Aug’ in Aug’ mit Diktatoren
Der griechisch-britische Fotograf Platon Antoniou kennt sie alle, die „Gesichter der Macht“, und zeigt sie derzeit in der Wiener Galerie WestLicht. Hunderte Staatsoberhäupter hat er abgelichtet - und dabei einen schaurigen Einblick in die Rituale der Macht bekommen, wie er in einem Interview mit ORF.at und vor Publikum bei der Eröffnung der Ausstellung von 50 seiner Fotos sagte.
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Die meisten Fotos entstanden bei einer einzigen Session 2009. Denn nach 67 Verhandlungen, die sich über neun Monate zogen, bekam er die Genehmigung, nahe dem Rednerpult bei einer UNO-Vollversammlung eine kleine Fotokabine aufzubauen. Zuerst musste er einzelne Politiker im Plenum ansprechen und überreden. Als er ein paar Bilder im Kasten hatte, wollten plötzlich alle mitmachen, eine lange Schlange entstand.
Wenn man durch die Galerie geht und die vergrößerten, frontalen Porträts sieht, stellt sich ein Unbehagen ein, das man schwer einordnen kann. Die Staatsoberhäupter sehen anders aus als auf Fotos in den Medien. Gibt es eine Gemeinsamkeit? Platon sagt, dass er keine Formel der Macht gefunden habe, die sich in den Gesichtern widerspiegle. Die höchst unterschiedliche Persönlichkeit habe sich selbst beim Akt des Fotografiertwerdens gezeigt.
Berlusconi tänzelte durch die Kabine
Der damalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi etwa sei durch die Kabine getänzelt wie Fred Astaire - auf einer Seite hinein, auf der anderen Seite hinaus, dazwischen ein kurzes, spitzbübisches Lächeln für die Kamera. Andere musste Platon erst auftauen. Sein Trick: Fussel oder Haare vom Revers der Porträtierten wischen und dann mit der analogen Hasselblad-Kamera ganz nahe an das Gesicht herangehen. Die Berührung und die Nähe verunsichern das Gegenüber und schaffen einen kurzen, intimen Moment, in dem die Politiker von ihrer sonstigen Selbstinszenierung abweichen.

Platon
Muammar al-Gaddafi, Silvio Berlusconi
Gaddafis Machtdemonstration
Auch gespenstische Situationen ergaben sich in dem kleinen Durchgangszimmer neben dem Rednerpult im UNO-Hauptgebäude. Barack Obama hielt gerade seine erste Rede als US-Präsident, seine Berater und Securitys standen dicht gedrängt. Ein symbolträchtiger Moment, den der verstorbene libysche Revolutionsführer Muammer al-Gaddafi für sich zu nutzen wusste. Er drängte mit 15 seiner uniformierten Leibwächterinnen und seiner gesamten Entourage in den kleinen Raum und warf sich für den Fotografen in Pose. Für den Fotografen? Platon ist sich sicher, dass seine Inszenierung Obamas Team galt.
Dieser Auftritt, gerade auf amerikanischem Boden, habe ihn verängstigt, sagt Platon - und: „Ich hätte mir nie vorstellen können, ihn wenig später blutüberströmt aus einem Loch kriechen zu sehen, wie er um sein Leben fleht.“ Die Geschichte bestehe eben aus vielen einzelnen kurzen Momenten. Er wolle diese Momente dem Vergessen entreißen. Umgelegt auf die Politikerporträts: „Mein Job ist es, die Gesellschaft daran zu erinnern, dass man wichtige Vorkommnisse nicht vergessen sollte, dass diese Menschen gelebt haben, dass sie Entscheidungen zum Guten oder Schlechten getroffen haben.“

Platon
Mahmud Ahmadinedschad, Barack Obama
Ahmadinedschad nach Brandrede in Feierlaune
Ähnlich wie mit Gaddafi verhielt es sich mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Er hatte gerade eine Brandrede gegen Israel und den Westen gehalten, als er mit Gefolgsleuten, die ihn jubelnd feierten, den Raum betrat. Für die Kamera konzentrierte sich Ahmadinendschad einen Moment lang, um Siegespose und Feierlaune zu unterdrücken, offenbar, weil er seriös wirken wollte. Sein Blick galt dennoch den Anhängern - er schaut über die Linse hinweg.
Respektlos gegenüber Michelle Obama
Aber nicht alle Politiker fotografierte Platon für sein Projekt auf der Höhe ihrer Macht. Das Schwarz-Weiß-Bild Obamas wurde kurz nach der Kandidatur aufgenommen. In dem Gesicht auf dem Bild sieht Platon das Streben nach Macht - noch nicht die Macht selbst. Der Fotograf, der für das „Time Magazine“ (vor allem Covers), den „New Yorker“ und einige weitere renommierte Zeitschriften arbeitet, war den Obamas während des Wahlkampfs (und danach) sehr nahe.
Er war es auch, der von der Präsidentenfamilie die ersten Porträts im Weißen Haus schießen durfte. Ganz in seinem Element als Fotograf sagte er zur First Lady: „Okay, Liebes, ich will Deine Seele, gib’ sie mir!“ Im ganzen Raum wurde es still. Sie warf Platon einen verheerenden Blick zu, den man auf einem Foto sehen kann.
Er habe sich so geschämt, als ihm seine Respektlosigkeit bewusst wurde, und sich nach dem Fotoshooting vielmals bei der Präsidentengattin entschuldigt. Sie sei daraufhin auf ihn zugekommen, habe ihn auf die Wange geküsst und in sein Ohr geflüstert: „Wenn das alles vorbei ist, bin ich einfach nur Michelle.“

Platon
Wladimir Putin, George W. Bush
Bush „der Furchteinflößendste“
Obamas Vorgänger George W. Bush sei da ganz anders gewesen - vielleicht sogar der furchteinflößendeste Mensch, den er jemals getroffen habe, so Platon: „Er war aggressiv und trat wie ein Bulle auf. Dann hat er mich noch bedroht, indem er sagte: ‚Ich rate Dir, einen glücklichen Typen zu fotografieren.‘“ Auf den ersten Blick sieht er auf dem Foto auch glücklich aus. Bush habe seinen Gesichtsausdruck aber wie eine Maske extra für das Foto aufgesetzt. Das, so Platon, sehe man an den Augen.
Putin und die Beatles
Von Angst berichtet der Fotograf auch, wenn er an Russlands Staatschef Wladimir Putin denkt. Durch einen finsteren Wald habe er zu dessen Datscha fahren müssen. Beim Aussteigen seien mehrere Maschinengewehre mit Laserpointern auf ihn gerichtet gewesen. Jede Menge Berater und Sicherheitsleute seien am Beginn des Gesprächs im Wohnzimmer zugegen gewesen. Doch dann hatte Platon mit einem „Icebreaker“ Erfolg. Er erzählte Putin, dass er die Beatles liebe.
Daraufhin schickte der russische Ministerpräsident alle Menschen bis auf einen kleinen Rest von 15 Leibwächtern aus dem Zimmer, beugte sich vor und sagte leise: „Ich auch.“ Platon: „Wer ist ihr Lieblings-Beatle?“ Putin: „Paul“ - „Und ihr Lieblingssong?“ - Noch leiser: „Yesterday“. Das Bild in der Ausstellung stammt jedoch nicht von der Datscha, sondern wurde ebenfalls am Rande der UNO-Vollversammlung aufgenommen.
Fischer, Putin und Breschnew
Dort lichtete Platon auch Bundespräsident Heinz Fischer ab. Bei der Ausstellungseröffnung im WestLicht traf man einander wieder. Fischer gab vor Publikum ebenfalls Anekdoten wieder - eine davon betrifft Putin. Bei dessen Staatsbesuch habe es organisatorische Schwierigkeiten und eine Stresssituation gegeben, wegen derer er, Fischer, sein Redemanuskript mit dem von jemand anderem verwechselt habe. Schnell schickte er eine Assistentin nach dem richtigen Text.
Putin sei schon neben ihm gesessen und habe das mitbekommen. Fischer: „Ich habe vergessen, dass er so gut Deutsch spricht. Plötzlich sagt er: ‚Ham’s leicht des falsche Manuskript? Machen’s Ihnen nichts draus, das ist dem Breschnew auch passiert - nur dass der es nicht bemerkt hat.‘“ Im Interview mit ORF.at erklärt Fischer dann noch, welches Gesicht man aufsetzt, wenn man mit Staatsoberhäuptern spricht, in deren Ländern Menschenrechte mit Füßen getreten werden: „Geschäftsmäßig“.
Die Kehrseite der Macht
Ankedoten hin oder her, Platon will sein Projekt nicht als ästhetische Präsentationsplattform für Politiker oder Vehikel zum Geschichtenerzählen missverstanden wissen. Was auch immer man von Politik halten mag - Platon zeigt die Verantwortlichen. Längst fotografiert er auch Widerstandskämpfer, Dissidenten und andere „Helden“, wie er sagt. Zuletzt war er in Burma, als Nächstes reist er nach Afrika. Nach dem Gesicht der Macht wird man ihre Kehrseite zu sehen bekommen.
Simon Hadler, ORF.at
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