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Das Leben als Urknall

Lange haben Cineasten auf diesen Film gewartet: Als „The Tree of Life“ 2011 in Cannes präsentiert wurde, sorgte er nicht nur für atemloses Staunen im Kinosaal, sondern nahm auch gleich die Goldene Palme mit. Das Werk des medienscheuen US-Regisseurs Terrence Malick macht seinem Titel alle Ehre - es hat nichts Geringeres als den Ursprung des Lebens zum Inhalt. Nun werden dem Film Oscar-Chancen eingeräumt.

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Am Anfang ist das Licht. Und ein dazu passendes Bibelzitat. „Wo warst du, da ich die Erde gründete? Sag an, du bist so klug“, rügt Gott den Menschen. Mit viel Pathos kommt der Film daher, den man getrost als Malicks Opus magnum bezeichnen kann. Es ist seine technisch aufwendigste und philosophisch ausuferndste Regiearbeit, die fünfte in seiner 40-jährigen Karriere.

Für seine Fans gehört der Regisseur zu den besten seines Fachs. Schon das Regiedebüt „Badlands“ galt in den 1970er Jahren als innovativster Erstlingsfilm seit Orson Welles’ „Citizen Kane“ (1941). Malick, der die Öffentlichkeit scheut und auch seine Auszeichnung in Cannes nicht persönlich entgegennahm, ist bekannt für seine intensive Bildsprache und unkonventionelle Erzählstrukturen.

Die Welt geht vor die Hunde

„The Tree of Life“ erzählt die Geschichte des elfjährigen Jack (Hunter McCracken), der in den 1950er Jahren in einer texanischen Kleinstadt als ältester von drei Brüdern aufwächst. Doch bevor die Bilder einer vermeintlich glücklichen Kindheit gezeigt werden, erfährt man, dass einer der Brüder mit 19 gestorben ist. Die Todesnachricht erreicht die Familie zu einem nicht näher erklärten Zeitpunkt, auch auf die Umstände wird nicht eingegangen.

Szene aus dem Film "The tree of life"

Filmladen Filmverleih

Als Erwachsener ist Jack (Sean Penn) eine verlorene Seele.

Im nächsten Moment sieht man den heute erwachsenen Jack (Sean Penn) verloren zwischen Designerhäusern und Stahlbetonbauten – der Antithese zum Ort seiner Jugend – herumirren. „Die Welt geht vor die Hunde“, sagt er, während er an seinen verstorbenen Bruder und an seine Kindheit denkt.

Gewaltige Bilderwelten

Um die Chronologie vollends auf den Kopf zu stellen, wird die Leinwand plötzlich überschwemmt von pulsierender Lava, Wolkengebilden, Nebelformationen, atemberaubenden Bildern aus dem Weltall, ja sogar Dinosaurier und undefinierbare Einzeller tauchen auf. Man weiß nicht, wo das eine Bild aufhört und das nächste beginnt. Dazu immer wieder Stimmen aus dem Off, die nach dem Sinn alles Seins fragen. So hat man die Theorie des Urknalls noch nie auf der Leinwand gesehen. Malick gelingt es, dass man im Verschmelzen zweier Wassertropfen den Ursprung des Lebens zu erkennen glaubt.

In den Hinterhof einer texanischen Familie des Jahres 1950 kehrt man von einem visuellen Trip zurück. Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein: Kinderlachen, Schmetterlinge, eine glückliche Mutter (Jessica Chastain) im Sommerkleid. Der kleine Jack wächst in geordneten Bahnen auf, mit Regeln, die sein strenger Vater (Brad Pitt) unwidersprochen einfordert. Bis zu dem Tag, an dem Jack beginnt, die Grenzen zu überschreiten und seine Unschuld zu verlieren.

Zwischen Mutter und Vater

Der Sohn ist hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu seiner Mutter, einem ätherischen Wesen, das Anmut und Gnade verkörpert, und den ambivalenten Gefühlen seinem Vater gegenüber, einem übermächtigen und doch hilflosen Patriarchen. Daneben steht die Beziehung zu den Brüdern, die – bei allem Konkurrenzkampf um die Anerkennung der Eltern – von subtiler Zärtlichkeit getragen wird.

Szene aus dem Film "The tree of life"

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Der Vater sorgt für Zucht und Ordnung, während die Mutter den Söhnen Halt gibt.

„Ich vertraue dir“, sagt Jacks jüngerer Bruder, der später nur noch in der Erinnerung weiterleben wird. Neben den opulenten Bildern sind es Blicke und kleine Gesten, die „The Tree of Life“ ausmachen. Der Gesichtsausdruck der Buben, wenn sie dem Vater widerwillig den täglichen Gutenachtkuss geben müssen, zeigt ein ganzes Spektrum adoleszenter Verzweiflung.

Gott, Natur, Glaube, Tod, Schuld und Unschuld – große Themen werden verhandelt, am Ende stehen Loslassen, Versöhnung und Hoffnung.

Sonia Neufeld, ORF.at

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