Themenüberblick

46,89 Punkte im Minus

Auch 23 Jahre nach der blutigen Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung wird der Jahrestag in China offiziell weiter verschwiegen. In Erinnerung gerufen wurde der 4. Juni 1989 in diesem Jahr aber auf ungewohnte Weise vom Leitindex der Börse Schanghai.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Der Shanghai Composite Index schloss am Montag um 64,89 Punkte niedriger und spiegelte mit diesem Wert das Datum des Ereignisses auf dem Tiananmen-Platz in Peking wider. Damit nicht genug: Auch aus dem Eröffnungskurs (2.346,98 Punkte) konnte der Jahrestag - wenn auch in anderer Reihenfolge - herausgelesen werden. Gerätselt wird nun, ob es sich um eine geschickte Manipulation oder um einen ungewöhnlichen Zufall handelte - die Kursbewegungen riefen jedenfalls auch die chinesischen Zensurbehörden auf den Plan.

„Gruselig“

Demnach wurden etwa auf Chinas populärster Mikroblogplattform Sina Weibo nicht nur Zahlenkombinationen wie „sechs vier“ (für 4. Juni, Anm.) und „23“ sowie die Worte „niemals vergessen“, sondern auch „Börse Schanghai“ blockiert. Einmal mehr seien zahllose Postings gelöscht worden, wurde ein Sina-Blogger von Reuters zitiert. Die rätselhaften, unter anderem als „gruselig“ bezeichneten Kursbewegungen waren dennoch Thema auf dem chinesischen Twitter-Pendant.

Ruf nach mehr Demokratie

Auf dem Tiananmen-Platz demonstrierten chinesische Studenten und Menschenrechtsaktivisten im Jahr 1989 für mehr Demokratie. Die Regierung ließ die Kundgebungen am 4. Juni 1989 blutig niederschlagen, dabei kamen Hunderte, möglicherweise sogar Tausende Menschen ums Leben.

Bis heute Tabuthema

Die Vorgänge bei der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz in Peking sind für Chinas Führung bis heute ein Tabuthema. Nach wie vor wird der Jahrestag in China offiziell nicht erwähnt. Wie viele Menschen ums Leben kamen, wurde ebenfalls nie mitgeteilt. Schätzungen von Menschenrechtlern und Dissidenten reichen von mehreren hundert bis zu mehreren tausend Todesopfern.

Aus Angst vor Protesten lässt die kommunistische Führung des Landes vor dem Jahrestag stets zahlreiche Oppositionelle einsperren oder unter Hausarrest stellen. Wie der bekannte Bürgerrechtler Hu Jia berichtete, verschärfte die Polizei auch in diesem Jahr die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Wohnungen zahlreicher Oppositioneller.

Nach Angaben weiterer Menschenrechtsaktivisten wurden Hunderte Oppositionelle aus der Hauptstadt weggebracht, darunter auch 600 bis 1.000 Menschen, die laut dem Aktivisten Zhou Jinxia aus dem ganzen Land auf dem Pekinger Südbahnhof eingetroffen und von der Polizei mit Bussen zurück in ihre Heimatstädte gebracht worden seien.

Nur Hongkong genehmigt Gedenkveranstaltung

Dennoch gelang es am Samstag mehr als 80 Bürgerrechtsaktivisten, mit Bannern auf einem Platz in Peking zu demonstrieren. In Sprechchören forderten sie die Rehabilitierung der Demokratiebewegung von 1989 und das Ende der Korruption. Im Internet berichteten Aktivisten über ihre Überwachung und Einschüchterung durch die Behörden.

Die einzige genehmigte Gedenkveranstaltung auf chinesischem Boden soll es am Montagabend in der früheren britischen Kronkolonie Hongkong geben. Hongkong war bis 1997 britische Kronkolonie und gehört seitdem als Sonderverwaltungsgebiet zur Volksrepublik China, verfügt aber über Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Die Veranstalter rechneten mit 150.000 Teilnehmern.

„Konterrevolutionärer Aufstand“

Als Einmischung in interne Angelegenheiten tat das chinesische Außenministerium unterdessen die US-Forderung ab, alle diejenigen freizulassen, die wegen ihrer Beteiligung an den damaligen Protesten noch immer inhaftiert seien. Laut Ministeriumssprecher Liu Weimin kamen die chinesische Regierung und die Kommunistische Partei zu den Ereignissen auf dem Tiananmen-Platz zu „sehr klaren Schlussfolgerungen“. Nach offizieller Lesart handelt es sich bei der Protestbewegung um einen „konterrevolutionären Aufstand“.

Links: