Schreiben gegen „Kulturzerstörung“
Ray Bradbury, der Autor des gefeierten Science-Fiction-Romans „Fahrenheit 451“, ist im Alter von 91 Jahren verstorben. Das bestätigte seine Tochter gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Der unermüdliche US-Amerikaner hatte in seiner langen Karriere über 500 Werke veröffentlicht.
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„In einer mehr als 70-jährigen Karriere hat Ray Bradbury Generationen von Lesern zum Träumen, Denken und Erschaffen angeregt“, hieß es von Bradburys Verlag Harper Collins: „Der profilierte Verfasser von Hunderten Kurzgeschichten, fast 50 Büchern und zahlreichen Gedichten Essays, Opern, Bühnen- und Fernsehstücken war einer der respektiertesten Autoren unserer Zeit.“
Bradbury schrieb Kurzgeschichten, Gedichte, Romane, Theaterstücke und zahlreiche Drehbücher für Film und Fernsehen. Kritiker loben ihn als Meister der feinen Beobachtung, als talentierten Sprachvirtuosen, der mit immer neuen, unverbrauchten Bildern überraschte. Sein verstörender Roman „Fahrenheit 451“ erschien 1953 und wurde 1966 von Francois Truffaut mit Oskar Werner und Julie Christie in den Hauptrollen verfilmt. Bradbury schildert darin ein autoritäres Regime, in dem Bücher verboten sind.
Autor mit Anliegen
Der Titel bezieht sich auf die Temperatur, bei der sich Papier selbst entzündet. Viele Interpreten sahen in dem Werk einen Angriff auf die Kommunistenhetze unter dem US-Senator Joseph McCarthy. Das Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und machte den Autor populär. „Man braucht keine Bücher zu verbrennen, um eine Kultur zu zerstören. Es reicht aus, die Leute davon abzubringen, sie zu lesen“, sagte Bradbury.
Das Buch hatte nicht nur Freunde - von manchen Kritikern wurde Bradbury als altmodischer Moralist belächelt. Nicht mit sich spaßen ließ Bradbury, als Michael Moore seinen später preisgekrönten Dokumentarfilm über die Terroranschläge vom 11. September 2001 „Fahrenheit 9/11“ nannte. „Michael Moore ist ein dämlicher Drecksack. So denke ich über ihn. Er hat meinen Titel geklaut und die Zahlen ausgewechselt, ohne mich jemals um Erlaubnis zu fragen“, verkündete Bradbury unumwunden.
Unheimliches Stakkato
Bereits in frühen Kurzgeschichten ist seine spätere Neigung zu Genres wie Fantasy und Kriminalroman und zu Schauplätzen wie Zirkus und Kinowelt erkennbar. Unheimliche Krimis schuf er mit „Der Tod ist ein einsames Geschäft“ (1985) und „Friedhof für Verrückte“ (1990). Beide Romane spielen im Großraum Los Angeles, in dem Bradbury seit langem lebte, und überzeugen vor allem durch das in Traumwelten gleitende Lokalkolorit.
Dramatische Wirkung erzielte Bradbury oft durch raschen Wechsel von schwülstiger zu repetitiver, teils stakkatoartiger Sprache wie in der Kurzgeschichte „Das Nebelhorn“: Die Traurigkeit eines Meeresungeheuers schlägt in zerstörerische Wut um, als es erkennt, dass sein jahrtausendelanges Warten auf Liebe vergeblich war. Lange im Voraus spürte er Entwicklungen wie den Handyboom voraus („Der Mörder“, 1976). Scharfe Kritik übte er an der Medialisierung des Lebens, die zu Vereinsamung führe.
Fellini: „Seltene Freude“
Federico Fellini sagte einmal über Bradbury: „Er gibt uns eine Freude zurück, die immer seltener wird: die Freude, die wir als Kinder empfanden, wenn wir eine Geschichte hörten, die unglaublich war, aber die wir gerne glaubten.“ Der Vater von vier Kindern, der insgesamt 500 Romane, Kurzgeschichten, Bühnenwerke, Gedichte und Drehbücher schuf, gewann zahlreiche Preise der SF- und Fantasy-Gemeinde, so den World Fantasy Award (1977), den Jules Verne Award (1984) und den Bram Stoker Award (1989).
Die ganz große literarische Ehrung blieb dem NASA-Fan versagt - dafür haben Apollo-Astronauten den „Dandelion-Krater“ auf dem Mond nach dem Bradbury-Roman „Dandelion Wine“ („Löwenzahnwein“, 1957) benannt. Dem Pulitzer-Preis kam er zumindest nahe - 2007 erhielt er eine besondere Erwähnung von den Juroren, die seine „produktive und einflussreiche Karriere“ lobten.
Die letzten Jahre
Wenn er nicht gerade Geld für Bibliotheken sammelte, die er leidenschaftlich unterstützte, dann schrieb Bradbury in seinem Haus in Los Angeles immer noch täglich ein paar Stunden, berichtete vor zwei Jahren anlässlich seines 90. Geburtstags die „New York Times“. Er habe mit Vorliebe Werke von George Bernard Shaw gelesen, Besucher empfangen und sich Filme auf einem riesigen Flachbildschirm angeschaut.
Einen bemerkenswert ehrlichen Text verfasste Bradbury einige Jahre vor seinem Tod, den das Magazin „The Atlantic“ kürzlich wieder veröffentlichte. Darin machte Bradbury Autoren Mut, die von Verlagen und Zeitschriften Abfuhren bekommen. Bei ihm selbst seien es Hunderte gewesen. Er schreibt über einen „Schneesturm“ an Ablehnungen über Jahre hinweg - und bis zuletzt seien immer wieder Texte von ihm zurückgewiesen worden, obwohl er berühmt sei. Sein Rat: hartnäckig bleiben. Ray Bradbury war hartnäckig geblieben - fast 92 Jahre lang.
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