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Schlüsselfigur meldet sich zu Wort

Die Kommunistische Partei Chinas wird die Geister des Massakers vom Platz des himmlischen Friedens in Peking nicht los. Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem brutalen Militäreinsatz auf dem Tiananmen-Platz in der Nacht auf den 4. Juni 1989 besitzt die Frage nach der Verantwortung für das Blutvergießen weiter politische Brisanz.

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Ausgerechnet im aktuellen Machtkampf vor dem geplanten Generationswechsel an der Spitze von Partei und Staat meldet sich erstmals eine der Schlüsselfiguren zu Wort - der damalige Pekinger Bürgermeister und Parteisekretär Chen Xitong. Er spricht von einer „bedauerlichen Tragödie, die hätte vermieden werden können“.

Buch vor Jahrestag veröffentlicht

„Niemand hätte sterben müssen, wenn angemessen damit umgegangen worden wäre“, sagt Chen, der eigentlich als Hardliner und einer der Hauptverantwortlichen für die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung gilt. Dem Ex-Politbüromitglied wird vorgeworfen, als Bürgermeister absichtlich die Bedrohlichkeit des friedlichen Volksaufstands übertrieben zu haben, was den damaligen starken Mann Deng Xiaoping und andere Parteiführer veranlasst haben soll, die Volksbefreiungsarmee gegen das eigene Volk zu mobilisieren.

In einem Buch mit dem Titel „Gespräche mit Chen Xitong“, das am Freitag - drei Tage vor dem Jahrestag des Massakers - in Hongkong in die Buchhandlungen kam, spielt der heute 81-Jährige seine Verantwortung herunter. Er stellt sich als bloßen Befehlsempfänger dar: Ihm sei nicht klar gewesen, was hinter den Kulissen vorgegangen sei, gibt er heute vor.

Historiker bezweifeln seine Version. Da Chen mit der Beförderung ins Politbüro und zum Parteichef der Hauptstadt belohnt worden sei, könne seine damalige Rolle nicht so unwesentlich gewesen sein, heißt es. Viele Pekinger freuten sich denn auch 1996, als er über Korruptionsvorwürfe stolperte und inhaftiert wurde. 2004 kam er aus medizinischen Gründen frei.

„Interner Machtkampf“

Aber selbst wenn er sich nur reinwaschen will, bricht Chen 23 Jahre nach Tiananmen ein Tabu. Keiner der Verantwortlichen hat jemals öffentlich darüber geredet. Die Partei verhindert jede Diskussion über das Blutbad. „Mehrere hundert Menschen kamen an jenem Tag ums Leben. Als Bürgermeister tat es mir leid. Ich hatte gehofft, die Sache friedlich zu regeln“, sagt Chen heute. Das Massaker sei „durch einen internen Machtkampf an der Spitze verursacht worden und führte zu einer Tragödie, die niemand sehen wollte“.

Vergießt er hier nur Krokodilstränen? Auf jeden Fall nutzt Chen das gegenwärtige Machtvakuum nach dem Skandal um den gestürzten Spitzenpolitiker Bo Xilai, um mit dem Finger auf andere zu zeigen. Er vergleicht sein Schicksal mit dem Bos, der allerdings über seinen eigenen Ehrgeiz gestolpert ist und dessen Frau unter Mordverdacht steht. Chen nennt sich auch in einer Reihe mit dem 2007 ebenfalls wegen Korruption in Ungnade gefallenen Parteichef von Schanghai, Chen Liangyu.

Dessen Sturz markierte den Anfang der Karriere des heutigen „Kronprinzen“ und Vizepräsidenten Xi Jinping, der über Schanghai in den engsten Führungszirkel in Peking aufstieg und im kommenden Herbst neuer KP-Generalsekretär werden soll, um Staats- und Parteichef Hu Jintao 2013 auch als Staatspräsident abzulösen. Insofern gelten Chens Enthüllungen als Herausforderung sowohl für die alte als auch die neue Führungsgeneration, für die eine öffentliche Debatte über das Tiananmen-Massaker zur Zerreißprobe werden dürfte.

„Persönliche Meinung“

Der Hongkonger Herausgeber des Buches, Bao Pu, hegt selbst Zweifel an der Darstellung des Ex-Bürgermeisters, sieht darin aber ein wichtiges Zeitdokument, das die Aufarbeitung des 4. Juni 1989 voranbringen kann. „Die Leser sollen selbst beurteilen, wie viel Verantwortung Chen Xitong zu tragen hat“, sagte Bao.

Der Verleger, der ohnehin auf der anderen Seite der Geschichte steht, geht auf Distanz: „Der Inhalt des Buches ist seine persönliche Meinung.“ Sein Vater Bao Tong saß nach 1989 sieben Jahre in Haft. Er war die rechte Hand von Parteichef Zhao Ziyang, der wegen seiner Sympathie für die Forderungen der demonstrierenden Studenten aus dem Weg geräumt wurde, um das Militär schicken zu können.

Verleger Bao lebt heute im Exil in Hongkong und darf nicht nach Peking, wo sein Vater noch heute unter ständiger Überwachung lebt: „Was ich tue und welche Bücher ich veröffentliche, dient dazu, das Faktenmaterial zu vergrößern, um Vorbereitungen für eine letztliche Aufarbeitung des 4. Juni zu treffen“, sagt Bao.

Andreas Landwehr, dpa

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