitete.

Verschiedene Motive genannt

Das Gericht senkte die Strafe auf der Grundlage dieser Aussage von lebenslanger Haft zunächst auf 18 Jahre Gefängnis und anschließend wegen guter Führung des Angeklagten auf 15 Jahre. Einen politischen Hintergrund des Verbrechens schloss das Gericht aus. Kirchenvertreter bemängelten wiederholt ein zu geringes Interesse der türkischen Justiz an der genauen Aufklärung des Falles. Nach dem Mord war über mögliche politische Motive diskutiert worden.

Der zur Tatzeit 26-Jährige hatte am 3. Juni 2010 den Vorsitzenden der Türkischen Bischofskonferenz und Apostolischen Vikar von Anatolien vor dessen Haus im südtürkischen Iskenderun erstochen. Über sein Motiv machte er widersprüchliche Angaben. Sie reichten von einer angeblichen Geistesgestörtheit über einen islamischen Hintergrund bis zu der Behauptung, er habe mit Padovese eine homosexuelle Beziehung gehabt.

Weitere neue Tatversion

Nun hieß es, kurz vor dem Mord habe der Bischof nach einem gemeinsamen Essen erneut Annäherungsversuche gemacht, die er aber abgewehrt habe. Im Zorn sei er in die Küche gegangen und habe sich ein Obstmesser geholt. Der Bischof habe versucht zu fliehen, doch er habe das Opfer vor der Tür des Hauses eingeholt und ihm die Kehle durchgeschnitten. Seine Anwälte hatten auf Unzurechnungsfähigkeit gepocht, Gerichtsmediziner ihn jedoch für verhandlungsfähig erklärt.

Der Verurteilte sagte laut italienischen Quellen nach dem Prozess, er bereue den Mord an dem aus Italien stammenden Kapuziner-Missionsbischof. Er sei „die letzte Person“ gewesen, die „mir etwas Böses antun konnte“. Er sei während der Tat nicht Herr seiner selbst gewesen. In den vergangenen Jahren waren mehrere Christen in der Türkei von türkischen Nationalisten ermordet worden. Der Mord hatte bei türkischen Christen die Angst vor gewaltsamen Übergriffen geschürt.

Links: