Filme für urbane Mittelschicht
Längst hat Bollywood Hollywood übertroffen, was sowohl die Zahl der produzierten Filme als auch die Zuschauerzahlen angeht. Die bunten Filme mit ihren Tanz- und Gesangseinlagen werden im Westen gerne belächelt, erfreuen sich auch in Europa zunehmender Beliebtheit. Immer öfter macht jedoch auch die indische Independent- und Arthouse-Filmszene international auf sich aufmerksam.
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So waren bei den Filmfestspielen in Cannes heuer gleich drei „Hindie“-Produktionen, wie die Independent-Filme aus Indien mittlerweile genannt werden, vertreten. „Das indische Kino wird erwachsen“, erklärte Regisseur und Produzent Anurag Kashyap, dessen Filme „Gangs of Wasseypur“ und „Peddlers“ bei dem renommierten Filmfestival zu sehen waren. „Wir sind nun so weit, dass wir uns mit Filmemachern auf der ganzen Welt messen können.“

APA/EPA/Guillaume Horcajuelo
Das Filmteam von „Gangs of Wasseypur“ bei den Filmfestspielen in Cannes
Raubkopien als Maß der Beliebtheit
Als Beleg dafür, dass die Arthouse-Produktionen in Indien eine immer wichtigere Rolle spielen, ortet der „Economist“ nicht nur in der Präsenz bei Festivals wie Cannes, sondern auch darin, dass die Filme mittlerweile im Sortiment der unzähligen Raubkopieverkäufer auf den Straßen Mumbais zu finden sind.
Hindie-Filme richten sich vornehmlich an die wachsende Mittelschicht. Anstelle von Superstars spielen meist unbekannte Darsteller die Hauptrollen. Dementsprechend sind auch die Produktionskosten niedriger, im Schnitt 2,5 Millionen Dollar (zwei Millionen Euro) stecken in einem Film.
Romantische Liebe überwindet Hindernisse
Im Unterschied dazu ist der Output Bollywoods für die Massen gemacht und rund um einen Schauspielsuperstar gestrickt: „Der Held wird kämpfen, singen, tanzen, sich verlieben, er wird alles machen. Wir nennen das ‚Masala-Film‘“, erklärte der Filmkritiker Ganesh Matkari gegenüber dem Economist. Billig ist das alles nicht: bis zu 30 Millionen Dollar (24 Mio. Euro) stecken in den Produktionen.
Zentrales Thema der Streifen ist meist ein idealisierte romantische Liebe, die irgendwelche Hindernisse überwinden muss, am Ende aber immer siegt. Dass sich die glücklichen Filmpaare küssen dürfen, ist angesichts der strengen Zensur nicht immer selbstverständlich. Noch Expliziteres ist dementsprechend tabu, alles Sexuelle wird verschlüsselt dargestellt. Im Bollywood-Universum spricht man „Ich liebe dich“ nicht unbedingt laut aus, stattdessen sollen „Song and Dance“-Nummern die Gefühle und erotischen Träume der Protagonisten transportieren.
Urbanes Publikum als Zielgruppe
Inhaltlich sind die Hindie-Filme um einiges gehaltvoller, auch die Themen unterscheiden sich wesentlich: Alltagskonflikte, Krimis, Mafia und Actionfilme werden dabei ebenso gedreht wie Liebesfilme, die sich aber an ein deutlich urbaneres Publikum wenden. Auch die Protagonisten stammen aus der städtischen Mittelschicht: Künstler, Journalisten, Banker und Juristen.
Begünstigt wird die Entwicklung des Hindie-Films durch die Verbreitung der großen Multiplex-Kinos seit den späten 1990er Jahren. Die Betreiber verfügen nun quer durch Indien über genügend Säle, um sowohl Bollywood-Blockbuster als auch die Nischenproduktionen zu zeigen.
Die jüngsten Entwicklungen zeigen, dass die Grenzen zwischen Bollywood- und Hindie-Produktionen durchlässig werden. Die einen übernehmen zunehmend die Muster des anderen: So sind in Kashyaps Cannes-Produktion „Gangs of Wasseypur“, einem im Kohlemafia-Milieu angesiedelten Independent-Krimi, auch Songs ein wichtiges Stilmittel. „Der Masala-Film"-verschwindet nicht, die Menschen lieben ihn immer noch“, ist sich Siddharth Roy Kapur, Chef des indischen Studios UTV Motion Pictures, sicher. Es sei nur die Definition des Begriffs Mainstream, die langsam breiter würde.
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