Sozialromantik mit Coolnessfaktor
Wladimir Kaminer hat mit seinem Kurzgeschichtenband „Russendisko“ im Jahr 2000 einen Riesenerfolg gefeiert: Nun, zwölf Jahre später, kommt die Verfilmung als Migrantenkomödie in die Kinos - eine verspätete Reminiszenz an das wilde Berlin der 90er Jahre und ein weiteres Ostalgie-Feel-Good-Movie im Stile von „Good Bye, Lenin“.
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Kaminers Erzählungen orientieren sich lose an seiner Autobiografie, sind aber nicht rein autobiografisch. Seine Kinder, sagte er im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa, hätten den Film gesehen und gefragt, ob damals wirklich alles so war wie in dem Film von Drehbuchautor und Regieneuling Oliver Ziegenbalg. Das stimme eben nicht ganz: „In der Tat ist die Liebesgeschichte im Film viel romantischer, als sie im realen Leben gewesen war.“ Seine Frau Olga, die selbst Autorin ist, wird sich freuen, wenn sie das liest.

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Männerfreundschaft mit Bierwerbung-Handschlagqualität. Rechts im Bild: Film-Wladmir Matthias Schweighöfer
Der gebürtige Russe Kaminer kam vor gut 20 Jahren nach Berlin. Seine Erzählungen, die im Film zu einer durchgehenden Handlung verdichtet werden, handeln von Eindrücken und Erlebnissen aus dieser Zeit. Drei Freunde wandern kurz nach dem Mauerfall in die DDR aus, weil man dort als Jude aus der Sowjetunion humanitäres Asyl bekommt. Aber nur zwei von ihnen sind Juden, darunter Wladimir. Wegen des dritten müssen die Burschen untertauchen - denn er droht nach drei Monaten abgeschoben zu werden.
Bierdosen verkaufen und im Auto schlafen
Es geht im Film also um die Frage, was die drei jungen Männer in Berlin treiben (in Clubs herumhängen), wie sie an Geld kommen (illegal Bierdosen auf dem Bahnhof verkaufen), wo sie leben (zwischendurch zu dritt im Auto) und ob es letztendlich gelingen wird, gemeinsam einen legalen Aufenthaltsstatus zu erlangen. Im Vordergrund aber steht die Liebe. Im Film lernt Wladimir die Tänzerin Olga wie im echten Leben - nur eben romantischer - kennen.

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Links im Bild Peri Baumeister als Wladimirs Freundin Olga
Peri Baumeister, die neue junge Schönheit des deutschsprachigen Kinos, spielt Olga (hier ein Foto von Kaminers Frau). Zuvor hatte sie als Schwester von Georg Trakl Weichzeichner-Erotikauftritte in „Tabu“ absolviert, dem neuen, bei der Diagonale vorgestellte Trakl-Film - und wurde dafür mit dem Max-Ophüls-Nachwuchspreis geehrt. Wladimir wird von Matthias Schweighöfer gespielt, der in Til Schweigers Filmen „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“ zu sehen war und seine Rolle auch in „Russendisko“ humorvoll, offen und charmant anlegt.
Zwischen Bierwerbung und Rosamunde Pilcher
Die eigentliche Hauptrolle aber spielt das mythenbeladene Berlin der beginnenden 90er Jahre. Nur: Wie so oft wenn eine Undergroundszene vom Pop imitiert wird, gehen die Ecken und Kanten verloren. Die abbruchreifen Gebäude sind im Film malerische Kulissen für die Inszenierung einer Männerfreundschaft, die in Sachen Komplexität jeder Bierwerbung zur Ehre gereichen würde. Und im abgefuckten, illegalen Club spielt sich eine Liebesgeschichte ab, die vom Tiefgang her (mit anderen Kostümen) auch in Rosamunde Pilchers Cornwall passen würde. Warmes Licht und bunte Farben unterstreichen die Wohlfühl-Ästhetik.
Kaminer, der bis heute in Berlin lebt, gibt sich in einem Interview mit dem Magazin „Prinz“ diplomatisch: „Der Film ist deutlich besser geworden, als ich gedacht habe.“ Wie schlimm seine ursprünglichen Befürchtungen waren, sagte er nicht dazu. Der Autor tritt sogar kurz in einer Szene auf: als Pole, der falsche Mauersteine verkauft. Vom Film-Wladimir distanziert er sich, streut Schweighöfer aber Rosen: „Er spielt mich, aber in seiner eigenen Interpretation. Er ist glaubwürdig. Ein großartiger Darsteller“, so Kaminer.
Die Ostalgie des Easyjetset
Der Film ist ein kitschiges und humorvolles Märchen, das sein Publikum finden wird - vor rund zehn Jahren aber wohl für mehr Verzückung gesorgt hätte. Damals waren Kaminers Berliner Clubabende im Kaffee Burger unter dem Motto „Russendisko“ in aller Munde und seine erste Musik-Compilation wurde 2003 zum Erfolg. Das Buch wurde bis heute gut eine Million Mal verkauft.
Und der Berliner Easyjetset-Wochenend-Partytourismus erlebte seinen Höhepunkt. Heute haben sich viele nach Jahren der Gogol-Bordello- und Russkaja-Beschallung vom entsprechenden Sound abgehört, und Berlin als „kultig“ zu bezeichnen, gilt selbst im Mainstream nicht mehr als originell. Es ist sogar bereits wieder out, zu beklagen, wie bürgerlich der Berliner Prenzlauerberg durch die Bobo-Jungfamilien mittlerweile geworden ist („Russendisko“ wurde dort gedreht). Aber schließlich wünscht sich Kaminer, dass der Film Lebensfreude verbreitet - und bedrückt wird sicherlich niemand den Kinosaal verlassen.
Simon Hadler, ORF.at
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