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Erklärungen für das Unerklärliche

Der deutsche Gerichtspsychiater Hans-Ludwig Kröber hat neun Mordfälle aus seiner jahrzehntelangen Laufbahn zusammengetragen und erzählt über diese „Geschichten aus der Wirklichkeit“, so der Untertitel seines Buches „Mord“.

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Mord ist das beliebteste Thema in der Chronikberichterstattung von Boulevardzeitungen - aber auch seriöse Medien kommen nicht umhin, über spektakuläre Fälle zu berichten. Meist wird jedoch nur an der Oberfläche gekratzt: zuerst ein großer Artikel, nachdem die Tat passierte und dann noch einmal, wenn der Täter gefasst wird - und schließlich bei der Verurteilung. Zudem wird noch kurz berichtet, was sich Verteidiger und Staatsanwalt zurechtgelegt haben.

Was aber führt dazu, dass ein Mensch die Entscheidung trifft, jemanden zu töten? Wer sind Mörder, wie ticken sie? Damit muss sich Kröber seit Jahrzehnten auseinandersetzen. Wenn alle Beweise gesammelt, alle Zeugen einvernommen sind, ist er am Zug, das Bild zu komplettieren. In reißerischen Berichten wird er gerne als „schärfster Gerichtspsychiater Deutschlands“ bezeichnet.

„Du bist ein Mensch, der weiß, was er tut“

Der „Zeit“ gegenüber hat er vor fünf Jahren dieses Bild zurechtgerückt. Er wolle die Menschen nicht durch Gutachten, die sie als krank abstempeln, aus der Verantwortung entlassen - auch, um ihnen nicht ihre Würde zu nehmen: „Die bürgerliche Gesellschaft ehrt den Verurteilten durch die Strafe als einen der Ihren. Sie zeigt ihm: Du bist Mitspieler, und wenn du foul spielst, wird das geahndet. Du bist ein Mensch, der weiß, was er tut. Du bist kein Tier.“

Buchhinweis

Hans-Ludwig Kröber: Mord. Geschichten aus der Wirklichkeit. Rowohlt, 254 Seiten, 19,50 Euro.

Das heißt nicht, dass sich Kröber mit den Antworten der Tatverdächtigen zufriedengibt. Die Motivlage ist wichtig für die Urteilsfindung, für die Angehörigen der Opfer - und auch, um eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit von einer Tatwiederholung treffen zu können. Kröbers Gutachten sind legendär. Die „Zeit“ schrieb in dem Artikel: „Man merkt, dass hier ein witziger und sprachlich gewandter Verfasser am Werk ist, und bedauert mitunter, dass Kröbers Texte dem engen Lesezirkel der Richter, Staatsanwälte und Verteidiger vorbehalten bleiben.“

Dieser Satz könnte Teil der Motivlage Kröbers gewesen sein, ein Buch zu schreiben. Die neun Fälle stellt er in „Mord“ auf jeweils rund 25 Seiten vor. Der Untertitel ist dabei Programm: „Geschichten aus der Wirklichkeit.“ Und die Wirklichkeit - das weiß man als Leser bereits nach der Lektüre der ersten zehn Seiten - hat noch weit weniger mit Hollywood-Filmen und Boulevardberichten zu tun, als man ohnehin schon ahnte.

Die Anstiftung zum Liebesmord

Da ist zum Beispiel „Elisabeth“, knapp 40, die sich verliebt. Sie verlässt ihren Mann, er seine Frau. Die beiden ziehen zusammen - unter der Prämisse des Mannes, dass er nie wieder monogam leben muss. „Elisabeth“ glaubt zunächst, das aushalten zu können. Sie kann es nicht. Sie liebt ihn, aber er demütigt sie beständig, weil sie älter ist als er. Die Situation ist verkorkst, verschiedenste Faktoren verhindern, dass sie den Mann einfach verlässt.

Umständehalber verschlägt es die bürgerliche „Elisabeth“ als Buchhalterin in die heruntergekommene Fahrradwerkstatt eines Alkoholikers, der seine Gattin verprügelt. Und diese wiederum lebt ihre Aggressionen aus, indem sie „Elisabeth“ mit Mordphantasien füttert - so lange, bis diese das Umbringen ihres untreuen Lebensgefährten als echte Option zu betrachten beginnt. Sie engagiert schließlich zwei Auftragskiller, vermeintliche Auftragskiller, wie sich herausstellen wird.

Kriminologe untersucht einen Tatort

AP/Jay LaPrete

Schauplatz eines Gewaltverbrechens in den USA - was bleibt, ist die Kulisse

„Franz fand: So verstand man das nicht“

Oder der Fall von „Franz“. Er und seine Brüder wurden in ihrem kleinen Dorf als wüste Schläger gefürchtet. Sie waren stets besoffen, niemand konnte sich vor ihnen sicher fühlen. Zwei junge Männer wurden trotzdem frech und griffen den kleinen Bruder von „Franz“ an, als dieser alleine war - die Rache überlebten sie nicht. Die drei Brüder traten gemeinsam mit einem Freund so lange auf die Köpfe der beiden ein, bis das Blut spritzte und keine Regung mehr wahrzunehmen war.

Kröber versucht nicht, „Franz“, den Rädelsführer der Morde, in Schutz zu nehmen. Aber er macht die Logik sichtbar, nach der die Tritte auf den Kopf aus der Sicht von „Franz“ folgerichtig erscheinen konnten. Ein kaltblütiger Mord? „Franz fand: So war es nicht. So verstand man das nicht. Obwohl er es eigentlich auch nicht verstand. Aber eins gab das andere. Die beiden hätten ja auch gewinnen können, und dann läge er selbst auf dem Friedhof.“

Der voyeuristische Kick

Kröber kann tatsächlich schreiben, zweifelsohne. Er tappt nicht in dieselbe Falle wie Berufskollegen vor ihm mit ihren Büchern. Er versucht nicht, die Wirklichkeit dem breiten Publikum zuliebe ihrer Komplexität zu berauben - im Gegenteil: Kröber stellt die Komplexität möglichst detailreich und luzide dar, ohne einfache, psychologisierende Antworten zu geben.

Abgesehen vom voyeuristischen Kick, von dem ein solches Buch naturgemäß lebt - ganz gleich, wie seriös es gehalten ist -, gewinnt die Lektüre an Spannung, weil Kröber nicht nur über Morde, sondern auch über Mordversuche berichtet. Einem Thriller nicht unähnlich weiß der Leser am Anfang einer Geschichte nicht, wie sie ausgehen wird.

Die Essenz der Fälle

Zu den wenigen Abstrichen, die man machen muss, zählt, dass Kröber da und dort durch unvermittelte Zeitsprünge Verwirrung stiftet und nicht überall klar wird, wie er zu seinen Informationen gelangt ist - durch persönliche Gespräche und Recherchen oder durch Ermittlungsakten. Das führt dazu, dass man als Leser mitunter nicht wissen kann, was nun als gesicherte Information gelten kann bzw. was die Version der Tatverdächtigen ist.

Gut möglich, dass das bis zu einem gewissen Grad das Kalkül Kröbers ist, der selbstverständlich danach trachtet, die Identität der beteiligten Personen zu schützen, deren Namen genauso geändert wurden wie die Orte des Geschehens. Sicher sein kann man sich, dass die Essenz der Geschichten korrekt wiedergegeben wird, dafür steht Kröber mit seiner Integrität ein.

Schwere Kindheit, geringe Intelligenz

Schwere Kindheit, geringe Intelligenz, schlechter Umgang - vieles kann einen Mord erklären, aber nur weniges kann ihn entschuldigen. Kröber - das liest man aus seinen Abhandlungen über die einzelnen Fälle heraus - ist es ein Anliegen, vor allem den Tätern selbst mit auf den Weg zu geben: „Du hattest die Entscheidung.“ Eine Entschuldigung ist der psychotische Schub, aufgrund dessen einer der Protagonisten des Buches zwei Grenzwachebeamte tötete. Er ging frei - vor allem wegen Kröbers Gutachten.

Simon Hadler, ORF.at

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