Gefährliche Spirale
Die immense Geldschwemme der Europäischen Zentralbank (EZB) droht Unternehmen und private Haushalte in den Krisenländern zu verfehlen. Trotz Kapitalspritzen der Notenbank in Rekordhöhe wollen sich die dortigen Banken bei der Kreditvergabe weiter zurückhalten. Darauf deuten jüngste Umfragewerte der EZB hin.
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Zum Jahresende war die Kreditmenge gar so stark rückläufig wie noch nie seit Gründung des Währungsraums. Droht ein Engpass, der die ohnehin angeschlagene Euro-Raum-Konjunktur zusätzlich belastet? Niemand Geringerer als EZB-Chef Mario Draghi fürchtet eine „schwere Kreditkrise“ im Euro-Raum. Zwar sei das Austrocknen des Handels zwischen den Banken durch das beherzte Eingreifen der Notenbank zunächst verhindert worden. „Doch in Teilen der Euro-Zone ist die Lage weiterhin ernsthaft beeinträchtigt“, sagte Draghi zuletzt auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.
Banken bekommen unbegrenzt Kredit
Um die gefürchtete Kreditklemme zu verhindern, hatte die Notenbank bereits im Dezember drastische Maßnahmen ergriffen. Damit die Geschäftsbanken liquide bleiben, lieh die EZB ihnen kurz vor Weihnachten fast 500 Milliarden Euro zu äußerst günstigen Konditionen für drei Jahre, ein bis dato einmaliger Schritt in der noch jungen EZB-Geschichte. Bereits Ende Februar folgt aber bereits die zweite Refinanzierungsrunde - dann können die Geschäftsbanken nochmals Billigkredite in unbegrenzter Höhe aufnehmen. Erneut wird eine starke Nachfrage erwartet.
„Bessern wird es die aktuelle Lage kaum“, sagt Daniel Bendel vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Mit der Bereitstellung der Gelder werde weder die Schuldenkrise noch die Vertrauenskrise unter den Banken gelöst. Es sei zu befürchten, dass das frische Geld nicht zur Kreditvergabe genutzt, sondern wieder bei der Zentralbank deponiert werde.
Falsches Mittel für guten Zweck?
In der Tat scheint es fraglich, ob die Flut an frischem Geld überhaupt bei Haushalten und Unternehmen ankommt und so die Konjunktur am Laufen hält. Einen Warnschuss sandten unlängst neue Zahlen der EZB. Nicht nur, dass sich das Kredit- und Geldmengenwachstum zum Jahresende hin stark abschwächte. Im Monatsvergleich war die Kreditvergabe sogar drastisch rückläufig: Im Dezember sank sie um rund 74 Milliarden Euro und damit so stark wie noch nie seit Gründung des Währungsraums.
Besonders zurückhaltend zeigten sich die Banken gegenüber den Unternehmen, die Kreditvergabe sank um 37 Milliarden Euro. Bei den Verbraucherkrediten fiel der Rückgang etwas moderater aus. Insgesamt sank die Kreditvergabe noch stärker als während des Krisenjahres 2009, zur Zeit der starken Rezession nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers.
Firmen kommen schwerer an Geld
Auch eine Umfrage der EZB unter den Geschäftsbanken des Währungsraums fiel zuletzt ernüchternd aus. Demnach haben die Geldhäuser ihre Konditionen für die Darlehensvergabe im Schlussquartal 2011 stark verschärft. Auch hier war vor allem das Kreditgeschäft mit den Unternehmen betroffen.
Warum zeigen sich die Banken trotz der üppigen Mittelversorgung durch die EZB so knausrig? Kreditinstitute fürchten das schwächere Wirtschaftswachstum im Währungsraum und die europäische Schuldenkrise. Zudem müssen sie aufgrund erhöhter Eigenkapitalvorschriften ihre Finanzausstattung erhöhen. Viele von ihnen stehen zugleich unter enormem Refinanzierungsdruck. Statt die EZB-Gelder an die Realwirtschaft weiterzureichen, werden sie zum Teil als „Vorsichtskasse“ gebunkert oder in Staatsanleihen und Geldmarktpapieren mit kurzen Laufzeiten geparkt.
Banken bunkern billiges Geld
Ablesen lässt sich das an der deutlichen Entspannung auf dem europäischen Anleihemarkt und den steigenden Übernachteinlagen, die die Geschäftsbanken bei der EZB unterhalten. Zwischenzeitlich hatte dieser Posten die Marke von 500 Milliarden Euro überschritten. Viele Marktbeobachter schließen daraus, dass die günstigen EZB-Kredite auf Umwegen an die Notenbank zurückfließen, um dort als Krisenpuffer bereitgehalten zu werden.
Während etwa die Berenberg Bank den Euro-Raum auf eine „leichte“ Kreditklemme zusteuern sieht, warnt die US-Bank JPMorgan vor einer vorschnellen Interpretation. So gehe aus den jüngsten Daten nicht zweifelsfrei hervor, ob der Kreditengpass von der Angebots- oder der Nachfrageseite herrühre. Mit anderen Worten: Sinkt die Kreditmenge wegen der zuletzt sehr schwachen Euro-Raum-Konjunktur, oder ist der angeschlagene Bankensektor dafür verantwortlich?
Auch Investitionen gehen zurück
Die Wahrheit scheint dazwischen zu liegen: Laut EZB-Umfrage berichteten die Geschäftsbanken zuletzt nicht nur von einem zurückhaltenden Kreditangebot, sondern auch von einer spürbar schwächeren Nachfrage nach Krediten. Offensichtlich sorgt das unheilvolle Gemisch aus Schuldenkrise und Konjunkturschwäche dafür, dass sich sowohl die Banken bei der Kreditvergabe zurückhalten als auch Unternehmen und Verbraucher bei Investitionen und Ausgaben vorsichtiger sind.
Die Situation in den Euro-Ländern ist jedoch sehr unterschiedlich. So klagen in Deutschland nur wenige Unternehmen über einen schlechten Zugang zu Krediten, wie jüngste Zahlen des Münchner ifo-Instituts belegen. „Wir sind überzeugt: Es gibt keine Kreditklemme“, sagt auch KfW-Chef Ulrich Schröder. Die Entwicklung im Währungsraum driftet jedoch auseinander: In den Krisenländern Südeuropas sieht es ganz anders aus. Doch gerade dort wäre eine ausreichende Kreditversorgung extrem wichtig, um auf den Wachstumspfad zurückzufinden und wieder wettbewerbsfähig zu werden.
Hannes Breustedt und Bernhard Funck, dpa-AFX
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